Früherer Regensburger Bischof Müller: Der Papst „liest, was ich schreibe“

Der Kurienkardinal vergleicht in einem Interview die Rassenlehre und die Eugenik des Dritten Reichs mit der LGBTQ-Bewegung. Gleichzeitig sagt der Kirchenmann aber, der Staat solle sich nicht einmischen, wenn zwei Männer heiraten wollen. Erst kürzlich mischte sich Müller in die Debatte um den Synodalen Weg in Deutschland ein.
Der frühere Regensburger Bischof und Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller hat sich in einem Interview mit „Die Welt“ über den neuen Papst Leo XIV. geäußert. Müller selbstbewusst: „Ich glaube, dass er einiges liest, was ich schreibe. Aber ich dränge mich nicht auf.“ Er würde aber jeden Tag für den Papst beten. Das Verhältnis Müllers zu Leos Vorgänger Franziskus galt als angespannt. Während Benedikt XVI. (1927 bis 2022) Müller 2012 zum Präfekten der Glaubenskongregation gemacht hatte, entließ Franziskus Müller fünf Jahre später aus diesem Amt.
Erst nach vier Jahren, in denen Müller keine offizielle Funktion an der Kurie innehatte, holte ihn Franziskus 2021 zumindest an das höchste Kirchengericht in der Apostolischen Signatur. Jetzt sprach Müller darüber, wie er Leos Namenswahl einordnet. „Ich glaube, dass Papst Leo die politische und kirchliche Situation gut erkennt“, sagte der Kardinal. „Er versucht, sanft und mit Überzeugungskraft viele Antagonismen zu überwinden.“
„Nehmen die Menschen aus“
Müller kritisierte, technische Neuerungen wie Künstliche Intelligenz drohten „zum Machtinstrument der Elite“ zu werden. Der Kurienkardinal kritisierte auch die Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley: „Erst nehmen sie die Menschen aus, akkumulieren ihre Reichtümer, dann schwingen sie sich zu Mäzenen auf“, sagte Müller.
Die sogenannte LGBTQ-Bewegung, die sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, aber zunehmend auch beispielsweise für das Recht auf selbstbestimmte Geschlechtswahl einsetzt, nennt Müller in einem Atemzug mit Rassenlehre und Eugenik. „Ein Staat, der sich für religiös neutral erklärt, hat weder die Legitimation noch die Kompetenz, sich in ethische und religiöse Fragen einzumischen“, sagte Müller wörtlich. „Stattdessen übertritt aber die Politik dieses Prinzip und nennt ihre Weltanschauung Wissenschaft“, so Müller weiter. „Die Rassenlehre hat sich bekanntlich auch wissenschaftlich genannt, ebenso die wissenschaftliche Eugenik. Das alles waren Pseudowissenschaften, wie auch die LGBTQ-Ideologie eine solche ist.“ Diese habe „nichts mit Wissenschaft zu tun, weil sie dem biologischen Faktum widerspricht, dass der Mensch entweder männlich oder weiblich ist“, so der Kurienkardinal.
Andererseits äußerte sich Müller diesmal neutral gegenüber Staaten, die gleichgeschlechtliche Bindungen rechtlich legitimieren: „Ein demokratischer Rechtsstaat, der weltanschaulich neutral sein will, hat sich auch nicht einzumischen, wenn beispielsweise zwei Männer zusammenleben wollen, als ob sie Mann und Frau wären“, sagte der Kardinal, ergänzte aber: „Er darf aber auch den anderen nicht auferlegen, sich einer Ehedefinition zu unterstellen, die vom Staat kommt.“
Keine lehramtliche Autorität
Auch zur Debatte der Kirche in Deutschland äußert sich Müller immer wieder. Zuletzt mitte Dezember, als er sich gegenüber britischen Medien zum Synodalen Weg positionierte. Müller steht dabei an der Seite der Kritiker , allen voran dem Passauer Bischof Stefan Oster und seinem Regensburger Kollegen und Müller-Nachfolger Rudolf Voderholzer. Müller sagte in dem Interview wörtlich: „Die Organisation des sogenannten Synodalen Weges besitzt keinerlei lehramtliche Autorität und ist auch keine verfassungsgebende Versammlung, die befugt wäre, eine deutsche Nationalkirche nach anglikanischer oder protestantischer Prägung zu errichten.“ Deutliche Worte also, wie man es von dem Kirchenmann durchaus gewohnt ist.