Asylbewerber-Familie aus Regenstauf: Wie freiwillig ist ihre Rückkehr nach Syrien?

Von Thilo Eggerbauer · 15. Februar 2026 um 05:00

Immer mehr Syrer kehren freiwillig zurück – auch die Familie Daafis aus Regenstauf im Landkreis Regensburg. Anderthalb Jahre im Asylsystem haben gereicht, um die Hoffnung auf ein Bleiberecht zu verlieren. Dabei ist Sohn Omar chronisch krank und seine medizinische Versorgung in Syrien ungewiss.

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„La Tabki!“ – das ist Arabisch und heißt: „Weine nicht!“ Omar sagt es zu seiner kleinen Schwester Maria. Die Achtjährige bekommt feuchte Augen, als sie erzählt, dass sie ihre Freunde hier in Regenstauf bald nicht mehr sehen wird. In einer Woche zieht die Familie in ein Land, dessen Boden die Kinder noch nie betreten haben – und das doch ihre Heimat sein soll.

Ihre Eltern, Mohammad und Lama Daafis, haben eine Vereinbarung zur freiwilligen Rückkehr nach Syrien unterschrieben. Für sie ist es bereits der dritte Neuanfang. Eine Perspektive auf ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Deutschland sehen sie nicht mehr. Die Umstände, in denen sie seit anderthalb Jahren leben, seien nicht mehr tragbar.

Die Daafis sind mit ihrer Entscheidung nicht allein: Immer mehr Asylbewerber aus Syrien entschließen sich zur Rückkehr. Laut Regierung der Oberpfalz waren es in Stadt und Landkreis im Jahr 2025 insgesamt 128 Fälle; 2024 waren es noch 15.

Einzimmerwohnung für sechsköpfige Familie in Regenstauf

„Ich habe die Hoffnung verloren“, sagt Mohammad Daafis auf Arabisch und lächelt resigniert. Er sitzt gemeinsam mit seiner Frau und den vier Kindern auf einer Couch in ihrer Wohnung in der Gemeinschaftsunterkunft Regenstauf. Eine Bekannte der Familie übersetzt.

30 Quadratmeter – mehr Wohnraum hat die sechsköpfige Familie nicht. Das Sofa dient zugleich als Bett. „Privatsphäre gibt es bei uns schon lange keine mehr“, sagt Lama Daafis. Mit Spinten haben die Eltern einen Teil des Zimmers abgetrennt, dahinter liegen die Matratzen der Kinder. Die Eisenbetten, die zuvor im Raum standen, entsorgten sie. „Sie quietschten bei jeder Bewegung“, sagt die 34-Jährige und schenkt Kaffee ein.

Wenn irgendwann ein Regisseur unser Leben verfilmt, wird er damit reichMohammad Daafis, Asylbewerber

„Wenn irgendwann ein Regisseur unser Leben verfilmt, wird er damit reich“, sagt Mohammad Daafis und lacht. Vor etwa zwölf Jahren flohen der 38-Jährige und seine Frau vor dem Bürgerkrieg. Das Haus, in dem sie einst wohnten, steht heute nicht mehr.

Sie bauten sich ein neues Leben in der Türkei auf. Der Ehemann eröffnete ein Geschäft für Handyzubehör. Das Paar bekam vier Kinder. „Eigentlich hatten wir nie vor zu gehen“, erzählt Daafis. Doch dann, vor zwei Jahren, kamen die Erdbeben. Die Wohnung der Daafis wurde zerstört, der älteste Sohn Omar von einem herabfallenden Ziegelstein am Bein verletzt.

Nach Erdbeben in der Türkei: Mauer stürzte über Mädchen-Bett zusammen

Nur durch großes Glück passierte nichts Schlimmeres: Eine Mauer stürzte nachts über Marias Bett zusammen – doch sie war zuvor zu den Eltern gekrochen. Die Familie rettete sich über den Balkon und lebte zwei Tage auf der Straße. Nachdem sie zunächst bei Freunden unterkamen, entschlossen sich die Daafis schließlich nach Deutschland zu gehen. Sie kamen nach Regensburg ins Anker-Zentrum und lebten dort im dritten Stock; zur Toilette mussten sie ins Erdgeschoss.

Omar, heute zehn Jahre alt, wurde mit einer Zyste am Gehirn geboren und leidet an Epilepsie. Er besucht eine Förderschule und hat trotz Medikamenten alle zwei bis drei Monate Krampfanfälle.

„Seit wir in Deutschland sind, ist es schlimmer geworden“, sagt sein Vater. Nach der Ankunft begann die Therapie von vorn. Anfangs hatte Omar bis zu drei Anfälle pro Woche – oft auf der Toilette.Trotz des kranken Kindes und obwohl die Mutter zwischenzeitlich eine Nierenkrankheit bekam, dauerte es lange, bis die Familie eine Wohnung im Erdgeschoss in Toilettennähe bekam – und noch länger, bis sie in die Gemeinschaftsunterkunft in Regenstauf ziehen konnte. Dort warten sie seit sieben Monaten vergeblich auf eine passende Wohnung für sechs Personen .

Die Zeit in Deutschland sei geprägt gewesen von einem Gefühl der Unfreiheit. „Wir sind hier wie im Gefängnis“, sagt der Familienvater. Arbeiten durfte er nicht. Alle drei Monate musste die Familie neue Ausweisdokumente beantragen. Neben 50 Euro Bargeld im Monat konnten sie nur mit einer Bezahlkarte einkaufen, die nur in der Umgebung gültig war. Unmöglich war es, die Verwandten im Ausland zu besuchen.

Keine Hoffnung auf Aufenthaltstitel

Dazu kam die Unsicherheit: immer neue Gerichtstermine, bei denen über den Aufenthaltsstatus entschieden werden sollte. Immer wieder wurde die Entscheidung vertagt.

„Der letzte Termin war im November“, erzählt Mohammad Daafis. „Ich habe die Richterin gefragt: Vergeben Sie noch Aufenthaltstitel?“ – „Nein. Momentan nicht.“ Da habe er gewusst: „Es wird für uns hier nie besser.“ Also unterschrieben sie die Erklärung zur freiwilligen Ausreise.

Als der Abreisetermin feststand, änderte sich auch ihre finanzielle Situation: Der reguläre Leistungsanspruch endete, bis zum Abflug waren nur noch eingeschränkte Leistungen vorgesehen.

Keine Unterstützungszahlung: Es fehlten Geld für Windeln und Essen

Für die Daafis bedeutete das konkret: Im Januar fehlte Geld für Windeln und Lebensmittel. Das letzte Geld hatten sie am 23. Dezember erhalten. Lama Daafis fragte in der Ausländerbehörde nach. Die Antwort: „Warum brauchen Sie Geld? Sie fliegen doch am 17. Februar.“ Erst jetzt erfuhr die Familie vom Abreisetermin – nicht einmal einen Monat im Voraus.

Die Regierung der Oberpfalz verweist auf den Datenschutz: Zu Einzelfällen könne man sich nicht äußern. Betroffene würden informiert, sobald ein Flugtermin feststehe. Für die Auszahlung von Leistungen sei das Sozialamt zuständig.

Sohn leidet an Epilepsie: Medizinische Versorgung in Syrien nicht geklärt

Nun sind die Koffer gepackt, die Kinder von der Schule abgemeldet. Zunächst wollen die Daafis bei den Eltern von Mohammad unterkommen.

Omar braucht täglich Medikamente gegen seine Epilepsie. Ob sie in Syrien verfügbar sind, ist ungewiss. Für viele chronisch Kranke ist die Versorgung mit Medikamenten dort laut Hilfsorganisationen und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) unsicher. Mohammad Daafis sagt: „Ich werde diese Medikamente auftreiben. Auch wenn ich dafür in den Libanon oder in die Türkei muss. Ich muss das machen, damit es meinem Sohn gut geht.“

Zum Hintergrund

• Flucht: Von 2011 an wütete in Syrien ein Bürgerkrieg. Bombardierungen, Folter und systematische Menschenrechtsverletzungen unter Baschar al-Assad trieben Millionen Menschen zur Flucht.

• Regime-Sturz: Das Assad-Regime wurde 2024 durch eine Großoffensive islamistischer Rebellen gestürzt; seitdem ist eine Übergangsregierung an der Macht. Doch die Lage bleibt unsicher: Es kommt zu neuen Konflikten etwa zwischen der Regierung und kurdischen Kräften. Große Teile des Landes sind weiter zerstört.

• Asylbewerber: Inzwischen fördert die Bundesregierung verstärkt „freiwillige Rückkehr“. Es gibt spezielle Programme, die den Neuanfang erleichtern sollen. Auch Abschiebungen in das Land im Nahen Osten sind mittlerweile möglich – aufgrund großer Hürden aber selten.