„Polnische Hochzeit“ feierte am Theater Regensburg ihre umjubelte Premiere

Von Andreas Meixner · 8. Februar 2026 um 16:03

Eine Sternstunde: Chefdramaturg Ronny Scholz inszeniert das Operettenwerk des jüdischen Komponisten Joseph Beer schrill und urkomisch, aber auch mit leicht schwebender Melancholie

Seit Jahren steht das Operettenwerk des jüdischen Komponisten Joseph Beer im Fokus der Spielpläne im Theater Regensburg. Intendant Sebastian Ritschel und Chefdramaturg Ronny Scholz haben sich in die Musik Beers mit Haut und Haaren verliebt. Damit war nicht nur verbunden, die großartigen Werke Beers wiederzuentdecken, sondern auch tragische Geschichte des vertriebenen und heimatlos gewordenen Künstlers und Menschen in Erinnerung zu rufen – exemplarisch für eine ganze Künstlergeneration, die durch die gesellschaftliche Brandrodung des widerlichen und menschenverachtenden Nazi-Regimes nahezu völlig ausgelöscht wurde.

Vor gut zwei Jahren feierte bereits Beers Operette „Der Prinz von Schiras“ seine international gefeierte Wiederaufführung, seither machten die Verantwortlichen des Musiktheaters dem Publikum die Zähne lang mit geschickten gesetzten Appetithäppchen auf die Premiere der „Polnischen Hochzeit“. Ergebnis war, dass schon weit vor dem Premierenabend das Regensburger Theaterpublikum die Ohrwürmer „Katzenaugen“ oder „Eins, zwei, drei und herunter mit dem Wein“ begeistert mitsingen konnte.

Die Bühne: Erst Kuhstall, später Ballsaal

Scholz bedient sich in seiner Inszenierung eines genialen Kunstgriffs, indem er den Komponisten Beer als Erzähler und Conférencier in die Handlung unterhob und ihn biografisch mit der Hauptrolle des Exilanten Graf Boleslav Zagorsky (Carlos Moreno Pelizari) verschmolz. Das schuf eine zusätzliche Handlungsebene, die teils durchaus komödiantisch daherkam, aber auch der tragischen Geschichte hinter der überdrehten Operettenhandlung Raum gab und – zweifellos mit fester Absicht – für eine leicht schwebende, mitunter bedrückende Melancholie sorgte.

Das Bühnenbild kommt mit einer stilisierten Scheune aus, die in manchen Szenen als Kuhstall, später als Ballsaal fungierte. Das alles ist anfangs in knallig gelbe Gewänder in der Welt einer technisierten Nutzviehhaltung gehalten, später zieht eine mondänere Gala-Atmosphäre ein, mit üppigen Federboas und viel Glitzerglamour. Die Tanzcompany des Theaters beeindruckt einmal mehr mit einer stimmigen und modernen Choreografie, die wohltuend mit dem erwartbaren Revue-Gestackse brach und der Musik Beers zusätzlich noch Drive verlieh.

Und das ist hinsichtlich der Handlung auch dringend notwendig, denn die Hochzeitsverwirrungen und -irrungen auf dem polnischen Gutshof ist das inhaltlich dürre Gerüst einer Groteske, die nur mit Wortwitz und der guten Songs überhaupt erst ertragbar wurde. Davon gab es tatsächlich reichlich, nahezu jede Nummer hatte Gassenhauer-Qualitäten – es hätte für weitere Operetten locker gereicht. Joseph Beers Musikarrangements sind dem klassischen Soundbild der Operetten eines Franz Lehár oder Robert Stolz ohnehin längst enteilt, da klingt schon deutlich mehr großstädtischer Broadwaystil mit etlichen waschechten Jazzanleihen durch. Unter der Leitung von Andreas Kowalewitz gelang den Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters dann auch die exzellente Gratwanderung zwischen der Orchestrierung klassischer Operettenseligkeit und mitreisenden Swingmomenten.

Der Opernchor und das Solistenensemble taten ihr übriges zu einer vollmundigen, launigen Inszenierung. Der großartige Seymur Karimov glänzte in seiner komödiantischen Rolle als schmieriger Baron Mietek Oginsky, Carlos Moreno Pelizari brachte als Graf Boleslav Zagorsky den nötigen Operettenschmelz in die Szenerie. Seine zentrale Liebesgeschichte mit Jadja verblasste allerdings hinter dem Getöse der anderen beiden Paare, darunter die herrlich aufspielende Rahel Brede als durchtriebene Suza. Die Krone des Abends gehörte zweifellos Alexander Franzen als spontaner Einspringer für den erkrankten Jakob Hoffmann. Als grobschlächtiger Baron Staschek wird das offene Textheft in der Hand zu einem beiläufig benutzen Accessoire, das man angesichts seiner souveränen Schauspiel- und Gesangsleistung ganz schnell vergisst. Dazwischen stolpert Felix Rabas im allerbesten Slapstick durch das Bühnenbild.

Schrill, urkomisch, temporeich und gut gemacht

Die liebevolle Inszenierung von Ronny Scholz bleibt dem derzeitigen Stil des Hauses treu: Alles dreht irgendwie am Rad, es ist schrill, urkomisch, in einem irren Tempo und von handwerklich hoher Güte. Und es darf dann doch immer eine ganz andere Ebene mitschwingen. In diesem Fall auch das Schicksal des Komponisten und seiner beiden Librettisten, die das Stück geschrieben und komponiert haben. Joseph Beer und Alfred Grünwald konnten nach der Emigration nie wieder an ihre Erfolge anknüpfen. Und Fritz Löhner-Beda wurde im Dezember 1942 im KZ Ausschwitz totgeschlagen. Das gehört leider auch zu der Geschichte dieser großartigen Operette – und zur geglückten und gefeierten Premiere.