Das bedeutet der Mega-Deal zwischen ams-Osram und Infineon für Regensburg

Die seit Wochen köchelnden Gerüchte haben sich am Dienstagabend bestätigt. Infineon kauft einen Teil des Geschäftsfeldes von ams-Osram, betroffen davon ist vor allem der Standort Premstätten bei Graz in Österreich. Die Mediengruppe Bayern berichtete bereits über die Kaufgerüchte. Doch was bedeutet der Vollzug nun für Regensburg? Ein Überblick.
ams-Osram konsolidiert dabei die eigenen hohen Schulden, die nicht zuletzt auch durch die Übernahme des österreichischen Unternehmens ams von Osram aufgelaufen sind. 570 Millionen Euro in bar bekommt ams-Osram. Dafür steigert Infineon auf Anhieb den Umsatz um 230 Millionen Euro – allerdings ein kleiner Tropfen in einem großen See, wenn man betrachtet, dass Infineon gestern auch gleich die Quartalszahlen verkündet hat: Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Infineon einen Umsatz von 3,662 Milliarden Euro. Für ams-Osram ist der Verkauf ein zentraler Bestandteil des laufenden Entschuldungsprogramms.
Der veräußerte Geschäftsbereich erzielte im Jahr 2025 rund 220 Millionen Euro Umsatz sowie etwa 60 Millionen Euro bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Insgesamt bringen die Teilverkäufe dem Konzern rund 670 Millionen Euro ein. 230 Mitarbeiter sollen zudem von ams-Osram zu Infineon wechseln, vorwiegend aus dem Entwicklungsbereich. Die beiden Standorte in Regensburg seien davon nicht betroffen.
„Passt strategisch perfekt zu Infineon“
Man schlage zwei Fliegen mit einer Klappe, heißt es aus der ams-Osram-Chefetage: „Wir reduzieren unsere Verschuldung deutlich schneller als geplant und formen den führenden Anbieter in Digital Photonics. Wir sind das Photonics Powerhouse mit dem breitesten Portfolio modernster Halbleiter-Technologie-Plattformen für Lichtemission und Sensorik“, sagte Aldo Kamper, der Vorstandschef von ams-Osram. Auch Gesellschaften mit Vermögenswerten von rund 130 Millionen Euro, die bislang als Sicherheiten etwa für Wandelanleihen dienten, seien Teil der Transaktion. Die Erlöse sollen anteilig für Rückkäufe beziehungsweise Rückzahlungen dieser Finanzinstrumente verwendet werden.
„Das erworbene Geschäft passt strategisch perfekt zu Infineon und ergänzt unser starkes Angebot im Analog- und Sensor-Bereich. Damit können wir unseren Kunden künftig noch umfassendere Systemlösungen anbieten“, sagt Jochen Hanebeck, Vorstandsvorsitzender von Infineon. „Ich bin überzeugt, dass es sich um eine herausragende technologische, finanzielle und kulturelle Ergänzung handelt. Mit dem Zukauf erschließen wir uns neue Möglichkeiten – in etablierten Zielmärkten und in aufstrebenden Feldern wie der humanoiden Robotik.“
Im Vorfeld gab es Spekulationen, ob ams-Osram mit dem Deal die Produktionsstätte in Premstätten aufgeben würde. Infineon-Chef Hanebeck machte klar, dass dies nicht der Fall sein wird. Die Übernahme ist als sogenannter Asset Deal angelegt. Das bedeutet: Infineon kauft keine kompletten Firmen oder Werke, sondern gezielt einzelne Vermögenswerte. Dazu gehören die Sensorprodukte selbst, Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, Patente und anderes geistiges Eigentum sowie Test- und Laborausrüstung. Produktionsstätten wechseln dabei nicht den Besitzer.
Sensoren spielen in vielen modernen Technologien eine Schlüsselrolle. Sie bilden die Schnittstelle zwischen der realen und der digitalen Welt, indem sie physische Signale wie Bewegung, Geräusche, Licht, Temperatur, Herzschlag oder mechanische Belastungen erfassen und in digitale Daten umwandeln. Diese Daten können anschließend von Computern verarbeitet werden. Sensoren sind damit ein zentrales Bauteil in zahlreichen Anwendungen – von softwaregesteuerten Fahrzeugen und Fitness- oder Gesundheits-Trackern bis hin zu neuen KI-Anwendungen wie humanoiden Robotern.
Gewerkschaft äußert sich positiv zu dem Deal
Auch die IG Metall Regensburg hat sich zu dem Deal geäußert. Rico Irmischer, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg und Mitglied im Aufsichtsrat der Infineon Technologies AG, sieht im Zukauf strategische Chancen: „Der Schritt passt sehr gut ins Portfolio von Infineon. Die technologische Ergänzung ist eindeutig gegeben – und ich bin überzeugt, dass sich daraus Chancen ergeben, die vor allem den Infineon Beschäftigten zugutekommen können.“
Wenn das Unternehmen die Integration klug gestalte, könne das langfristig für mehr Arbeitsplatzsicherheit sorgen. „Unser Standort in Regensburg ist technologisch hervorragend geeignet, von dieser Erweiterung zu profitieren“, sagt Irmischer. Aus Sicht des verkaufenden Unternehmens betont die Gewerkschaft vor allem die finanzielle Dimension. Olga Redda ist in ihrer IG-Metall-Funktion auch Mitglied im Aufsichtsrat der ams-Osram GmbH. Sie sagt: „Für ams Osram verschafft der Verkauf dringend benötigte Liquidität. Das lindert zumindest einen Teil des finanziellen Drucks.“
Eine klassische Win-Win-Situation, wie sie in den BWL-Lehrbüchern steht.MZ-Autor Christian Eckl im Kommentar
Kommentar: Gleich zwei Gewinner
Manchmal hat man den Eindruck, moderne Industriemanager kennen nur eine Richtung: Gewinnmargen erhöhen, indem man den Druck im Unternehmen erhöht und möglichst viele Arbeitsplätze einspart. Um ehrlich zu sein, hatte man auch bei diesem Deal das Bauchgefühl, als erste Gerüchte ins Kraut schossen. Doch der Deal entpuppt sich als kluger Schachzug: In den Zeiten, in denen auch weltweit agierende Unternehmen wie Infineon und ams-Osram dem riesigen Innovationsdruck der Weltmärkte ausgesetzt sind, macht es Sinn, sich verbündete zu suchen. Statt einer feindlichen Übernahme fädelten die Unternehmensspitzen einen Deal ein, mit dem weder Know-how, noch Stellen, geschweige denn Zukunftsfähigkeit verlorengeht. Eine klassische Win-Win-Situation, wie sie in den BWL-Lehrbüchern steht.