Grüne Energie – auf Kosten der Natur? In Regensburg gibt man der Donau Sauerstoff

Das Regensburgs Wasserkraftwerk versorgt 14.000 Haushalte mit Strom. Doch die EU fordert von den Wasserkraftwerks-Betreibern mehr Umweltschutz ein. An Donau und Inn entstehen derzeit beispielsweise Fischwanderhilfen. Das Wehr in Regensburg spielt für die Flora und Fauna der Donau aber eine ganz besondere Rolle.
Wo das Wasser der Donau durch die Turbinen des Regensburger Kraftwerks rauscht, können Barben, Nasen und andere Donaufische bereits seit einigen Jahren über eine Fischwanderhilfe die Staustufe überwinden. Was in Regensburg funktioniert, soll auch an anderen Kraftwerken Realität werden – etwa in Passau am Inn. Doch die Umsetzung der europäischen Vorgaben, die bereits seit 25 Jahren bestehen, gelingt stockend.
Das Wasserkraftwerk Regensburg, 1977 in Betrieb genommen, erzeugt mit zwei Kaplan-Turbinen jährlich 49 Millionen Kilowattstunden Strom. Genug für etwa 14.000 Haushalte. Doch was für die Energieversorgung ein Segen ist, stellt für die Natur ein Problem dar: Die Staustufe unterbricht die natürliche Wanderung der Fische. Genau deshalb wurden an vielen Standorten bereits Fischwanderhilfen errichtet, weitere folgen.
Die Wurzeln der aktuellen Entwicklung reichen ins Jahr 2000 zurück. Damals verabschiedete die Europäische Union die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Das Ziel: Alle europäischen Gewässer sollten bis 2015 einen „guten ökologischen Zustand“ erreichen. Dazu gehört die Durchgängigkeit für wandernde Wasserlebewesen. Die Frist wurde bereits zweimal verlängert, von 2015 auf 2021, dann auf 2027. Ob Deutschland diese letzte Frist einhalten kann, ist offen.
In Regensburg gibt man der Donau Sauerstoff bei
Beim Betreiber Uniper ist man zuversichtlich: An allen Kraftwerken an Isar, Lech, Donau und Main, sei die Passierbarkeit für Fische bereits ermöglicht worden, erklärt Theodoros Reumschüssel von Uniper. Das Unternehmen betreibt in Bayern rund 1200 Megawatt installierte Wasserkraftleistung und hat nach eigenen Angaben bereits über 70 Millionen Euro in ökologische Maßnahmen investiert.
Die Donau bei Regensburg. ist gerade ziemlich angeschwollen. Schmelzwasser, aber auch vermehrte Niederschläge der vergangenen Tage haben dafür gesorgt, dass die Donau steigt. Das sieht man auch am Wehr, denn die Fluten der Donau fallen derzeit nicht ganz so hoch in die Tiefe.
Doch angesichts der trockenen letzten Sommer ist das von Uniper betriebene Kraftwerk, das Öko-Strom für die Rewag liefert, auch ein ganz wichtiger Faktor. Seit 2020 gibt es den Alarmplan bayerische Donau Gewässerökologie (ADÖ). Ausgelöst wurde dieser beispielsweise im Sommer 2025. Vor allem der Sauerstoffgehalt des Flusses steht dabei im Fokus, aber auch die Überhitzung – beides ist für Flora und Fauna der Donau lebensbedrohlich. „ Zur Beurteilung der gewässerökologischen Situation werden die Wassertemperatur, der Sauerstoffgehalt und der Abfluss von Experten bewertet“, heißt es von Uniper. Beim Erreichen bestimmter Schwellenwerte werde durch die Regierung der Oberpfalz eine Warnung oder ein Alarm ausgelöst.
Das Landratsamt informiert bei einer Warnung oder einem Alarm dann auch Uniper als Kraftwerksbetreiber über den aktuellen Gewässerzustand. „Im Alarmplan sind verschiedene Maßnahmen beschrieben, die dann getroffen werden, um den akuten Gewässerzustand zu verbessern“, heißt es. Uniper unterstütze dies durch gezielte Sauerstoffanreicherung, was prinzipiell durch zwei Maßnahmen erreicht werden kann: Bei der Turbinenbelüftung wird durch ein Belüftungsventil in der Turbine Luft ins Wasser eingeblasen, um so den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhöhen. Eine entsprechende Vorrichtung ist nur an den Kraftwerken Vohburg, Regensburg und Straubing vorhanden.
Widerspruch zwischen Energiewende und Naturschutz?
Andernorts werden die von der EU gesetzlich angeordneten Naturschutzmaßnahmen derzeit auf den Weg gebracht, die Wasserkraft nachhaltiger machen sollen. Bei der Verbund AG aus Österreich heißt es: „Der erste Abschnitt der gewässerökologischen Maßnahmen im Stauraum Aschach wird im heurigen Frühling abgeschlossen werden“. Pressesprecher Florian Seidl berichtet, im Zuge des Projekts „Life Blue Belt Danube Inn“ bei Passau sei der Baustart der Fischwanderhilfe Schärding für Herbst 2026 geplant. An insgesamt fünf Staustufen am Inn und der Donau in Bayern und Österreich würden derzeit naturnahe Uferstrukturen und Kiesbänke angelegt. Damit soll die Durchgängigkeit der Flüsse wieder hergestellt werden.
Doch reichen diese Maßnahmen aus? Oder gibt es doch einen Widerspruch zwischen Energiewende einerseits und Naturschutz andererseits? Dr. Stefan Ossyssek vom Bund Naturschutz in Bayern sieht die Maßnahmen kritisch: Zwar seien Fischaufstiegsanlagen grundsätzlich sinnvoll, doch würden sie nur einen Teil des Problems lösen. Dies könne aber laut dem Umweltschützer „keinen substanziellen Beitrag zum Erhalt der Fischpopulationen in der Donau und am Inn leisten“. Um dies zu gewährleisten, wären nämlich laut Ossyssek 1100 Hektar – und nicht elf Hektar nötig.
Besonders kritisch sieht der Ossyssek den Neubau von Wasserkraftwerken. Zumindest Uniper sieht – anders als die österreichische Verbund AG – noch Ausbaupotenziale: Beispielsweise am Lech an der Sohlschwelle Lindenau, wo eine Anlage entstehen soll, die 17,5 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren könnte. Solche Neubauten seien „aufgrund des hohen Ausbaugrades der Wasserkraft in Bayern meist in ökologisch sensiblen Gebieten“, so der Naturschützer. Stattdessen sollten bestehende Anlagen weiter modernisiert werden. Die Energieunternehmen sehen keinen Widerspruch zwischen Klima- und Naturschutz. „Klimaschutz ist Naturschutz“, betont Reumschüssel von Uniper.
Wasserkraft sei nach Überzeugung des Unternehmens „die Stromerzeugungsart mit dem geringsten Einfluss auf die Natur“. Das sieht der Vertreter des Bund Naturschutzes nicht uneingeschränkt so.
„Hoher Ausbaugrad in sensiblen Gebieten“
„Der Neubau von Wasserkraftwerken ist kritisch zu sehen, da diese zum einen aufgrund des hohen Ausbaugrades der Wasserkraft in Bayern meist in ökologisch sensiblen Gebieten liegen“, sagt Ossyssek vom Bund Naturschutz. Vielmehr würden sich gerade aufgrund derzeit noch mangelhafter Umsetzung der EU-Ziele zudem noch „gravierende ökologische Beeinträchtigungen“ ergeben, „die nicht weiter verstärkt werden dürfen“, findet der Naturschützer. Die Wasserkraft ist also gut fürs Klima – aber nicht ausschließlich gut für die Natur. Ein Widerspruch, aber ein lösbarer.
Info-Kasten: Grüne Energiegewinnung mit Wasserkraft in Bayern – das sind die Zahlen
Stromerzeugung: Die Wasserkraft hat an Bedeutung für die Energieversorgung im Freistaat zuletzt noch einmal zugelegt. Im Jahr 2024 wurden in Bayern insgesamt 13,2 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Wasserkraft erzeugt – ein Plus von 14,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Strommix: Die Energie aus Flüssen und Speichern nimmt damit eine tragende Rolle ein: Rund 22 Prozent der bayerischen Stromversorgung stammen aus Wasserkraft. Insgesamt basiert etwa drei Viertel der Stromerzeugung im Freistaat auf erneuerbaren Quellen.
Versorgung: Auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit ist die Branche ein Schwergewicht. Die rund 4200 Wasserkraftwerke im Freistaat Bayern können zusammen etwa vier Millionen Haushalte mit Strom beliefern – und damit nahezu alle privaten Haushalte in Bayern.
Kraftwerkstypen: Technisch stützt sich diese Leistung auf ein breites Spektrum an Anlagen. Neben zahlreichen Laufwasserkraftwerken sind auch Speicherkraftwerke im Einsatz. Gemeinsam kommen sie auf eine installierte Gesamtleistung von rund 2400 Megawatt.
Dieser Text entstand im Rahmen der Lehrredaktion der Mediengruppe Bayern an der Uni Passau. Sophia Kienle hat ihn zusammen mit Christian Eckl geschrieben.