Hochaufgeladene Liedkunst: Zwei Ausnahmekünstler interpretieren die Winterreise

Da bleibt im Parkett und auf den Rängen des Regensburger Theaters kaum Zeit zum Durchatmen: Bariton Konstantin Krimmel und Pianist und Liedbegleiter Ammiel Bushakevitz gestalten Schuberts Liederzyklus in einer kaum überbietbaren Qualität.
Nackt und bloß muss man sich vorkommen, wenn man als Liedsänger auf der Bühne steht. Nichts schützt, es gibt kaum ein Refugium des kurzen Innehaltens und der Regeneration. Einzig der Begleiter am Flügel kann den wenigen Halt bieten, das harmonische und dramaturgische Grundgerüst bereiten, im Idealfall sogar mehr.
Im Falle von Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz haben zwei zueinandergefunden, die das Kunstlied als gegenseitiges, symbiotisches Zuspiel emotionaler Aufladung begriffen haben und die klassische Zu- und Rangordnung zwischen Solist und Begleitung auflösen zugunsten einer ganzheitlichen Gestaltungswirkung. In ihrer tief ausgeloteten Lesart der Schubert‘schen Winterreise öffnete sich am vergangenen Freitag abend im Theater Regensburg eine weitere, viel abgründigere und mitunter zornige Dimension von Liebesleid, Schmerz und Melancholie.
Emotionale Ruinenlandschaften
Krimmels Abbildungen der Sehnsucht und Erfüllung sind nur noch letzter Rest an eine gute Erinnerung, die er jäh und unvermittelt in wütenden Ausbrüchen verzweifelt zerschlägt. Die intimen, zärtlichen Momente, die Krimmel und Bushakevitz famos ausgestalten, sind ein wehmütiger Abglanz in der Betrachtung innerer emotionaler Ruinenlandschaften.
Das ist das Grundsetting von 80 Minuten hochaufgeladener Liedkunst, in einer kaum überbietbaren Qualität künstlerischen Ausdrucks. Kaum zu glauben, mit welch künstlerischen Reife der 33-jährige Bariton den Liederzyklus ausgestaltet, die Schattierungen und Szenerien der Lieder organisch wechselt, sich nie in einem melodramatischen Pathos verliert oder effektheischend dem bestmöglichen Ausdruck nacheifert. Immer ist sein Gesang klar, eindeutig und technisch von atemberaubender Güte. Krimmel führt seinen kernigen, wohlklingenden Bariton in der Winterreise spazieren, von Szene zu Szene, muss die Textausdeutung nie den sängerischen Anforderungen und technischen Mühen unterordnen. Das Lyrische Ich setzt er geschickt in verschiedenste Facetten, um aus der inneren Selbstbetrachtung heraus auch zu der Rolle eines Erzählers zu finden. Mit einer früh vollendeten Bühnenpräsenz schlägt er die Zuhörer in seinen Bann, im Parkett und auf den Rängen des Regensburger Theaters bleibt kaum Zeit zum Durchatmen.
Der nur wenige Jahre ältere Ammiel Bushakevitz wirkt dagegen nur scheinbar lässig in seiner Haltung. Hinter der sichtlichen Spiel- und Gestaltungsfreude am Flügel verbirgt sich die minutiöse Akribie eines Meisterpianisten, der das perfekte Maß an Timing, an Pedaleinsatz und die richtigen Momente von Präsenz und Zurückhaltung verinnerlicht hat.
Ihm bleibt immer genug Raum, auf den Augenblick unmittelbar zu reagieren, die Atmosphäre aufzugreifen, eine Winzigkeit nachzugeben oder die Szene unvermittelt voranzutreiben. Krimmel kann sich auf diese Grundierung nicht nur blind verlassen, sondern er lässt sich davon spürbar befeuern und inspirieren. Wieviel davon tatsächlich spontan geschieht, soll dabei ruhig das Geheimnis der beiden bleiben.
Begeisterung beim Publikum
Denn freilich packt sie die emotionale Dringlichkeit und Wucht der Winterreise, auch nach vielen gemeinsamen Aufführungen. Und deshalb ist am Ende der Leiermann schon längst verklungen, da wagen sich die beiden Künstler noch lange nicht, ihre tief aufgeladene Haltung aufzulösen. Und auch das Publikum bleibt zunächst erstarrt und mitgenommen zurück. Erst dann – gefühlt nach einer halben Ewigkeit – entlädt sich die Begeisterung. Ein Liederabend, der lange nachhallt.