Vertreibung der Sudetendeutschen: Tag des Gedenkens in Furth im Wald

Krieg und Vertreibung sind aktueller denn je. Da ist es eine Wohltat, einen Tag erleben zu dürfen, bei dem Freundschaft, Versöhnung und der Wunsch Frieden im Vordergrund stehen. So geschehen bei einer Gedenkveranstaltung, die an den ersten ankommenden Transport sudetendeutscher Vertriebener vor 80 Jahren erinnert.
Nach einem ergreifenden Gottesdienst in der Kreuzkirche, gehalten von Regionaldekan Holger Kruschina, waren die Gäste zum Gedenkstein am ehemaligen Eingang des Bahnhofs gekommen, um dort Blumen und Kränze niederzulegen. Bernd Posselt, Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, erinnerte an die traumatischen Ereignisse ein Jahr nach Kriegsende.
Sudetendeutsche Kämpfer gegen Nationalismus
Keiner habe zu dieser Zeit geglaubt, dass dies damals noch geschehen konnte. Das sei keine Rache mehr gewesen, sondern war von staatlicher Seite geplant. Neben der Enteignung in der ehemaligen Heimat muss für die rund 600 000 Vertriebenen, die in Furth im Wald angekommen sind, vor allem die Entlausung demütigend gewesen sein. Zuvor habe man in einer blühenden Kulturlandschaft gelebt, jetzt sei man schmutzig. „Das muss einen ganz tiefen Schmerz hinterlassen haben.“ Nichtsdestotrotz sei das, was in Furth im Wald geschehen ist, eine gewaltige Leistung, sowohl der Vertriebenen als auch der Ankommenden. Er betonte die Bemühungen auf beiden Seiten der Grenze um Aussöhnung und Freundschaft und bezeichnete die Sudetendeutschen als Kämpfer gegen die Pest des Nationalismus. Mit Blick auf die tschechischen Nachbarn sagte er: „Diesseits und jenseits der Grenze wächst zusammen, was zusammen gehört.“
Bauer blickte beim Empfang im Rathaussaal auf Furth im Wald als Erstversorger für die Vertriebenenströme zurück. Die Stadt hat viele hunderttausend Lebenswege jeden Alters beeinflusst. „Nach dem Verlust der Heimat, war hier der Beginn eines neuen Weges in die Ungewissheit.“ Gleichzeitig seien die Ereignisse auch ein Neuanfang gewesen, in dessen Fortgang viele zum Wiederaufbau beigetragen hätten. Bauer lobte auch die historische Leistung der Further, die in den Nachkriegsjahren selbst Unsicherheit und Entbehrung erlebt haben.
Pavel Horava, Generalsekretär der Generalsekretär der Partei KDU-CSL sowie Milan Horacek, ehemaliges Mitglied des Europaparlaments, betonten den anhaltenden Wunsch nach Versöhnung und die Freude darüber, an Tagen, wie diesen Freundschaft zu pflegen.
Landrat und Bezirkstagspräsident Franz Löffler sprach unter anderem vom Stolz, „dass es Veranstaltungen, wie diese gibt.“ Sie seien eine Mahnung, dass man Krieg und Vertreibung nicht vergessen dürfe. Sie seien keine Phänomene der Vergangenheit, obwohl sie es mit Blick auf die Geschichte sein sollten. Er betonte auch, dass die Sudetendeutschen nach dem Krieg mit Know How, hohem Bildungsniveau, handwerklichem Geschick und Engagement, maßgeblich zum Wiederaufbau Deutschlands beigetragen haben. Positiv genutzt habe man die grenzüberschreitende Zusammenarbeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. „Verbindungen, die damals entstanden sind, halten bis heute“, so Löffler.




Historisch sind Bayern und Böhmen Herzland
In seiner Festrede spannte Posselt den Bogen von historischen Ereignissen, bis zu den aktuellen Verwerfungen auf der Welt. Die Vertreibung der Sudetendeutschen stehe exemplarisch für das, was Nationalismus immer auslöst. Der teilt Menschen in Kategorien wie Sprache, Kultur und Herkunft ein. Daraus folgen Anpassung an die bestehende Ideologie oder eben Ausgrenzung und Vertreibung. Das sei mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen kein überwundenes Problem. Noch niemals in der Geschichte habe es mehr Flucht und Vertreibung geben, als in der Gegenwart. Er warnte vor länderübergreifender nationalistischer Zusammenarbeit und lobte im Gegensatz dazu das Bemühen auf beiden Seiten der Grenze für Annäherung und Aussöhnung, das sich unter anderem in vielen gemeinsamen Initiativen zeige. Gedenken, sagte er schließlich, sei nicht nur ein Akt der Erinnerung für die Opfer, sondern auch ein Dienst an denen, die noch nicht geboren sind. Ziel müsse es sein, Minderheiten zu schützen, Frieden und Demokratie zu gewährleisten.
Auf Furth im Wald bezogen führte Posselt aus, es gebe Orte, die seien in besonderer Weise berufen, Geschichte zu erleben. Die Grenze zwischen Bayern und Böhmen sei Jahrhunderte lang keine gewesen. Es herrschten beste Beziehungen. Zu dieser Zeit sei es kein Grenzland, sondern Herzland gewesen. Im Gegensatz dazu musste diese Region die Verbrechen der Zeit erleben: Krieg, Vertreibung und Eiserner Vorhang. „Deswegen ist Furth im Wald ein Ort, um zu zeigen, wozu der Mensch fähig ist.“ Das gelte sowohl positiv, wie negativ. Sowohl in Posselts Ausführungen, als auch in den Wortbeiträgen aller anderen Redner waren die Mahnung vor nationalistischen Umtrieben der Gegenwart, der Wunsch nach Demokratie und das anhaltenden Bestreben nach Aussöhnung, Frieden und Verständigung deutlich herauszuhören.