Neustadts Partnerstadt feierte die Chiamata – 70 Gruppen in historischen Kostümen

Städtepartnerschaft ist ein merkwürdiges Wort. Es vermittelt den Eindruck, als ginge es um eine steife Angelegenheit mit Empfängen und Lobreden, etwas für Bürgermeister und Stadträte. Wer es so sieht, könnte etwas missverstanden haben - oder er war noch nie bei der Chiamata di Marzo in Recoaro Terme.
Immer am Ende des Winters, aber nur alle zwei Jahre, findet das Winteraustreiben in Neustadts italienischer Partnerstadt statt. Dann, so die Tradition, haben die Menschen des 5800 Einwohner zählenden Städtchens in der Provinz Venetien am Fuße der kleinen Dolomiten endgültig die Nase voll von Schnee, Eis und Kälte. Sie feiern deshalb das Winteraustreiben, die Chiamata di Marzo.

Kern des Festes ist ein Umzug, an dem am vorigen Sonntag rund 70 Fußgruppen und Wagen teilgenommen haben. Die Gruppen stellen das Leben in der Kleinstadt, die einst ein berühmter Kurort war, so dar, wie es früher war. Historische Gewänder gehören genauso dazu wie die Themen, die einst das Leben der Menschen in Recoaro Terme bestimmt haben. So wird beispielsweise auf einem Wagen die traditionelle Küche eines Bergbauernhauses gezeigt, eine andere Gruppe erinnert an die Froschfängerei, die der Ernährung diente und einen kleinen Nebenverdienst ermöglichte.
Auch an die Bänkelsänger, die Auswanderer und die einst zahlreichen Sommergäste wird erinnert. Wieder eine andere Gruppe zeigt, wie früher der Weizen gedroschen wurde oder dass die Grappa-Brennerei in vielen Familien zum Alltag gehörte.
Dreschen, Schmieden, Backen vor Publikum
Deutschen Beamten mögen beim Anblick dieses Umzuges möglicherweise die Haare zu Berge stehen. Die Aktionen finden live vor Publikum statt. Und deshalb wird nicht nur mit Dreschflegeln die Spreu vom Weizen getrennt, sondern auf den Wagen auch am offenen Feuer gekocht und gebacken oder geschmiedet. Lebende Tiere werden ebenfalls mitgeführt. Die – vor allem Schafe, Lämmer und Hühner – nehmen den Rummel übrigens erstaunlich gelassen.

Das Wetter erreicht an diesem Sonntag, an dem die Chiamata stattfindet, zweistellige Temperaturen. Oben in den Bergen liegt noch der Schnee und unten im Tal ist die ganze Stadt auf den Beinen. Auch die Schaufenster der vielen kleinen Geschäfte sind passend zum Fest dekoriert – und haben sogar beim Umzug geöffnet.
„Die Menschen lieben das Fest und feiern ihre Stadt“, lobt Mike Hartl, Stadtrat aus Neustadt. Er ist wie viele der über 50 Besucher aus Bayern nicht zum ersten Mal hier. Er ist ein Wiederholungstäter. Er liebt die Partnerstadt, die Menschen und ihre Lebensweise.
Zweieinhalb Stunden dauert der Umzug, der eine Hommage an die eigene Geschichte ist, und dann ist der „Film“ noch lange nicht zu Ende. Die Gruppen ziehen einfach noch einmal durch den Ort. Die Begeisterung ist ihnen und den Zuschauern deutlich anzumerken. Schon am Abend vor dem Umzug wurde in der Kleinstadt reichlich gefeiert.

Auch deshalb stellt Anton Stadler, Referent für Städtepartnerschaft im Stadtrat, fest: „Wer bei Recoaro an ein ,verschlafenes Nest‘ denkt, unterschätzt die Stadt.“ Stadler weiß: „Es gibt hier das ganze Jahr über Veranstaltungen, die einen Besuch lohnen.“
Großartige Natur und kein Massentourismus
Belohnt werden die Besucher aber auch mit einer großartigen Natur und etwas, was man am ehesten mit Authentizität beschreiben kann. Das kleine Recoaro lebt nicht vom Massentourismus, weshalb es erfreulicherweise auch keine Betonburgen gibt. Stattdessen erlebt man eine typische italienische Kleinstadt, die sich viel von ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat.

Die Sprache ist dabei für die Besucher anscheinend kein Problem. Unter den Neustädtern gibt es etliche, die Italienisch sprechen. Klar im Vorteil sind dabei jene, die in der Schule Latein als Unterrichtsfach hatten, wie Stadler Thomas Memmel bestätigt. Er sagt aber auch, dass man nicht perfekt Italienisch sprechen müsse. „Man muss sich einfach nur trauen, die Sprache zu sprechen“, ist er überzeugt. „Alles weitere kommt von allein.“
Dabei hilft, dass es bei der Städtepartnerschaft auch um Freundschaften geht. „Und es geht um Wertschätzung“, sagt Bürgermeister Memmel. „Deshalb ist mir die Freundschaft mit der Stadt und den Menschen von Recoaro Terme nicht egal. Das ist etwas von den Dingen in meinem Amt als Bürgermeister die mir richtig Freude bereiten“, betont der Rathauschef.
Die rund 50 Neustädter, die an diesem Wochenende bei der Chiama ta in Recoaro gewesen sind, dürften das ähnlich sehen. Steif und „offiziell“ war hier nichts.
