Ein intensives Spiel mit Musik und Erinnerung - und Renate Behle ist der Star des Abends

Die Weltklasse-Sängerin ist für Sebastian Ritschels Inszenierung der Kammeroper extra aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Mit über 80 ist ihre Stimme immer noch riesig und wandlungsfähig.
Es geht um die Macht der Musik, um Identität und deren Verlust in der Kammeroper „Lucidity“ der New Yorker Komponistin Laura Kaminsky. Kann Musik Einfluss nehmen auf ein demenzkrankes Hirn, auf das Hirn einer Vollblutmusikerin und Sängerin, kann Musik Erinnerungen hochholen? Welche Rolle spielt Musik für drei Menschen, die sich von der Musik-Karriere verabschiedet haben aus äußeren oder inneren Gründen?
Vier Menschen stehen auf der Bühne des Theaters am Haidplatz. Lili war ein Weltstar in der Welt des Gesangs, jetzt ist sie 80 und dement und wird gepflegt von Adoptivsohn Dante, der Pianist war, leidlich erfolgreich. Psychoneurologin Dr. Claire Klugman war selbst Gesangsstudentin, wählte aber die Wissenschaft, aus Vernunftgründen. Identitätskrisen ziehen sich also durch den Plot von David Cote, Theaterkritiker und Librettist in New York. Die Vierte ist Sunny, die Lichtgestalt, Klarinettistin, mit Aufgaben aus Dr. Klugmans Demenzprogramm für Lili betraut. Sie bringt das Neue in den düsteren Haushalt von Lili und Dante, bringt Musik und Erinnerungen wie die an Schuberts Szene „Der Hirt auf dem Felsen“ für Sopran, Klarinette und Klavier. Damit wären wir beim fünften Protagonisten der 90-Minuten-Kammeroper: der Klarinette, die mit ihrem unglaublich wandlungsfähigen Ton Erinnerungen aufruft, an Schubert, an das Lied, Musik überhaupt, die Bruchstücke des „Hirten“ anklingen lässt.
Michael Wolf spielt einfühlsam und anrührend
Michael Wolf spielt so einfühlsam und anrührend, dass er hier hervorgehoben werden soll als Mitglied des kleinen Orchesters aus Klarinette, Violine, Violoncello, Percussion und Klavier, das die Oper trägt. Tom Woods hat die Leitung, von ihm sieht man höchstens mal einen Wink mit dem Zeigefinger zu den Sängern hin, sonst ist er, wie die meisten der Musiker, im Orchestereck der Bühne verborgen.
Laura Kaminskys Musik ist interessant, zusammengebaut aus verschiedenen Patterns, mal sind es sangliche Linien, dann perkussive rhythmische Elemente in Reihung, aneinandergefügte Arpeggien-Passagen. Reminiszenzen an Schuberts Lied stecken überall drin, werden aber nicht leitmotivisch verarbeitet, sondern sind quasi Erinnerungssplitter.
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Der Plot mit den vier Darstellern scheint ein wenig überladen. Vielleicht wäre die eigentliche Idee von der Kraft der Musik bei der Behandlung Kranker klarer herauszuarbeiten gewesen. So sieht man den vier Leben zu, wie sie vor die Wand fahren, immer aus anderen Gründen. Lili, weil sie erkrankt ist und so ihre Identität verliert. Dante, weil er sich in der Pflege seiner Mutter aufgibt und perspektivlos und leider auch ein wenig dümmlich über die Bühne streift. Dr. Klugman, weil sie die Kunst der Wissenschaft geopfert hat. Und Sunny, die mit ihrer sehr christlichen Familie hadert, von der sie wegen einer Abtreibung verleugnet wird.
Am Ende der Oper entdeckt Sunny, dass Lili auch komponierte, den unvollendeten Liederzyklus „Chosen Son“ etwa, aber Schwierigkeiten hatte, ein Wiegenlied zu schreiben oder zu singen für ihren Sohn. „I have no lullaby“ singt sie in der Rückschau. Eine Überlagerung: Auch Claire kann ihr Buch nicht vollenden. Verbindungen zwischen Dante und Claire in der Vergangenheit werden angedeutet. Die tollste Verknüpfung aber ist: Lili und Claire, Renate Behle und Svitlana Slyvia, Sopran und Mezzosopran, waren auch in Wirklichkeit Lehrerin und Schülerin an der Hochschule Hamburg.
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Renate Behle ist der Star des Abends, mit 80 Jahren singt sie immer noch wie die internationale Operndiva, die sie war, sie agiert wie ein altes Zirkuspferd mit langer Erfahrung. Sie kann mit ihrem Gesicht all die Verzweiflung ausdrücken, wenn Lili mal wieder nicht weiß, was so läuft, und Sekunden später das Erkennen von Menschen, das Wiederfinden von Erinnerungen und das Glück, das für sie damit zusammenhängt.
Beeindruckend singt sie Arien und Duette, die Stimme ist riesig und wandlungsfähig noch immer. Svitlana Slyvia wirkt neben ihr ein wenig blasser. Scarlett Pulwey als Sunny bringt die jugendliche Frische herein mit ihrem hohen Sopran. Bariton Davide Piva agiert gedämpft, kann aber auch dramatisch sein. Immer, wenn eine Arie erklingt, fährt das „Arienfenster“ herein, gibt den Rahmen, stellt heraus. Die Bühne von Kristopher Kempf, der die ganze Saison am Haidplatz ausstattet, funktioniert auch hier, gibt Freiraum und Klaustrophobisches mit seinen Stäben, durch die man die Welt sieht. Sebastian Ritschel hat selbst inszeniert, auf Renate Behle als Zentrum gesetzt, die ein Selbstläufer ist. Laura Kaminskys Oper ist ein intensives Kammerspiel mit Identitäten.