Stromriese EnBW kauft kritische Infrastruktur – 100 von 200 Transformatoren aus China

Von mehr als 200 ausgeschriebenen Transformatoren für den Konzern EnBW stammen 100 aus dem Fernen Osten. Das sorgt in der Branche für Fragen: Was, wenn in den Geräten Abschalteinrichtungen verbaut sind? EnBW sagt, die Geräte würden geprüft. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik äußert sich grundsätzlich nicht zu Einzelfällen. Und das chinesische Unternehmen selbst zeigt in Richtung Regensburg und sagt, wesentliche Teile kämen ja von dort.
Der Strom muss fließen. Aufsehenerregende Stromausfälle wie zuletzt in Berlin oder Stuttgart machen deutlich, dass das Stromnetz geschützt werden muss. Wenn ein Netzbetreiber wie EnBW 200 neue Transformatoren bestellt, ist dies angesichts einer Zahl von insgesamt etwa 550.000 verbauter Transformatoren im deutschen Stromnetz eine vermeintliche Lappalie. Und doch lässt aufhorchen, was Kritiker in Bezug auf das Ergebnis der Ausschreibung anprangern: Von den 200 Transformatoren werden nur wenige in Bayern beziehungsweise Deutschland gefertigt. Die Hälfte der Geräte bestellt EnBW bei der chinesischen Firma JSHP Transformer.
„Was mich bewegt, ist die geostrategische Tragweite und die damit verbundene Tatsache, dass China damit Einfluss auf die Energieversorgung zumindest vorerst in Teilen von Deutschland gewinnt“, sagt ein Informant aus der Energiebranche. „Wenn dieses Vorbild Schule macht, kann sich dieser Einfluss beliebig ausweiten.“
Eine Sprecherin von EnBW bestätigt, dass das Unternehmen über 200 Transformatoren bestellt hat. „Die Vergabe bei solchen Ausschreibungen erfolgt entlang eines umfangreichen Kriterienkatalogs, der die Leistungsfähigkeit der Unternehmen sowie die Funktionalität und Sicherheit der Produkte gewährleistet.“
„Breites Lieferantenfeld“ auch außerhalb Europas
Die Zuschlagserteilung erfolge anhand objektiver Kriterien auf das wirtschaftlichste Angebot. Eine Bevorzugung deutscher Hersteller „widerspräche dem Wettbewerbsgedanken eines EU-Vergabeverfahrens und ist uns verwehrt“, heißt es weiter. Aus den Verfahren resultiere ein breites Lieferantenfeld aus deutschen. europäischen und außereuropäischen Herstellern, „das uns durch langfristige Verträge den Netzausbau und damit die Versorgungssicherheit sichern soll“. Weitere Auskunft dazu, wer die Zuschläge bekommen hat, wollte man nicht erteilen.
„Aufgrund der derzeitigen Marktsituation und der langen Lebensdauer von Transformatoren bin ich über die Größe der Ausschreibung und deren Kurzfristigkeit sehr überrascht“, sagt der Informant aus der Energiebranche. „Es hat auf mich den Anschein, dass die Sicherheit unserer elektrischen Energieversorgung, gefährdet durch fremde Mächte wie zum Beispiel China oder Russland, in der Politik, bei Unternehmen sowie der Gesellschaft noch nicht beziehungsweise nicht ausreichend gut im Bewusstsein ist.“
In der Tat gab es in der Vergangenheit immer wieder Debatten über die Sicherheit von Kritischer Infrastruktur, wenn chinesische Firmen Bauteile liefern sollten. „In 5G-Kernnetzen dürfen bis spätestens Ende 2026 keine Komponenten von Huawei und ZTE mehr eingesetzt werden“, heißt es dazu auf der Seite des Bundesinnenministeriums. Noch unter Innenministerin Nancy Faeser (SPD) wurde dieses Aus für die chinesischen Hersteller verfügt.
Bitte haben Sie Verständnis, dass das BSI keine konkreten Einzelfälle kommentieren kann.Eine Sprecherin des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik
Das zuständige Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gibt sich allerdings zu Fragen rund um den Transformatoren-Deal mit der chinesischen Firma zugeknöpft. „Bitte haben Sie Verständnis, dass das BSI keine konkreten Einzelfälle kommentieren kann“, sagte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage der Mediengruppe Bayern. Er verwies auf ein Positionspapier der Behörde aus dem Mai 2025. Darin hieß es wörtlich: „Der Energiesektor steht dabei besonders im Fokus von staatlich unterstützten Operationen, die auf Destabilisierung und Spionage abzielen, von Cyberkriminellen, die Energieunternehmen erpressen oder von Hacktivisten, die ideologische Ziele verfolgen.“
Völlig aus der Luft gegriffen sind Bedenken bezüglich des Trafo-Deals allerdings nicht. So warnte das BSI beispielsweise davor, dass Geräte im sogenannten Internet der Dinge (IoT), die mit Clouds verbunden sind. Sind die Geräte aus China, liegt das Problem auf der Hand – in diesem Zusammenhang thematisierte das BSI auch, dass die meisten Wechselrichter-Vorrichtungen in Solaranlagen aus China stammen. Das PV-Magazin fasste es so zusammen: „Chinesische Unternehmen und damit die Zentralregierung in Peking könnten daher über die internetfähigen Komponenten von Solaranlagen direkten Zugriff auf einen systemrelevanten Teil der deutschen Stromversorgung bekommen.“
„Das Thema Abschalteinrichtungen ist – wie die Amerikaner sagen – Bullshit.Ein Vertreter des chinesischen Konzerns JSHP
In der Tat haben US-Behörden bereits 2019 einen Transformator des chinesischen Unternehmens JSHP beschlagnahmt und unter die Lupe genommen. Rainer Müller-Wallenborn ist für das Deutschland-Geschäft des Konzerns zuständig. Er sagt auf Anfrage: „Das Thema Abschalteinrichtungen ist – wie die Amerikaner sagen – Bullshit.“ Stattdessen lege man größten Wert auf Qualität, termingerechte Lieferung und Kundenservice: „Wir fokussieren uns auf hohe Qualitätsstandards entsprechend Kundenspezifikation, beste Lieferzeiten und einen exzellenten Service für unsere Partner in Europa.“
Die Beschlagnahmung fand zwar statt, das Gerät sei aber nach einigen Monaten wieder freigegeben worden. „In 2019 hatten wir einen US-Umsatz von 42 Millionen Dollar, 2025 waren es 372 Millionen“, so Müller-Wallenborn. Trotz eines Strafzolls von 50 Prozent, wie er betont, sei der nordamerikanische Markt nach wie vor der wichtigste Absatzraum des Unternehmens. Auch die Sprecherin von EnBW sieht kein Problem bei dem Deal mit den Chinesen: „Zur Sicherstellung der Qualitätsansprüche findet im Fall der Leistungstransformatoren überdies vor Vertragsschluss bei allen neuen Lieferanten eine Werksauditierung und vor Auslieferung für jeden Transformator eine Werksabnahme statt.“
Sicherheitsbedenken halte man für unbegründet, da die bei EnBW eingesetzten Transformatoren „primäre abgeschlossene Betriebsmittel darstellen und die im Lieferumfang enthaltenen Teile keine Fernsteuereinheit enthalten“. Die Verbindung zur Netzführung werde über gesonderte Technik hergestellt. „Das heißt, dass Transformatoren über keine IT verfügen, welche die Möglichkeit hätte, unsere Netzführung zu beeinflussen oder auszuspähen.“
Gehirn der Transformatoren stammt aus Regensburg
Offenbar wird das „Gehirn“ der Transformatoren auch für die chinesischen Modelle zudem nicht im Fernen Osten, sondern tatsächlich in Regensburg produziert. Weltmarktführer in dem Bereich ist das Unternehmen Maschinenfabrik Reinhausen, das sich auf Technik rund um Hochspannnungs- und Leistungstransformatoren spezialisiert hat. Auf konkrete Anfrage wollte man sich aber nicht äußern: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir als zertifizierter Lieferant kritischer Infrastruktur – auch im Interesse unserer Kunden – in derartigen Fällen zur Verschwiegenheit verpflichtet sind“, teilte Geschäftsführer Nicolas Mayer-Scheubeck auf Anfrage mit.