Einer der ältesten Tastaturhersteller vor Umbruch: Was wird aus Oberpfälzer Konzern?

1973 brachte Cherry seine erste Computertastatur auf den Markt. Nun steht der Verkauf des Geschäftsbereichs zur Debatte. Der Interimschef des Oberpfälzer Konzerns spricht gegenüber der Mediengruppe Bayern von einem „entscheidenden Schritt“, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Es könnte allerdings auch eine andere Sparte treffen.
Finanzberichte großer Unternehmen gelten als Pflichtlektüre für Analysten – für die meisten anderen sind sie ein Rätsel aus Zahlen, Fachbegriffen und Fußnoten. Beim Oberpfälzer Tastaturhersteller Cherry gab es im vergangenen Jahr allerdings Passagen, die selbst für Laien unmissverständlich waren: Im Bericht über das dritte Quartal war von „erheblicher Unsicherheit hinsichtlich der Fortführungsfähigkeit des Unternehmens“ die Rede. Kurz gesagt: Der Konzern steckt in einer existenziellen Krise. Interims-Vorstandschef Rogier Volmer nennt aber gegenüber der Mediengruppe Bayern einen „zentralen Hebel“, um Cherry wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern.
Einen Kommentar von Wirtschaftsredakteur Lorenz Nix lesen Sie hier: Eine der beiden Varianten bietet die besseren Chancen
Der zumindest vorübergehende Cherry-Chef folgte Anfang des Jahres auf Oliver Kaltner, der das Amt seit 2023 innehatte und nun – laut Unternehmen auf eigenen Wunsch – aus dem Vorstand ausgeschieden ist. Wie lange Volmer den Posten innehaben soll, ist unklar. „Über die langfristige Ausgestaltung der Führung wird der Aufsichtsrat zum richtigen Zeitpunkt entscheiden“, sagt er auf Anfrage. „Für mich steht aktuell die Arbeit mit dem Team und die Stärkung des Unternehmens im Vordergrund.“ Er konzentriere sich nun „vor allem darauf, Stabilität zu schaffen, das Unternehmen bestmöglich zu unterstützen und gemeinsam mit dem Managementteam eine professionelle Führung in unserer Transformationsphase sicherzustellen“.
Cherry-Zentrale in Auerbach in der Oberpfalz soll wichtig bleiben
Die Transformation dauert bei Cherry allerdings schon länger – und die Maßnahmen werden immer drastischer. Vor etwa einem Jahr sprach Kaltner rückblickend von 2024 als „Phase der notwendigen Weichenstellungen“. Abgeschlossen waren letztere damals aber wohl noch nicht. Wenig später verkündete das Unternehmen ein Sanierungskonzept inklusive Stellenabbau. So sollte die Schalterproduktion in der Firmenzentrale in Auerbach im Landkreis Amberg-Sulzbach eingestellt werden. „Die damit verbundenen personellen Anpassungen haben wir bereits vorgenommen und sozialverträglich umgesetzt“, teilt Volmer nun mit. Zu Details, insbesondere zur Zahl der gestrichenen Stellen, schweigen er und das Unternehmen allerdings. Aber: „Auerbach bleibt unser zentrales Entwicklungs-, Logistik- und Servicezentrum für Europa“, so der Firmenchef.
Die mit Abstand größte Weichenstellung steht Cherry allerdings noch bevor: Im November kündigte der Konzern an, eine seiner beiden Kernsparten verkaufen zu wollen. Die Liquiditätsknappheit, die zu den beunruhigenden Passagen in den Finanzberichten geführt hat, soll dann Geschichte sein. Die Verkaufspläne seien hier „der zentrale Hebel“, so Volmer. „Wir schaffen damit die notwendige finanzielle Entlastung und sichern die Handlungsfähigkeit des Konzerns.“ Ein Verkauf sei „der entscheidende Schritt“, um das Unternehmen wieder auf eine dauerhaft gesunde wirtschaftliche Basis zu stellen.
Wir halten uns derzeit beide Optionen offen, um die beste Lösung für die Zukunft von Cherry zu finden.Rogier Volmer, Interims-Chef der Cherry SE
Bislang ist dem Vorstandsvorsitzenden zufolge aber noch nicht entschieden, welcher Geschäftsbereich verkauft werden soll. „Wir halten uns derzeit beide Optionen offen, um die beste Lösung für die Zukunft von Cherry zu finden, und streben einen Abschluss des Prozesses bis zum Ende des ersten Halbjahres 2026 an.“
Zur Auswahl steht unter anderem der Bereich „Digital Health & Solutions“. Dabei handelt es sich um das Geschäft beispielsweise mit Software für Arztpraxen sowie Lesegeräten für Gesundheitskarten, sogenannte eHealth-Terminals. Bei letzteren habe man im vergangenen Jahr zweistellige Zuwachsraten verzeichnen können, so Volmer. Allerdings gab es einen Dämpfer: Eigentlich hätten ab Januar auch Physiotherapeuten, Logopäden und andere Heil- und Hilfsmittelerbringer angeschlossen werden müssen. Die Pflicht wurde jedoch um zwei Jahre verschoben. „Dadurch haben sich fest eingeplante Umsätze aus Erstausstattungen für diese Berufsgruppen entsprechend in die Zukunft verlagert“, sagt Volmer. „Trotz dieser zeitlichen Verschiebung sind wir jedoch überzeugt, dass das enorme Potenzial dieses Marktes unverändert bleibt.“ Dem Cherry-Chef zufolge wolle man sich deshalb weiter konsequent auf auf „margenstarke Hardware- und Softwarelösungen für das Gesundheitswesen“ konzentrieren.
Cherry-Chef Rogier Volmer: „Historischer Bedeutung“ bewusst
Ebenfalls ein Verkaufskandidat ist das zweite Kernsegment des Konzerns: Im Bereich „Peripherals“ ist das Geschäft mit sogenannten Computereingabegeräten wie Tastaturen und Mäusen gebündelt. Ohne die Marke Cherry, die im Gaming-Bereich teilweise eine Art Kultstatus hat, dürfte sich diese Sparte allerdings kaum veräußern lassen. Das traditionsreiche Schaltergeschäft wird in den jüngsten Finanzberichten als eigenständiges, drittes Segment geführt wird. Es ist allerdings eng mit der Sparte für Computereingabegeräte verbunden – die mechanischen Schalter bilden die technologische Basis vieler Cherry-Produkte. Ein Verbleib des Bereichs im Konzern bei gleichzeitigem Verkauf des Tastaturgeschäfts würde strategische Fragen aufwerfen.
Eigenen Angaben zufolge ist Cherry der älteste Hersteller von Computertastaturen. Man sei sich der „historischen Bedeutung“ durchaus bewusst, erklärt Volmer. „Auf dieses langjährige Erbe und die daraus gewachsene technische Kompetenz sind wir sehr stolz.“ Zur zukünftigen Ausrichtung der „sympathischen Marke mit der Kirsche“, wie Cherry auf seiner Webseite schreibt, könne man aktuell aber noch keine Aussage treffen, so Volmer.