Kelheims Bürgermeister-Kandidaten stellen ihre Konzepte gegen die Wirtschaftsflaute vor

Mit Kelheim Fibres fällt ein großer Arbeitgeber in der Kreisstadt weg und hinterlässt viele Standort-Fragen. Auch andernorts bangen Beschäftigte um Arbeitsplätze. Wie wird sich der künftige Bürgermeister für den Wirtschaftsstandort Kelheim einsetzen? Hier die Antworten der vier Kandidaten aus dem „Wahl-Talk“ von MZ und TVA!
Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft treffen zunehmend auch Kelheim. So stellt Ende März der Spezialfaser-Hersteller Kelheim Fibres (KF) seinen Betrieb ein. Wie soll die Stadt umgehen mit dem bisherigen industriellen Wahrzeichen an der Regensburger Straße, mit den Chancen und Risiken am Standort? Das wollte MZ-Redakteurin Beate Weigert gleich zu Beginn des „Wahl-Talks“ wissen, den sie und TVA-Redakteur Matthias Feuerer moderierten.
Rede und Antwort standen der amtierende Bürgermeister Christian Schweiger (CSU) und seine Herausforderer, Dennis Diermeier (Freie Wähler), Daniel Elsner (Grüne) und Stephan Schweiger (SPD). Zuvor erinnerte Weigert bei der in Regensburg aufgezeichneten Sendung an die zweischneidige Ausgangslage auf dem KF-Werksgelände: Es punkte einerseits mit einem modernen Gaskraftwerk, der Schwefelsäure-Produktion, einer eigenen Kläranlage und einer neuen Werk-Feuerwehr; andererseits drohe wohl eine aufwendige Altlasten-Sanierung auf dem riesigen Areal.
Aus für Kelheim Fibres: Was tun am Standort?
Der nun verlorene Kampf um den Traditionsbetrieb sei „tragisch“ für die fast 500 Beschäftigten, sagte Kelheims Bürgermeister Christian Schweiger. Um den Fachkräften eine neue Perspektive zu bieten, müsse die Fläche „als Industriestandort erhalten“ bleiben; über „grüne Landschaften“ dort „brauchen wir nicht diskutieren“, so der CSU-Politiker.

Stattdessen sieht er dort „mit dem Thema Wasserstoff eine Zukunft“, zusammen mit dem benachbarten Hafen. Für das KF-Gaskraftwerk will Schweiger „eine vernünftige Nachnutzung finden“ – rein für die kommunale Wärmeplanung wäre die Anlage überdimensioniert, ergänzte er.
Sein Herausforderer von den Freien Wählern würde zeitnah nach der Wahl eine Projektgruppe einrichten, um die Nachnutzung der KF-Infrastruktur zu planen. Konkret würde Dennis Diermeier „alles daransetzen“, dass die Feuerwehr Affecking das Gebäude der Werk-Feuerwehr übernehmen könne, vielleicht sogar ein Dorfplatz dort entsteht. Für das Kraftwerk will er eine Fernwärme-Nutzung geprüft wissen – rechtzeitig vor der weiteren Sanierung der Regensburger Straße. Kelheims Vize-Bürgermeister warnte aber davor, mit dem Begriff „Perspektiven“ unerfüllbare Hoffnungen bei den betroffenen KF-Beschäftigten zu wecken.

Ein solcher Betroffener ist Daniel Elsner, Betriebsingenieur für Umwelt- und Brandschutzanlagen bei KF. Er sieht durchaus Chancen, dass der Standort weiter industriell genutzt wird: Es gebe Interessenten, denn „Industrieflächen sind rar“, so der Grünen-Politiker. Falls sich wider Erwarten doch keine Nachnutzung finde für Anlagenteile sowie das Gelände insgesamt, müssten Stadt, Landkreis und Staat unbedingt ein „zweites ,Zellstoff-Desaster‘“ verhindern. Sprich: eine Industrieruine, für deren Sanierung die öffentliche Hand zahlen muss. „Jeder Cent, der noch bleibt, muss in den Rückbau gesteckt werden“, mahnte Elsner unter eifrigem Nicken der anderen Kandidaten.
Auch beim „Wahl-Talk“ von MZ und TVA mit den Landrats-Kandidaten war die Wirtschaft ein zentrales Thema: Landratskandidaten im Gespräch: Wo sollen die Menschen im Kreis Kelheim künftig arbeiten?
Stephan Schweiger kann nach eigenen Worten gut nachvollziehen, wie „bitter“ das KF-Aus für die Beschäftigten sei: Der Handwerksmeister hat selbst in dem Werk gelernt; „es war ein gutes Gefühl, dort zu arbeiten“. Der SPD-Kandidat riet, die bis Ende März geplante „Ausproduktion“ im Werk abzuwarten. Dann würde er an einem Runden Tisch über die Folgeverwendung des Areals beraten. Diese sollte industrieller Art sein, so Schweiger, denn mit Bahn- und Hafen-Anbindung „ist das ein wertvolles Gelände, auf dem sich was entwickeln kann“.
Neue Betriebe, neue Jobs: Was kann die Stadt tun?
Doch was kann die Stadt, über Kelheim Fibres hinaus, für eine Wirtschaft und eine Arbeitswelt im Wandel tun – neue Gewerbegebiete schaffen, neue Branchen anlocken? Da waren die Kandidaten teils skeptisch.
So hat für Daniel Elsner die Nutzung des KF-Geländes Vorrang. Für weiteren Bedarf, und um neue Arbeitsplätze zu ermöglichen solle die – verkehrstechnisch günstig gelegene – Kreisstadt aber auch neue Gewerbegebiete ausweisen. „Statt Flächen für Autoparkplätze“, fügte der Grünen-Politiker süffisant an.

Stephan Schweiger riet dagegen zur Vorsicht: Erst mal ums KF-Gelände kümmern, ehe man über neue Gewerbegebiete „auf der grünen Wiese“ nachdenke, sagte der SPD-Kandidat. Insbesondere in den Ortsteilen würde er lediglich kleinere Gewerbeflächen befürworten. „Dort muss der dörfliche Charakter erhalten bleiben“, forderte der Stausackerer.

Dennis Diermeier würde vor allem bestehende Betriebe bei Erweiterungswünschen unterstützen, „bevor sie uns abwandern“ – wie schon geschehen, schob er Kritik hinterher. Um Neuansiedlungen zu erleichtern, würde er das Einzelhandelskonzept lockern: Die Standortwahl müsse man schon dem Unternehmer überlassen, findet der FW-Kandidat. Es brauche auch Verhandlungen, um an die nötigen Grundstücke – zum Beispiel an der alten B16 – zu kommen, aber auch um Leerstände zu reaktivieren. Und die „müssen Chefsache sein“. Das mache „der Saaler Bürgermeister ja ganz gut“, setzte er einen Seitenhieb auf Kelheims Rathaus-Chef hinterher.
Der bezeichnete es umgehend als „toll, dass Dennis Diermeier meinen Kurs der letzten sechs Jahre vollumfänglich unterstützt“. Denn für den Ankauf von Grundstücken im Wert von 16 Millionen Euro „habe ich gesorgt“, auch mit persönlichen Verhandlungen, sagte Christian Schweiger.
Er stellte weitere Käufe in Aussicht, unter anderem an der alten B16; „wir brauchen neue Flächen“. Zumal die Kreisstadt eine „hervorragende Infrastruktur für Industrie und Gewerbebetriebe“ biete, inklusive einer intakten „kommunalen Familie“ aus Verwaltung, Ver- und Entsorgern. Betriebe zu unterstützen, sei insgesamt nötig, damit die Stadt die finanziellen „Herausforderungen der nächsten Jahre“ bewältigen könne.
Wahl-Talk: der Sendetermin
Den einstündigen Wahl-Talk der Kelheimer Bürgermeister-Kandidaten können Sie am Sonntag, 22. Februar, 20 Uhr, auf TVA sehen. Ab 21.15 Uhr ist die Sendung mit weiteren wichtigen Themen zur Stadtpolitik – vom Tourismus über Wohnraum bis zur Arbeit für Vereine und für Senioren – auf www.mittelbayerische.de abrufbar.
