Bayerische Theatertage in Regensburg: „Dann rennen einem die Leute die Bude ein“

Von Marianne Sperb · 10. Februar 2026 um 11:53

Thomas Schwarzer gehört der Jury des Festivals an, das im Mai 26 Inszenierungen nach Regensburg holt. Im Interview erzählt, wie viel Anziehungskraft der Theaterreigen entwickelt - und wie schwierig es ist, die Auswahl zu treffen.

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Herr Schwarzer, Sie sind Jury-Mitglied der Bayerischen Theatertage im Mai in Regensburg. Wie viel waren Sie unterwegs?

Thomas Schwarzer: Ab Juli 2025 habe ich 26 bis 30 Inszenierungen gesehen, quer durch alle Sparten, außer Tanz, davon verstehe ich nichts. Walter Heun ist Tanz-Spezialist, Katharina Denk kommt mehr von der Performance her. Das Ziel ist ja, die Vielfalt zu zeigen.

Wenn man sich vorstellt, was Bayerns Bühnen alles bieten: Wie willkürlich ist die Auswahl von nur 26 Produktionen?

Schwarzer: Die ist natürlich schon deshalb in gewisser Weise willkürlich, weil wir nur sichten, was die Theater vorschlagen. Es kamen etwas mehr als 70 Vorschläge, die haben wir alle gesichtet. Jede Produktion wurde von mindestens zwei Leuten aus der Jury gesehen.

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Das ist eine irre Logistik: Termine müssen passen, die Künstler verfügbar sein. Was muss man da alles ins Kalkül ziehen?

Schwarzer: Man muss erst mal die Vorstellungstermine haben und einen Reiseplan machen. Manche Produktionen konnten wir nicht live sehen, weil sie nicht auf dem Spielplan waren, dafür gab’s Video-Aufzeichnungen. Das war aber die Ausnahme. Einige Stücke hatten jetzt erst Premiere. Wir hatten am 18. Dezember Jury-Sitzung in Regensburg, um zu entscheiden, was wir empfehlen, da wurde noch am Vorabend die Generalprobe eines Stücks besucht, das sich beworben hatte.

Dann kommt das Feintuning?

Schwarzer: Das Theater Regensburg musste nach dem 18. Dezember die anderen Häuser kontaktieren, welcher Termin passt, ob die Abmessungen der Bühne reichen, ob die Künstler Zeit haben und so fort, und musste dieses Puzzle legen. Die Jury empfiehlt, aber den Hut hat das Theater Regensburg auf. Wenn wir – rein theoretisch – eine Produktion mit 150 Musikern und 300 Sängern auswählen, die einfach zu teuer, die nicht finanzierbar ist, können wir noch so viel empfehlen – Regensburg entscheidet.

Thomas Schwarzer organisierte schon die siebten Bayerischen Theatertage mit, damals in Memmingen. Auch bei der 40. Auflage im Mai in Regensburg ist er mit an Bord. - Foto: Ludwig Olah

Man kann aber nicht behaupten, es würden koffertaugliche 2b-Inszenierungen eingeladen, weil’s praktisch ist.

Schwarzer: Es sind große Sachen dabei. Das Gute an Regensburg: Es hat vier Bühnen. 2028 sollen die Bayerischen Theatertage in Memmingen sein, das ist ein sehr kleines Haus, da scheidet vieles aus, weil es nicht hinpasst. In Regensburg dagegen ist viel möglich. Zum Beispiel das Musical „Seele für Seele“, das lief ursprünglich im Festspielhaus in Füssen, die haben die größte Drehbühne Europas, und dann auf der Freilichtbühne in Wunsiedel. Ein Riesenklopper also. Dieses Musical ist in Regensburg, wenn auch ein bisschen kleiner, noch sehr gut möglich. In Memmingen würde kein Weg dahin führen.

Es ist auch digitales, inklusives und junges Theater zu sehen.

Schwarzer: Ich habe „Wonderland Ave“ nicht gesehen, die hybride Inszenierung vom Staatstheater Augsburg, aber die Kollegen schwärmten alle, das muss ganz toll sein. Ich habe dafür drei der vier Stücke für Kinder- und Jugendtheater besucht, die sind alle super, kann man nur empfehlen.

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Vor allem Schauspiel kommt nach Regensburg. Welche Besonderheiten wird’s geben?

Schwarzer: Ich finde aktuelle Dramatik interessant. Gerade von kleineren Häusern kommen bemerkenswerte Stücke, etwa „Die Erbschaft“ aus Dinkelsbühl, eine Bearbeitung von Shakespeares „König Lear“, oder „Kafkas Erzählungen“ nach Franz Kafka, damit hatte der neue Bamberger Intendant John von Düffel seinen Start. Es stehen auch neue Texte auf dem Spielplan wie „Prima Facie“ oder „Rufmord“. Was Sie vielleicht vermissen werden: Sie finden keine Klassiker von Schiller bis Brecht. Das liegt aber nicht an der Jury, sondern: die wurden von den Theatern nicht vorgeschlagen. Das ist scheinbar im Moment nicht so angesagt.

Das Residenztheater und die Kammerspiele München sind dabei, mit ganz aktuellen Produktionen, aber kein Tanz von der hochgelobten Kompanie Nürnberg oder eine Oper von der Staatsoper München.

Schwarzer: Dazu müssen Sie die Kollegen fragen. Die Staatsoper München oder das Gärtnerplatztheater hatten sich nicht beworben – die wurden nicht etwa von der Jury aussortiert. Das ist ja auch ein Riesenaufwand, mit einer wirklich großen Produktion zu gastieren, und vielleicht auch finanziell nicht darstellbar.

Wer finanziert denn die Bayerischen Theatertage?

Schwarzer: Das meiste Geld kommt vom Kunstministerium, etwa 300 000 Euro, weitere rund 100 000 Euro vom Landesverband Bayern des Deutschen Bühnenvereins. Dann gibt es normalerweise Sponsoren vor Ort und Einnahmen aus Tickets. Ich würde mal sagen: rund 500 000 Euro kommen zusammen, so Pi mal Daumen.

Ist das Besucherinteresse bei Theatertagen hoch?

Schwarzer: Man muss die Vorstellungen am Anfang etwas absichern durch Abo. Es braucht ein paar Tage, bis es sich herumspricht und zum Event wird, wo man hingehen muss. Dann wird’s ein Selbstläufer. Dann bekommen die Theatertage einen Sog, dann rennen die Leute einem die Bude ein. Am Schluss ist alles ausverkauft und die Leute sagen: O schade, schon vorbei.

Regensburg wird voraussichtlich am 8. Mai zum Staatstheater erhoben – ein Raketenstart für die Theatertage also.

Schwarzer: Wir haben am 8. Mai unsere Mitgliederversammlung vom Bühnenverein, zu der die Intendanten aus ganz Bayern kommen. Theater-Bayern trifft sich dann wirklich in Regensburg.

Interview: Marianne Sperb

Info: Die ganze Vielfalt des Theaters erleben

Thomas Schwarzer (60) war lange Jahre Dramaturg und Sprecher des Theaters Ingolstadt und ist heute beim Deutschen Bühnenverein tätig, im Landesverband Bayern. Er organisierte bereits 1989 die Theatertage in Memmingen mit und ist nun beim 40. Festival an Bord. Die Jury leitete Sebastian Ritschel als Intendant am Gastgeber-Haus. Das Festival findet von 8. bis 25. Mai in Regensburg statt. Das Festival spiegelt unter dem Motto „Vielfalt leben“ die ganze Bandbreite der bayerischen Theaterlandschaft. Die Jubiläumsausgabe präsentiert zwölf Stücke aus dem Schauspiel, je vier Inszenierungen aus dem Musik- und dem Jungen Theater und zwei Tanz-Produktionen. Je eine Inszenierung kommt aus den Sparten Performance, Digitales Theater, Figurentheater und aus dem Inklusiven Theater. Alle Details: www.theaterregensburg.de