Ein echter Bayer als Stellvertreter Christi: Wie Papst Benedikt privat war

Das Institut Papst Benedikt bringt zum Jahreswechsel sehr persönliche Texte von und über Joseph Ratzinger heraus. Enthalten sind in zwei Büchern nicht nur autobiographische Texte, sondern auch Interviews mit Joseph Ratzinger aus seiner Zeit als Professor in Regensburg und Erzbischof von München.
Mit gleich zwei Messen gedenkt man im Vatikan des am Silvestertag 2022 verstorbenen Papstes Benedikt XVI.. Schon am gestrigen Dienstag feierte Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, den Joseph Ratzinger noch als Kardinal zum Bischof von Regensburg geweiht hatte, am Kathedra-Altar von St. Peter eine Gedenkmesse. Und Kardinal Kurt Koch gedenkt des Verstorbenen an seinem Todestag.
Auch wenn sein Pontifikat in der Kirchengeschichte relativ kurz erscheinen mag: Von Papst Benedikt bleibt mehr als nur ein achtjähriges Petrusamt, das er von seiner Wahl 2005 bis zu seinem Rücktritt 2013 ausübte. Ratzinger als Lehrer, aber auch als besondere bayerische Gestalt inspiriert bis heute viele Menschen. Jetzt ist in der Reihe des Instituts Papst Benedikt ein besonderer Band wieder erschienen, der Ratzinger so nah und persönlich zeigt, wie er es selbst zu Lebzeiten zugelassen hat: Zwei Teile des nunmehr 15. Bandes sind erschienen (Herder-Verlag), die Autobiografie „Aus meinem Leben“, die Joseph Ratzinger selbst verfasst hatte, angereichert mit Interviews, Predigten, Festschriften und Ehrbekundungen des Gelehrten für Wegbegleiter.
Im Band „Aus meinem Leben“ beschrieb der Kardinal Ratzinger 1997 selbst seinen Weg von der Geburt in Marktl am Inn über die schwere Kriegszeit, die Zeit als Seminarist, als junger Kaplan, als Professor in Freising, Bonn, Regensburg bis zu seiner Berufung als Erzbischof von München und Freising. Der zweite Teil des Bandes aus dem Leben des Theologen beschäftigt sich dann mit der Zeit als Erzbischof und als Präfekt der Glaubenskongregation vor seiner Wahl zum Papst.
Seine deutsche Heimat war in Regensburg
Auch zwei Interviews namhafter Regensburger Lokaljournalisten sind in dem Band veröffentlicht. 1977 interviewte Harald Raab für die Regensburger Woche den scheidenden Professor und frisch verkündeten Erzbischof. Und 1997 tat es ihm mit Karl Birkenseer ein Kirchenkenner gleich, der für die Leser der Mittelbayerischen das Geheimnis lüftete, wo sich der Wahl-Römer Ratzinger denn eigentlich so richtig zuhause fühlen würde. Zwar rechnete Ratzinger 1997 noch mit einer Pensionierung statt mit der Berufung ins Petrusamt. Und einen weiteren Umzug über die Alpen wollte er nicht, wie er den MZ-Lesern verriet.
Das Daheimsein ist das Schöne an dieser Verbindung mit meinem Haus draußen in Pentling und mit dem Dasein meines Bruders hier in Regensburg.Joseph Ratzinger in einem Interview von Karl Birkenseer mit der Mittelbayerischen Zeitung 1997
Doch zu Regensburg pflegte der Mann, der von 1970 bis 1977 eine Professur in der Domstadt innehatte und der dort mit seiner Schwester und seinem Bruder Georg lebte, eine wirklich enge Beziehung: „Es ist einfach wichtig, dass man neben dem römischen Wohnsitz auch in Deutschland ein wirkliches Zuhause hat“, sagte Ratzinger damals dem MZ-Journalisten. „Dass ich, wenn ich herkomme, nicht in irgendein Hotel gehe, sondern wirklich daheim bin und alles Wesentliche vorfinde, was ich brauche.“ Und weiter sagte Ratzinger: „Das Daheimsein ist das Schöne an dieser Verbindung mit meinem Haus draußen in Pentling und mit dem Dasein meines Bruders hier in Regensburg.“
Wie eng die Bande zwischen den Ratzinger-Brüdern wirklich waren, das erlebte die Weltöffentlichkeit im Sommer 2020. Kaum mehr ein Regensburger hätte geglaubt, dass Benedikt jemals wieder den Boden seiner Heimatstadt betreten würde. Doch der ansonsten so streng wirkende Joseph Ratzinger war stets für Überraschungen gut. Und so holte er von seinem Nachfolger Franziskus die Erlaubnis ein, seinen im Sterben liegenden Bruder noch einmal besuchen zu dürfen. Der private Besuch Benedikts, nach dem offiziellen 2006 der zweite als Papst, wenn auch als Emeritus, machte besonders deutlich, wie eng die Familie zueinander stand. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich im Bistum, der selbst schon von einer schmerzhaften Gesichtsrose gezeichnete Joseph wollte nicht, dass er zum zweiten Mal ein Geschwisterteil verliert, ohne es noch einmal persönlich gesehen zu haben: 1991 starb seine Schwester Maria einen Tag nach Allerheiligen an den Folgen eines Herzinfarktes, der damalige Glaubenspräfekt schaffte es nicht mehr rechtzeitig von Rom nach Regensburg.
Das Interview in der MZ macht aber auch deutlich, wie aktuell Ratzinger als Denker bis heute ist. Damals, 1997, hatte der Schachcomputer Deep Blue den damals weltbesten Schachspieler Garri Kasparow besiegt. „Die Frage, wie weit wir selbst Sklaven unserer Maschinen werden, drängt sich jedem von uns heute auf“, sagte Ratzinger damals – wie prophetisch im Hinblick auf die heutige Debatte um Künstliche Intelligenz und ihre Folgen.

20 Jahre früher hatte der Woche-Journalist Harald Raab an Ratzinger die Frage gestellt, ob die katholische Kirche aus ihren hierarchischen Strukturen ausbrechen und demokratischer werden könnte. „Das Ideal der Kirche kann sicher nicht die parlamentarische Demokratie sein. Das sind zwei ganz verschiedene Anlagen“, sagte Ratzinger kurz vor seinem Amtsantritt in München.
Aktuell sind Ratzingers Aussagen auch deshalb bis heute, weil sie sein Verständnis von Kirche zeigen – derzeit stehen die beiden Bischöfe von Regensburg und Passau zusammen mit dem Kölner Kardinal im Prinzip gegen ihre deutschen Mitbrüder im Ringen um den Synodalen Weg, der Laien mehr Befugnisse geben soll. Ratzingers Antwort auf die Frage nach mehr Mitsprache und weniger Hierarchie ist vielsagend: „Mir scheint, dass etwa die Pfarrgemeinderäte inzwischen sehr gut funktionieren. In anderen Dingen wird man sich weiter bemühen müssen, um die richtige Form zu finden.“

Der ewig Suchende
Ratzinger aber war ein ewig Suchender, ein Wissenschaftler. Bei seiner Rede vor der Vereidigung als Erzbischof – laut dem bayerischen Konkordat zwischen Freistaat und Vatikan schwören Bayerns Bischöfe auf die Verfassung – sprach Ratzinger dann auch von der Liberalitas Bavarica, die das Lebensgefühl der Bayern prägen würde. „Wir Bayern dürfen mit dankbarem Stolz sagen, dass sich bei uns (...) der Staat (...) stets sein eigenes Gewicht und den ihm gebührenden Rang zu wahren wusste, ohne dass die Kirche darob aufhörte, die Seelen zu prägen und im Bund mit dem Staat jene heitere Daseinsfreude zu wecken, die sich in Bayerns Kultur so unverwechselbar ausdrückt“. Man glaubt, in diesen wunderbaren Satzgefügen Ratzingers weichen bayerischen Akzent zu vernehmen. Bayern, das zeigt dieser Doppelband auf vielen hundert Seiten erneut, ist neben Gott, Jesus und der Kirche die große Liebe dieses Kirchenmannes geblieben.