Der „Staatsanwalt“ des Papstes: Ein Regensburger wird nach Rom gerufen

Dr. Konrad Ackermann, der frühere Sekretär des Regensburger Bischofs, ist nun Promotor Justitiae in Rom an der Rota. Im Interview erklärt er, wieso ein Ehenichtigkeitsverfahren keine „Scheidung auf katholisch“ ist, warum Menschen ein solches Verfahren überhaupt anstreben und was er an Regensburg in Rom so vermisst.
Sie haben Regensburg gegen Rom getauscht. Haben Sie manchmal Heimweh?
Dr. Konrad Ackermann: Heimweh ist vielleicht ein großes Wort. Natürlich vermisst man Dinge aus der alten Heimat. In Rom fühle ich mich grundsätzlich wohl, aber es fehlen schon bestimmte Selbstverständlichkeiten – vor allem Menschen. Auch kirchlich gibt es Unterschiede: Die deutsche Liturgie ist oft feierlicher. Orgelmusik etwa ist hier kaum verbreitet, klassische Kirchenlieder, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es praktisch nicht. Insgesamt wird weniger gesungen. Das sind Kleinigkeiten, die man merkt.
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Sie sind wohl ein wenig verwöhnt von der Domorgel in Regensburg?
Ackermann: Ja, das stimmt schon. Vor allem auch deshalb, weil ich als Sekretär des Regensburger Bischofs regelmäßig die Domspatzen gehört habe. Das ist eine außergewöhnlich hohe Qualität. Richtig bewusst geworden ist mir das erst wieder im Herbst, als die Domspatzen im Heiligen Jahr in Rom waren. Als sie im Petersdom gesungen haben, wurde mir klar, was ich lange als selbstverständlich angesehen habe. Das ist künstlerisch einfach auf einem sehr hohen Niveau.
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Sie wurden in den vergangenen Tagen an der Römischen Rota als Promotor Justitiae vereidigt. Was ist die Rota?
Ackermann: Die Römische Rota ist im Kern der päpstliche Gerichtshof und in den allermeisten Fällen eine Berufungsinstanz. Kirchliche Verfahren beginnen normalerweise auf diözesaner Ebene, also etwa in Regensburg, München oder irgendwo anders auf der Welt. Wer mit einem Urteil dort nicht einverstanden ist, kann Berufung einlegen – entweder bei einem nationalen Gericht oder direkt bei der Rota in Rom. In dritter Instanz sind wir fast immer zuständig, mit wenigen Ausnahmen. Rund 90 Prozent unserer Verfahren sind klassische Berufungsfälle.
Was macht die Rota besonders?
Ackermann: Ihre Geschichte. Die Wurzeln reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Damit ist sie das Gericht mit der längsten durchgehenden Rechtsgeschichte weltweit – und sie besteht bis heute.
Und was macht nun Promotor Justitiae?
Ackermann: Man kann das grob mit einem Staatsanwalt vergleichen, aber die Aufgabe ist breiter. In Strafsachen übernimmt der Promotor tatsächlich die anklagende Rolle. Darüber hinaus wird er immer dann tätig, wenn die öffentliche Ordnung der Kirche berührt ist – etwa wenn Verfahrensrechte nicht eingehalten werden. Dann geben wir rechtliche Stellungnahmen ab, um den Richtern Orientierung zu geben. Nicht verbindlich, aber mit dem Anspruch, objektiv „für die Wahrheit der Sache“ zu argumentieren, gestützt auf Rechtsprechung, kirchenrechtliche Lehre und zum Teil auch zivilrechtliche Erkenntnisse.
Wie läuft ein Verfahren vor dem päpstlichen Gericht eigentlich ab? Gibt es Gerichtssäle – und hängt dort tatsächlich ein Bild des Papstes?
Ackermann: Ein Bild des Papstes hängt tatsächlich in jedem unserer Büros. Er ist unser oberster Dienstherr. Die Richter der Römische Rota sprechen Recht stellvertretend für ihn. Historisch geht das auf das Mittelalter zurück, als die Päpste begannen, sogenannte Auditores einzusetzen – also Zuhörer, die die Rechtssachen prüften und im Namen des Papstes entschieden. Daher heißen die Richter bis heute Praelati Auditores.
Wie muss man sich den Prozess konkret vorstellen?
Ackermann: Es handelt sich überwiegend um schriftliche Verfahren. Die Richter kennen die Parteien nicht persönlich, sondern arbeiten mit den Akten, also mit Protokollen von Zeugenaussagen und Vernehmungen. Ziel ist größtmögliche Objektivität. Man versucht, allein auf Grundlage der Akten zu einem Urteil zu kommen und vernünftige Zweifel auszuschließen.
Was unterscheidet die Rota noch von anderen Gerichten?
Ackermann: Die Verfahrenssprache ist Latein. Schriftsätze, Urteile und richterliche Dekrete werden auf Latein verfasst. Die Kirche ist international, keine Sprache soll bevorzugt werden – auch nicht Italienisch. Latein ist eine gewachsene Rechtssprache mit jahrhundertelanger Tradition.
Im weltlichen Recht steht der Rechtsfrieden im Vordergrund, also das geordnete Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Im kirchlichen Recht ist das höchste Gesetz das salus animarum, das Seelenheil der Menschen.Dr. Konrad Ackermann
Sie haben sowohl weltliches als auch kirchliches Recht studiert. Was ist der Unterschied?
Ackermann: Der Endzweck. Im weltlichen Recht steht der Rechtsfrieden im Vordergrund, also das geordnete Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Im kirchlichen Recht ist das höchste Gesetz das salus animarum, das Seelenheil der Menschen. Deshalb ist das kirchliche Recht religiös begründet. Gleichzeitig ist es aber echtes Recht mit klaren Verfahrensregeln. Viele Grundprinzipien des heutigen staatlichen Rechts – etwa das Recht auf rechtliches Gehör oder die Rolle einer Anklagebehörde – haben ihren Ursprung im kanonischen Recht.
Wäre auch die Anklage gegen Galileo Galilei heute bei der Rota gelandet?
Ackermann: Nein, das wäre ein anderes Verfahren gewesen. Die Zuständigkeiten haben sich über die Jahrhunderte stark verändert. Heute ist die Römische Rota vor allem ein Berufungsgericht. Viele strafrechtliche Verfahren – zum Beispiel Missbrauchsfälle – werden inzwischen von anderen Stellen in der Glaubenskongregation bearbeitet, weil man die Prozesse bewusst beschleunigt hat. Diese Entscheidung geht auf Joseph Ratzinger zurück.
Womit befasst sich die Rota heute hauptsächlich?
Ackermann: Der ganz überwiegende Teil unserer Verfahren sind Ehenichtigkeitsprozesse. Es geht dabei nicht um eine Scheidung, sondern um die Frage, ob eine Ehe im kirchenrechtlichen Sinn überhaupt gültig zustande gekommen ist.
Eine Art „Scheidung auf katholisch“?
Ackermann: Nein, eine Scheidung gibt es im kirchlichen Sinne eben nicht. Es geht darum, festzustellen, ob eine Eheschließung vor Gott aus unterschiedlichen Gründen nicht zustande gekommen ist. Papst Leo hat kürzlich bei einem Treffen mit der Rota betont, dass es nicht um falsch verstandene Barmherzigkeit geht. Ziel ist es, den Menschen zu helfen, Klarheit über ihr eigenes Leben zu gewinnen – ohne moralische Verurteilung. Wir suchen eine moralische Gewissheit, keine absolute.
Was motiviert Menschen, ein solches Verfahren anzustrengen?
Ackermann: In den meisten Fällen steht eine religiöse Motivation im Vordergrund. Viele wollen wissen, wie sie vor der Kirche stehen. Interessanterweise gibt es auch Berufungen mit dem Ziel, eine Ehe gerade nicht für nichtig erklären zu lassen.
Begegnet man in Rom eigentlich anderen Regensburgern?
Ackermann: Ja, gelegentlich. Gerhard Ludwig Müller etwa hat mich zum Priester geweiht, man läuft sich immer wieder über den Weg. Einen festen „Regensburg-Kreis“ gibt es aber nicht.

Werden Sie Papst Leo künftig häufiger begegnen?
Ackermann: Im Rahmen offizieller Anlässe wie die von Anfang der Woche sicher. Aber ich bewege mich klar auf der mittleren Ebene. Und ehrlich gesagt: Damit kann ich gut leben.
Das Interview führte Christian Eckl.