Sprengstoff im grauen BMW bei Regensburg: War die Geldautomaten-Mafia auf der Durchreise?

Stundenlang stehen am Freitag Pendler und Lkws im Stau. Die A3 bei Regensburg wird komplett abgeriegelt, weil die Polizei in einem BMW Sprengstoff entdeckt. Sind per Zufall zwei Kuriere der Geldautomaten-Mafia ins Netz gegangen? Es spricht einiges dafür.
Es war eine ganz normale Verkehrskontrolle. Kaum was los auf der A3, als Verkehrspolizisten am Freitag um 2 Uhr in der Früh einen 1er BMW bei Regensburg anhalten, der in Richtung Passau unterwegs ist. Am Steuer eine Frau, auf dem Beifahrersitz ein Mann – und in einer großen Tasche „sprengstoffverdächtige Gegenstände“. Die Handschellen klicken. Zur „Gefahrenabwehr“ wird die Autobahn gesperrt. An den Zufahrten rund um den Fundort bei Wörth an der Donau beziehen Polizisten Stellung. Spezialkräfte aus München sind längst unterwegs.

Während am Morgen der Stau immer größer wird, schreiten die Sprengstoffexperten vom Landeskriminalamt (LKA) zur Tat. Der Fund muss unschädlich gemacht werden. Zu gefährlich wäre ein Abtransport nach München ins Kriminaltechnische Institut. „Wenn wir feststellen, dass es beim Bewegen eines sprengstoffverdächtigen Gegenstandes zu einer Umsetzung des Explosivstoffes kommen könnte, entscheiden wir uns für eine Sprengung“, erklärt LKA-Pressechef Alexander Groß. Nach Recherchen der Mediengruppe Bayern sollen es zwei zündbereite Sprengsätze gewesen sein. Aus beiden Paketen ragten auch Zündschnüre heraus.
LKA sichert Spuren am verdächtigen BMW
Auf einer Wiese neben der A3 fliegt ein Teil der sichergestellten Gegenstände – versetzt mit zusätzlichem Sprengstoff des LKA – gegen 8.45 Uhr mit einem lauten Knall, aber kontrolliert in die Luft. „Die Menge muss passen, damit kein großes Loch in den Boden gesprengt wird. Dann sammeln wir die Teile ein und können immer noch feststellen, was da für Sprengstoff drin war.“ Ergebnisse kann Groß am Freitag noch nicht vermelden. Die Untersuchungen im Labor stehen noch aus.
Gegen 10 Uhr sind die Spezialkräfte immer noch an dem BMW mit EU-Kennzeichen – Kreis Euskirchen, wo ein großer Mietwagenverleih seine Fahrzeuge zulässt – zugange. Die Schlange aus wartenden Lastwagen reicht mittlerweile fast bis Regensburg zurück. Immerhin: „In Richtung Nürnberg fließt der Verkehr wieder.“ Recht viel mehr kann der Polizeisprecher, der auf einer Brücke über der Autobahn steht, zu diesem Zeitpunkt nicht vermelden. Wer sind die Festgenommenen? Was hatten sie vor? Antworten gibt es dazu noch keine.

Um 10.45 wird der BMW schließlich abgeschleppt. Er kommt zur weiteren Untersuchung in die Verwahrung bei den Ermittlern. Eine gute Stunde später gibt die Polizei die A3 auch in Richtung Passau wieder frei. Und das LKA hat erste Erkenntnisse zu vermelden. Im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern nimmt Groß kursierenden Gerüchten um einen extremistischen Hintergrund gleich den Wind aus den Segeln. Er dementiert deutlich.
Auch dass der Zugriff der Polizisten von langer Hand geplant gewesen sei, dementiert er. „Es war ein Zufallsfund. Wir ermitteln in alle Richtungen – und nehmen die Geldautomatensprengerszene in den Fokus“, erklärt er. Daher übernehmen Ermittler des Dezernats 62 – zuständig für Organisierte Kriminalität – und nicht der Staatsschutz. Zu den Insassen des Autos will sich Groß noch nicht äußern und verweist auf die ausstehende Vorführung beim Haftrichter am Nachmittag.
Kurz vor 14 Uhr steigt vor dem Justizgebäude in Regensburg der verhaftete Beifahrer aus. In Handschellen an einem Bauchgurt geleiten ihn zwei Beamte schnellen Schrittes zur Ermittlungsrichterin. Vor deren Büro muss ihm der Haftbefehl übersetzt werden. Sprachfetzen auf Niederländisch sind zu hören. Der 24-Jährige mit afrikanischen Wurzeln schweigt. Auch sein Anwalt, der Regensburger Strafverteidiger Jörg Meyer, tut das auf Anfrage: „Kein Kommentar.“ Laut Haftbefehl steht „der Verdacht des Verabredens zum Verbrechen des schweren Bandendiebstahls und Vorbereitens eines Explosion- oder Strahlungsverbrechens“ im Raum, wie später das Landeskriminalamt in München offiziell vermeldet.

Nur gut 16 Minuten später wird auch die Frau, die am Steuer des BMW von der A 3 saß, zur Haftbefehlseröffnung geführt. Sie spricht Deutsch und raucht unmittelbar vor dem Eingang ins Gerichtsgebäude noch eine Zigarette. Sie trägt Handschellen und Fußfesseln. Die Kapuze des schwarzen Hoodies unter ihrer Jacke hat sie sich über den Kopf gezogen. Fotos sind unerwünscht. Die 28-Jährige mit Wohnsitz in Nordrhein-Westfalen zieht es ebenfalls vor, bei der Ermittlungsrichterin zu allen Vorwürfen zu schweigen. Vertreten wird sie von Strafverteidiger Shervin Ameri aus Regensburg, der für eine Stellungnahme aber nicht zu erreichen war. Auch seine Mandantin kommt in U-Haft.
Doch was für einen Fang haben die Regensburger Verkehrspolizisten da wirklich gemacht? Das Landeskriminalamt geht früh in die Offensive und zieht die Verbindung zu Geldautomaten-Sprengern. Dafür gibt es sogar einige Indizien. Laut Informationen der Mediengruppe Bayern sind die beiden sichergestellten Sprengsätze baugleich mit solchen, die die Automaten-Bomber einsetzen. Seit Jahren schlagen sie immer wieder zu – vielfach auch im Freistaat. Zusammen mit niederländischen Behörden gelang es Fahndern zuletzt mehrfach, eine Vielzahl von Tätern dingfest zu machen. Ende Januar vor drei Jahren gab es eine Groß-Razzia, bei der es auch um Fälle in der Oberpfalz und Niederbayern ging. Die Täter sind bereits verurteilt.
Hat Verdächtiger (24) direkten Bezug zur Mocro-Mafia?
Der Modus Operandi ist immer derselbe: Männer sprengen im Schutz der Dunkelheit die Geldautomaten, sammeln die Beute ein und donnern mit PS-Boliden davon. Meist erst zu unauffälligen Verstecken, wie Scheunen an der Autobahn, und dann zurück in ihre Heimat. Denn das „Geschäft“ ist fest in Händen der niederländischen Mocro-Mafia. Eine Gruppierung von Tätern, die aus Nordafrika (überwiegend aus Marokko) stammen und in einigen Provinzen in den Niederlanden leben. Für ihre lebensgefährlichen Coups werden sie in speziellen Trainingslagern ausgebildet.
Auffälliges Detail im aktuellen Fall: Ein naher Angehöriger des am Freitag verhafteten Niederländers soll im Zusammenhang mit Geldautomatensprengungen bereits aufgefallen sein. Dass allerdings Frauen dabei sind, wäre neu. Womöglich war der 1er BMW gar nicht allein auf der A 3 in Richtung Passau unterwegs, sondern als Begleitfahrzeug. In dem Wagen wurden neben den Sprengsätzen auch zwei Brecheisen und Benzinkanister gefunden. Wohin sie unterwegs waren, werten Fahnder des Landeskriminalamts am neuwertigen Fahrzeug aus. Die Ermittlungen führt die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth.