Der Regensburger Jobmarkt im Ausnahmezustand: Wer hat überhaupt Chancen?

Der Arbeitsmarkt wandelt sich in der Wirtschaftskrise rasant – und auf ungewöhnliche Weise. Während die Arbeitslosenquote in Regensburg nach langen Jahren der Vollbeschäftigung inzwischen auf 5,4 Prozent geklettert ist, suchen viele Unternehmen weiterhin Fachkräfte. Wie passt das zusammen? Und können Menschen ohne Job für die freien Stellen qualifiziert werden? Ein Unternehmer und eine Arbeitsmarktexpertin geben Einlicke.
Druckereichef Johannes Helmberger musste in manchen Bereichen Stellen abbauen, für andere braucht er dringend Fachkräfte. Der Geschäftsführer der Franz Anton Niedermayr Graphische Kunstanstalt in Regensburg qualifiziert Hilfskräfte. Doch nicht alle schaffen es. Künftig will er Leute im Ausland anheuern. Arbeitsmarktexpertin Sibylle Aumer von der IHK sagt über die Lage in der Region: „Angebotene und nachgefragte Qualifikationen passen immer weniger zusammen.“
Johannes Helmberger führt durch seine vollautomatisierte Druckerei im Stadtosten. In einer riesigen, fast menschenleeren Halle setzen rote Roboter unablässig Prospektbündel auf Paletten. Sie werben für Netto, Segmüller, Stadler oder den Drogeriemarkt Müller. Die Franz Anton Niedermayr Graphische Kunstanstalt stellt sie her. Ein Staplerfahrer kurvt ums Eck. Helmberger deutet auf das Gefährt und sagt: „Ich habe drei chinesische Stapler für insgesamt 18.000 Euro gekauft. Ein deutscher kostet 60.000 Euro.“ In der nächsten Halle kombiniert eine Prospekt-Einstecklinie die Werbepublikationen so, wie sie dann in die süddeutschen Briefkästen flattern.
Niedermayr qualifiziert Hilfskräfte zu Fachleuten
Beim Gespräch mit dem Unternehmer geht es um den Arbeitsmarkt, der sich in der Wirtschaftskrise rasant – und auf ungewöhnliche Weise wandelt. Während die Arbeitslosenquote in Regensburg nach langen Jahren der Vollbeschäftigung inzwischen auf 5,4 Prozent geklettert ist, suchen viele Unternehmen weiterhin Fachkräfte. Wie passt das zusammen? Und können Menschen ohne Job für die freien Stellen qualifiziert werden?
Johannes Helmberger kennt die Situation aus seiner Druckerei, die seit der Corona-Zeit rund 30 Mitarbeiter einsparen musste, weil einige Produkte weggefallen sind. Durch Künstliche Intelligenz werden weitere Stellen überflüssig werden. Zugleich herrsche ein Fachkräftemangel bei Leuten mit Spezialfertigkeiten. Vor allem Medientechnologen Druck fehlen. „Wir kriegen junge Automobil-Ingenieure, ich brauche aber für die Produktion Facharbeiter, die im Druck- und Dreischichtbetrieb Maschinen bedienen“, sagt Helmberger, der die Firma in der sechsten Generation leitet.
„Wir versuchen, unsere Mitarbeiter weiterzuqualifizieren, aus Hilfskräften Fachleute zu machen.“ Zum Teil gelingt das, zum Teil nicht. „Das hängt stark von der Person ab“, sagt Helmberger. Denn für eine Hightech-Anlage sind Grundkenntnisse in Mathematik und Physik nötig. „Wenn das Basis-Knowhow nicht vorhanden ist, schafft er es nicht.“
Der weitaus größte Teil der Qualifizierungen erfolgt in der Pflege“Robert Brüderlein, Sprecher der Arbeitsagentur Regensburg
Sibylle Aumer ist die Arbeitsmarktexpertin der Industrie- und Handelskammer Regensburg (IHK) für Oberpfalz/Kelheim. Sie beobachtet in der Region, was Helmberger in der Praxis erlebt. „Wir verzeichnen ein zunehmendes Problem beim Matching auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie. „Angebotene und nachgefragte Qualifikationen passen immer weniger zusammen.“ Aumer spricht von einer großen Herausforderung für Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Bildungsträger.
Wegen der schwierigen Wirtschaftslage gehen in Regensburg und der Region viele gut bezahlte Industriejobs verloren, beispielsweise bei Aumovio, Schaeffler, AMS Osram, Infineon. Die Zahl der Arbeitslosen in der Stadt ist im Vergleich zum Vorjahr um 13,4 Prozent gestiegen und betrifft laut Sprecher Robert Brüderlein von der Arbeitsagentur Regensburg alle Berufsbereiche. „Die Industrie ist hier nicht stärker betroffen als andere Branchen.“
Firmen lassen sich bei Einstellungen mehr Zeit
Die Arbeitsagentur beobachtet seit Monaten, dass sich die Unternehmen bei den Einstellungen mehr Zeit lassen. „Personen mit Studienabschlüssen im MINT-Bereich müssen aktuell länger und intensiver nach einer Erstanstellung suchen“, sagt Brüderlein.
Zugleich klagt die IHK über einen enormen Fachkräftemangel. Gründe sind die demografische Entwicklung und der lebhafte Zuzug in den Großraum Regensburg. Gesundheitssektor und Erziehungswesen lechzen nach Arbeitskräften. Der Dienstleistungssektor wächst in den Bereichen Information, Kommunikation und IT. „Hier werden Jobs für Hochqualifizierte geschaffen“, sagt Sibylle Aumer. Damit kein regionaler Wohlstandsverlust entstehe, müssten Beschäftigte bei Qualifizierungsoffensiven etwa für Digitalisierung oder KI fit für die Zukunft gemacht und Anpassungs-Qualifikationen angeboten werden. Die Arbeitsagenturen hätten dafür gute Angebote.

Das bestätigt Sprecher Robert Brüderlein von der Agentur für Arbeit Regensburg. Im Vorjahr befanden sich 473 Arbeitslose in Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung. Weitere 711 Personen wurden bei der Beschäftigten-Qualifizierung gefördert. Diese Zahlen betreffen Weiterbildungen, also Anpassungs-Qualifizierungen, und Umschulungen. „Der weitaus größte Teil der Qualifizierungen erfolgt in der Pflege“, sagt Brüderlein.
Die meisten Stellen wurden in Regensburg im Januar 2026 in den Bereichen wirtschaftliche Dienstleistungen, Handel, Gesundheitswesen und Industrie angeboten. Grundsätzlich gelte nach wie vor, dass Absolventen mit einer Ausbildung oder einem Studium gute Beschäftigungschancen haben, sagt Brüderlein.
Für Unternehmer Helmberger wird der nächste Schritt sein, gezielt Leute aus dem Ausland anzuwerben. Eine große Hoffnung ruhe auf humanoiden Robotern, die etwa bei Tesla und BMW eingesetzt werden. „Bei einfachen Hilfstätigkeiten ist das ein guter Weg, um Engpässe zu überbrücken“, sagt der Druckerei-Chef.