Wenn einem das Herz blutet, weil das schöne Regensburg verlottert

Von Christian Eckl · 14. Februar 2026 um 19:00

Wer in einer Stadt wie Regensburg geboren wurde, der ist vom Schicksal bevorzugt. Doch in den vergangenen Jahren ist die Altstadt geradezu heruntergekommen. Wie konnte das passieren? Eine Ansichtssache.

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Ich wollte nie ein mittelalter weißer Mann werden, der beklagt, früher sei alles besser gewesen. Nun, ich bin soweit, zumindest was meine wunderbare Geburts- und Heimatstadt anbelangt. Ich war immer sehr stolz auf diese Stadt. Manchmal, wenn ich von der MZ-Redaktion am Schloss vorbei nach Hause gehe, sehe ich Touristen mit einem Stadtplan, die sich ein wenig verirrt haben. Ich spreche die Besucher dann an, erzähle ihnen ein paar Takte über den Immerwährenden Reichstag, über das Schloss, das angeblich mehr Zimmer hat als der Buckingham Palace, über den Stadtgraben, der heute die Allee ist – kurzum: Ich spiele ein wenig Reiseführer.

Schon oft haben sich daraus nette Gespräche ergeben. Die Leute wissen diesen Schatz namens Regensburg zu schätzen. Und darauf bin ich auch heute noch stolz. Aber was ist aus meiner Stadt geworden? Wenn ich von unserer Wohnung in der Ludwigstraße in Richtung Neupfarrplatz gehe, kommt es ein wenig auf die Uhrzeit an. Abends sind oft grölende Horden zumeist recht junger Menschen unterwegs. Die Stimmung ist anders als noch vor ein paar Jahren.

Man fühlt sich nicht mehr so sicher. Ich gehe mit meinem Mann durchaus auch händchenhaltend durch die Stadt. Ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, aber die Blicke, die wir ernten, sind nicht immer wohlgesonnen. Es hat sich etwas verändert. Oft sind es arabisch aussehende, junge Männer, die uns böse anschauen. Aber nicht ausschließlich. Ganz besonders krass ist es aber rund um den Kaufhof. Dort hat sich das Gesicht der Stadt gewandelt. Obdachlosigkeit ist etwas, das mir im Herzen weh tut. Aber ich weiß auch, dass unser Sozialstaat so angelegt ist, dass diesen Menschen geholfen wird.

An der Kaufhaus-Brache ist auch die Regensburger Lokalpolitik schuld

Jeder von diesen Menschen hat den Anspruch, sich von der Stadt ein Dach über dem Kopf geben zu lassen. Doch rund um den Kaufhof haben sich Obdachlose ebenso angesiedelt wie junge Menschen, die sich dort niederlassen und in rauen Mengen Alkohol trinken. Das Debakel um das Kaufhof-Aus ist nach wie vor etwas, das die politisch Verantwortlichen irgendwie rechtfertigen mit Sätzen wie „wir haben ja keinen Zugriff“. Ich glaube, diese Bauruine dürfen sich die Damen und Herren, die Regensburg in den vergangenen sechs Jahren regiert haben, direkt auf die eigene Fahne schreiben.

Regensburgs Welterbekern, eines der schönsten mittelalterlichen Stadtensembles Deutschlands, hat zwar den Zweiten Weltkrieg fast unversehrt überstanden. Aber heute, wenn man vom Neupfarrplatz in Richtung Schwarze-Bären-Straße und weiter zum Dachauplatz geht, dann sieht man, was verfehlte Politik auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene anrichten kann.

Alle bisher erschienenen Folgen der Kolumne finden Sie hier: Ansichtssache.

Kürzlich war ich in Wien über meinen Geburtstag. Natürlich kann man diese Weltstadt nicht mit Regensburg vergleichen, allerdings spielte die Hauptstadt des Habsburger-Reichs im 17. Jahrhundert eine ähnliche Rolle wie Regensburg mit dem Sitz des Reichstags. Wien ist wunderschön im Kern. Dort sieht man solche Schandflecken nicht, zumindest nicht im Herzen der Stadt. Und ich habe auch den Eindruck, dass Migration da viel besser funktioniert als bei uns. Wir sind auch in Viertel gefahren, in denen die meisten Frauen Kopftuch trugen und die Namen der Supermärkte auf Arabisch angeschrieben stehen. Ich habe mich dort auch sehr wohl gefühlt. Ich weiß nicht, was wir falsch machen. Aber rund um den Bahnhof in Regensburg fühle ich mich immer noch nicht wohl.

Und so setzt sich das Sterben weiter fort. Schuld daran ist für mich eine völlig verfehlte Politik, die ideologisch die Autofahrer zu den Sündenböcken macht.MZ-Autor Christian Eckl

Ob das die neue Stadtregierung ändern wird? Ich kann nur sagen, es müssen endlich Entscheidungen her. Sollen die Autos nun ganz raus aus der Stadt, wollen wir nur die Radelfahrer haben, auch im Winter? Egal, ob alte Menschen dann ein Problem bekommen? Oder dürfen künftig nur Anwohner wie ich in die Stadt fahren? Und wo sollen die Anwohner parken, wenn die Stadt sukzessive immer weiter Parkplätze streicht?

Mich ruft eine Frau an, die ich aus der Kleingartenanlage kenne. Sie erzählt mir, sie habe 20 Minuten vor dem Haus Klara in der Ostengasse geparkt, weil sie Bücher gespendet hat. Als sie wieder kam, war ihr Auto weg. Sie hatte sich auf einen Earl-Parkplatz gestellt, dem Carsharing-Verleih des Stadtwerks. „300 Euro hat mich das gekostet“, sagt sie. Ein Bekannter musste 50 Euro zahlen, weil er in der Feuerwehreinfahrt stand. „Das ist doch viel schlimmer“, sagt sie. „Ich kenne dieses Earl gar nicht.“ Sie sagt, sie wird die Altstadt künftig meiden. Und so setzt sich das Sterben weiter fort. Schuld daran ist für mich eine völlig verfehlte Politik, die ideologisch die Autofahrer zu den Sündenböcken macht.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version war vom Carsharing-System der Rewag die Rede. Die liefert allerdings nur den Strom für die Earl-Ladesäulen. Betrieben wird das Auto-Leihsystem vom Stadtwerk. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. ce