Konferenz in Regensburg: Wie klappt das mit dem Wasserstoff-Hochlauf?

Sie sind eine Seltenheit auf Bayerns Straßen: Fahrzeuge, die mit Wasserstoff betrieben werden. Kein Wunder. Die Zahl der Tankstellen ist überschaubar, die Fahrzeuge sind teuer. Der Markt kommt deshalb nicht in Schwung. Dennoch plädierten Experten bei einer Tagung in Regensburg dafür, Wasserstoff im Mobilitätsbereich weiter zu verfolgen. Und das, obwohl Elektrofahrzeuge sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb aktuell deutlich günstiger sind. Wie passt das zusammen?
Grüner Wasserstoff, hergestellt mit Strom aus erneuerbaren Energien, soll nicht nur die Mobilität nachhaltiger machen. Er gilt auch als Schlüssel für die Dekarbonisierung der Industrie und von Energiesystemen. Darin, dass der Hochlauf der Technologie dringend benötigt wird, waren sich beim ersten Tag der 8. Regensburger Wasserstoffkonferenz am Dienstag alle Experten einig. Allerdings: Dabei handle es sich um „kein triviales Thema“, sagte Silke Stahl, Referatsleiterin im Bundeswirtschaftsministerium. Es seien zwar sehr viele Projekte „in der Pipeline, die Dinge kommen aber nicht in die Realisierung“.
Teilweise zu enge EU-Vorgaben
Eine zentrale Hürde sei die „sehr, sehr anspruchsvolle“ Regulierung, sagte Stahl. So gebe es „sehr viele Anforderungen, die sehr hart sind“, insbesondere bei den europäischen Kriterien für grünen Wasserstoff. Mitunter mache das Projekte „sehr teuer, teilweise unmöglich“. Außerdem stehen die öffentlichen Haushalte unter Druck. Die begrenzten öffentlichen Fördermittel müsse man „sehr effizient einsetzen“.
Stahl bekräftigte aber, dass man sich trotz aller Herausforderungen auf Bundesebene weiter mit aller Kraft für den Wasserstoff-Hochlauf einsetzen werde. Dass alles andere wenig Sinn ergeben würde, war auch die Ansicht Stefan Reusners vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie. Seit dem ersten Gedanken von Wasserstoff als Energieträger der Zukunft – ihm zufolge ausgelöst durch die Ölkrise 1973 - sei viel passiert, sagte der Ingenieur. „Wir dürfen jetzt nicht aufhören, sonst waren alle Anstrengungen bisher umsonst.“ So oder so werde man auf die Technologie künftig nicht verzichten können.
Wir dürfen jetzt nicht aufhören, sonst waren alle Anstrengungen bisher umsonst.Stefan Reusner, Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie
Carolin Reiser vom Zentrum Wasserstoff.Bayern (H2.B) zufolge befinden sich bereits jetzt 65 Prozent der Elektrolyse-Kapazitäten in China. Mittels Elektrolyse wird mit Strom Wasserstoff hergestellt. Dass man sich hier nicht in eine unsichere Abhängigkeit begeben solle, war Konsens bei der Tagung in Regensburg. Ganz ohne Importe wird es aber wohl nicht funktionieren. Anders als Öl oder Gas könnten allerdings sämtliche Länder Wasserstoff herstellen, sagte der Fraunhofer-Experte Reusner. Deutschland sei beim Handel also nicht auf „Schurkenstaaten“ angewiesen.
Bleibt also nur die Frage: Wie kann der Hochlauf in Deutschland beschleunigt werden? Unter anderem ein „Henne-Ei-Problem“ sorgt dafür, dass es aktuell nur langsam vorangeht. Für die Industrie lohnt es sich nur, auf Wasserstoff umzustellen, wenn dieser sicher und günstig verfügbar ist. Andererseits pochen Wasserstoff-Produzenten und Infrastrukturbetreiber auf feste Abnehmer. Diese Unsicherheiten sind ein Grund dafür, dass viele Projekte nicht über das Planungsstadium hinauskommen.
Anders in Pfeffenhausen im Landkreis Landshut: Dort ist seit zwei Jahren ein Elektrolyseur in Betrieb, der Sonnen- und Windstrom in Wasserstoff umwandelt. Für Tobias Brunner sei Wasserstoff ein regionales Thema, sagte er am Dienstag. Der Unternehmer ist Geschäftsführer von Hy2B. Die Firma, an dem mehrere öffentliche und privatwirtschaftliche Partner beteiligt sind, betreibt den Pfeffenhausener Elektrolyseur.

Er sei überzeugt, dass man beim Wasserstoff-Hochlauf „von innen nach außen“ wachsen kann, sagte Brunner und plädierte für einen dezentralen Ansatz. Der grüne Wasserstoff aus Niederbayern wird an zwei Tankstellen rund um München geliefert. Dort werden dann unter anderem Busse betankt, die im Nahverkehr unterwegs sind.
Besonders im Langstrecken-Schwerlastverkehr, wo Batteriefahrzeuge aufgrund des Aufladevorgangs und der schweren Akkus benachteiligt sind, gilt Wasserstoff als wichtige Zukunftstechnologie. Bis 2030 werde grüner Wasserstoff aus dezentralen Elektrolyseuren wie in Pfeffenhausen mit dem Diesel gleichziehen, prognostizierte Brunner. Ein Grund: Auch der große Kostenfaktor Maut falle bei wasserstoffbetriebenen Lastwagen weg. Außerdem wird der niederbayerische Elektrolyseur netzdienlich betrieben: Wenn der Strompreis niedrig ist, wird Wasserstoff produziert. Ist das nicht der Fall, steht die Anlage still. Das senkt die Kosten für den Treibstoff.
Elektrolyseur: „Spione“ in Pfeffenhausen in Niederbayern
Pro Woche habe er eine Person in Pfeffenhausen zu Gast, die quasi „spionieren“ wolle und ihn mit Fragen löchere , sagte Brunner. Er sei sich sicher, dass das Hy2B-Konzept bald Nachahmer finden werde. Die sich daraus entwickelnde dezentrale Wasserstoff-Infrastruktur mit dem Fokus auf die Mobilität könne sich dann nach und nach beispielsweise auf die Industrie ausweiten, so der Experte.

Zustimmung erntete Brunner unter anderem von OTH-Professor Michael Sterner. Der Mobilitätssektor könne die Nachfrage nach Wasserstoff ins Rollen bringen und so den Hochlauf antreiben, sagte der Initiator der zweitägigen Konferenz in Regensburg und Mitglied des Nationalen Wasserstoffrates. „Wir müssen da anfangen, wo die Zahlungsbereitschaft vorhanden ist.“