Das Drama der Vertreibung der Sudetendeutschen und Ankunft in Furth im Wald

Von Alexander Frimberger · 31. Januar 2026 um 11:00

Das menschliche Leid war mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 noch nicht vorbei. Die Stadt Furth im Wald erinnert mit einem Gedenktag an die Zeit ab 1946, als insgesamt hunderttausende aus der damaligen Tschechoslowakei vertriebene Sudetendeutsche in der Drachenstadt deutschen Boden betraten und von hier im ganzen Bundesgebiet verteilt wurden. Einer von ihnen ist Herbert Wirrer, der mit seiner Familie erst nach Schwaben gebracht wurde und später in die Oberpfalz zurückgekehrt ist.

„Mit dem Erlass der Beneš-Dekrete seit Mai 1945 hatten die Deutschen in der Tschechoslowakei ihre Bürgerrechte verloren.

Nur 50 Kilo Gepäck durfte mitgenommen werden

Die Vertreibung als in ihrem Ausmaß geschichtliches Novum, ist eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte überhaupt“, schreibt Heimatforscher Werner Perlinger in einem Aufsatz zu dem Thema. Weiter schreibt der Bürgermedaillenträger, dass die geregelte Ausweisung im Januar 1946 begann.

Eines der vier eilends geschaffenen Durchgangslager hat sich in der deutschen Grenzstadt zu Böhmen befunden. Das weiß auch Wirrer, der zur damaligen Zeit noch ein kleines Kind war und vieles aus den Erzählungen seiner Mutter weiß. „Die einzige echte Erinnerung, die ich habe, ist, dass ich, angekommen im Flüchtlingslager, entlaust wurde.“ Mit einer Spritze wurde er demnach mit einem Pulver abgesprüht.

Nur 30 bis 50 Kilo durften mitgenommen werden, schreibt Perlinger. Eigentum wurde weggenommen. Auch das bestätigt Wirrer. Seine Mutter, er und seine beiden Brüder sind nur mit einigen Kleidungsstücken im Auffanglager Dorf Eisenstein gelandet. Der Hass auf die Deutschen muss groß gewesen sein, wissen Wirrer und Perlinger. Ersterer sagt, von 1945 bis 1946 sei brutal gegen die Sudetendeutschen vorgegangen worden. Perlinger spricht zum Teil von Orgien des Hasses bei den gewaltsamen Vertreibungen. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Seine Mutter hat Wirrer erzählt, dass ein tschechoslowakischer Nachbar sie schon frühzeitig empfohlen hatte, Sachen zu packen, weil bald etwas passieren würde.

Vom Auffanglager ging es mit dem Zug über Domazlice weiter nach Furth im Wald. Lange hat der Aufenthalt nicht gedauert. Bald ist die Mutter mit ihren drei kleinen Kindern weitergebracht worden - in ein Dorf in der Nähe von Augsburg.

Perlinger: „Im Mai und Juni 1946, der Hochphase der tschechischen Vertreibungstransporte, wurden in unserer Stadt in der Regel täglich vier Züge mit insgesamt 4800 Vertriebenen registriert, medizinisch versorgt und anschließend auf die US-Zone verteilt.“ Allein im Jahr 1946 wurden demnach 1 111 Transportzüge mit 1 183 370 Ausgewiesenen nach Bayern eingeschleust und dann unter anderem nach Württemberg und Baden weitergeleitet. Mehr als die Hälfte dieser Ausgewiesenen – genau 618 916 Sudetendeutsche – betraten in der Grenzstadt deutschen Boden. Erst am 28. April 1951 endete demnach die Aussiedlungsaktion über die Schiene.

Wie ging es für die Familie Wirrer weiter? „Wir waren in dem schwäbischen Dorf zunächst ganz und gar nicht willkommen“, sagt Wirrer. Erst nach und nach, als die Menschen merkten, dass es sich bei der Familie um anständige Leute handelt, seien sie angenommen worden.

1947 wurde der Vater aus der Gefangenschaft entlassen

In seinem Erinnerungszimmer sammelt Herbert Wirrer jede Literatur zum Thema, dokumentiert oder schwelgt wie hier mit Bildern in Erinnerungen. - Foto: Alexander Frimberger

Die Mutter half, wo sie konnte. 1947 kam der Vater aus italienischer Gefangenschaft zurück. Ein großer, breitschultriger Mann, vor dem sich der kleine Herbert zunächst gefürchtet hat. Er erinnert sich, dass der einen schwarzen Bart trug und eine selbst gebaute Geige im Rucksack trug, deren Hals bedrohlich über den Kopf ragte. „Das ist doch dein Dada (Papa), hat die Mama zu mir gesagt.“ Trotzdem hat es gedauert, bis beide warm miteinander wurden. Auch sein Vater war ein fleißiger Helfer mit großem handwerklichen Geschick.

Bald erreichte ihn ein Brief, dass in der Drachenstadt Glasofenbauer gesucht wurden. Das war der Vater. Also ging es auf eine abenteuerliche Reise mit dem Lkw zurück nach Furth. Auf dem Gelände der Firma Flabeg war man in Steinbaracken untergebracht worden. Es waren gute Wohnungen, aber die Stimmung gegenüber der Neuankömmlinge zunächst wieder feindselig.

Doch später wurde es besser und Wirrer hat sich bis heute immer an die Mahnungen seiner Mutter gehalten: „Seid fleißig und bescheiden, und bleibt anständig.“