Mit dem Operetten-Hit auf der Flucht

In „Polnische Hochzeit“ spiegelt sich das Schicksal von Joseph Beer: Der jüdische Komponist strandete ausgegrenzt und abgehängt im Exil, während alle Welt seine Musik feierte.
Als Joseph Beer 1938 im Zug Richtung Paris sitzt, hat er einen schlichten Koffer kostbaren Inhalts bei sich: das originale Notenmaterial für „Polnische Hochzeit“. Dank der Operette ist dem jüdischen Komponisten die Reise überhaupt erlaubt: Das Théâtre du Châtelet will sein Werk auf die Bühne bringen. Zu der Aufführung kommt es nicht mehr – und Joseph Beer strandet als Heimatloser in Frankreich, während Familie und Freunde in Nazi-Deutschland drangsaliert und später ermordet werden.
Europas Bühnen griffen gierig nach diesem Stoff: ein raffiniert orchestriertes Singspiel mit funkelnder Musik, die visionär aufnahm, was international in der Luft lag, obwohl Joseph Beer es ja nicht gekannt, nicht gehört haben konnte: Er paarte den Sound aus Amerika, den Jazz von Gershwin und die Schlagerwelt von Hollywood mit der perlenden Eleganz bei Franz Léhar und dem Melos volkstümlicher Lieder. „Beer war näher an New York als an Zürich oder Wien“, sagt Andreas Kowalewitz, der in Regensburg am Pult stehen wird, bei der Matinee am Sonntag.
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„Der Prinz von Schiras“ macht den blutjungen Komponisten 1934 bekannt (und sorgt 2023 mit der Wiederentdeckung in Regensburg für eine Theater-Sensation). Die „Polnische Hochzeit“ infiziert dann ab der Uraufführung 1937 in Zürich die Bühnen wie ein Fiebervirus. Noch im ersten Jahr kommt die Operette in 40 (!) Inszenierungen heraus, übersetzt in acht Sprachen. Für den ausgegrenzten, abgehängten Joseph Beer muss es bitter gewesen sein, in Kaffeehäusern die jubelnden Kritiken der internationalen Blätter zu studieren, während die Lage für ihn und die Seinen mit jedem Tag lebensgefährlicher wird. Als die Nazis 1940 Paris besetzen, flieht er weiter nach Nizza.
Gabriel Kähler verkörpert als Spielmacher Joseph Beer
Ronny Scholz, Chef-Dramaturg am Theater Regensburg, und Intendant Sebastian Ritschel sind Joseph Beer seit 2017 auf der Spur. Damals hörten sie auf einer langen Autofahrt seine „Polnische“: „Wir waren wie erschlagen“, schildert Scholz. Ritschel inszenierte das Werk 2018 an der Oper Graz: grell, opulent, kitschig und sexy – und holte damit den Operettenfrosch. Jetzt führt Scholz in Regensburg Regie – und grundiert die oberflächliche Operettenseligkeit mit einem dunklem Ton. Das Werk gibt das her: Im Helden Graf Boleslav, der untertauchen muss und in die Heimat zurückkehrt, findet Beer eine Entsprechung. Vor allem hat Schauspieler Gabriel Kähler mit Scholz Texte entwickelt, die Beers Schicksal spiegeln, pointiert und gleichzeitig spielerisch. Kähler: „Ich wäre ja auch ungern der, der die Stimmung immer runterzieht.“
Der „Polnischen Hochzeit“ dürften der Perspektivwechsel und eine neue Tiefe gut tun. Denn das Libretto, geschrieben vom einflussreichen Fritz Löhner-Beda (1942 in Auschwitz tot geschlagen) und Alfred Grünwald (der die Flucht über Paris nach New York schafft), ist zwar gespickt mit Witz und Tempo, der Plot allerdings operettenhaft banal, die Zeilen bisweilen chauvinistischer Quark, den man heute kaum noch hören kann: „Du riechst wie Milch und Butter, du wirst die beste Mutter“, schmachtet Casimir (Benedikt Eder) seine Suza (Rahel Brede) da bei der Matinee im Neuhaussaal an.
„Das muss erst mal mit Ihnen in den Keller rauschen“
Die Inszenierung zoomt gleich zu Beginn auf den tragischen Hintergrund: Licht und Bühne in Grau, mit Gabriel Kähler als Spielmacher und Verkörperung von Joseph Beer. „Das Stück muss erst mal mit Ihnen in den Keller rauschen, bevor es nach oben in die Welt der Operette geht“, sagt Ronny Scholz. „In dieser Amplitude bleiben wir“, zwischen irrwitzigem Operettenflirren und authentischem historischem Geschehen. Die Biografie wirkt auf die Geschichte ein – ein Ansatz, den sich Andreas Kowalewitz viel öfter wünscht, genau wie Dramaturgin Marie Julius, die die Matinee moderiert, und Regisseur Scholz: „Die NS-Zeit hat viele Librettisten und Komponisten ausradiert; so kam überhaupt das Repertoire in die Spielpläne.“ Künstler, die zeitaktuelle Stoffe aufnahmen, gab es nicht mehr, so griffen die Bühnen auf das Alte, das Bewährte zurück.
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Ausstatterin Barbara Blaschke steckt die Figuren in poppige Kostüme und entwirft für die Bühne eine Art Scheune, in fettem Colourblocking Neongrün und Mittelmeerbau beleuchtet. Später, bei der Hochzeit, wird die Scheune mit viel Draperie zur hollywoodreifen Kulisse oder sie sieht, in den dunkleren Momenten, nach einem Lager für displaced persons aus. Ein aufwendiger Trick – die Werkstätten verkleiden das Bühnenportal – bewirkt, dass die Welt aus den Fugen scheint.
Für Joseph Beer ist das Leben ab 1938 zerrissen. Bis zu seinem Tod 1987 lebt er in Nizza, komponiert jeden Tag, kann aber nie mehr anknüpfen an seine Welterfolge. Die Familie durchforstet später das ganze Haus – und findet schließlich weit hinten im Keller einen Koffer: das Material für „Polnische Hochzeit".
Zur Premiere kommt Tochter Suzanne aus Paris
„Polnische Hochzeit“ hatte 1937 Uraufführung in Zürich, wurde ein Riesenerfolg und stand noch bis in die 1990er unter dem Namen „Mazurka“ auf den Spielplänen vieler Häuser. Die Musik komponierte Joseph Beer, das Libretto schrieben Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald. Die Operette kommt als Regensburger Erstaufführung auf die Bühne. Regie führt Ronny Scholz, musikalischer Leiter ist Andreas Kowalewitz, Ausstatterin Barbara Blaschke. Zur Premiere am Samstag (7. Februar, 19.30 Uhr) im Theater am Bismarckplatz kommt auch Suzanne Beer, eine Tochter des Komponisten, Philosophie-Professorin in Paris. Sie spricht bei der Einführung (Samstag, 18.45 Uhr) über Hintergründe des Werks.