Fälle in Regensburg angeklagt – Automaten-Bomber im Auftrag der Mafia unterwegs

Von André Baumgarten · 27. November 2023 um 16:06

Ermittlungen zu rund 100 gesprengten Geldautomaten bringen neue Details ans Licht – nun soll die mutmaßliche Bande vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft in Bamberg hat Anklage erhoben.

Sie sind mafiös organisiert und erbeuten Millionen: Fast jede Woche hat eine Bande seit 2021 bundesweit Geldautomaten gesprengt. Erst eine Groß-Razzia in den Niederlanden beendet die Serie Ende Januar abrupt. Nun sind die Ermittlungen abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft in Bamberg hat Anklage gegen zwölf Männer erhoben, die zur Mocro-Mafia gehören sollen. Ihnen werden rund 100 Taten zugeschrieben. Für 27 Fälle sollen sie vor Gericht – auch für Coups in Regensburg und im Norden der Oberpfalz. Es geht um über drei Millionen Euro Beute und fast doppelt so hohen Schaden.

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Bis zu 300 000 Euro erbeuteten die Geldautomaten-Bomber in einer Nacht. Sie schlugen bevorzugt am frühen Morgen und nahe einer Autobahn zu. Wie am 8. Juli 2022, als im Regensburger Westen eine Sparkasse in die Luft flog. Fast genau vier Monate später sprengten sie eine Sparda-Bank; diesmal im Stadtteil Prüfening. Ein Nachbar sprach damals vom „Granateneinschlag, wie auf dem Übungsplatz aus Bundeswehrzeiten“ – Fall Nummer 30 war das! Bis Jahresende schlug die Bande noch sieben weitere Male zu. So oft, wie nie zuvor in einem Jahr in ganz Bayern.

Als Ermittler am 30. Januar in Limburg und Utrecht in den Niederlanden zugegriffen hatten, war drei Monate lang Ruhe. Bayern hatte alle Ermittlungen bei der Bamberger Staatsanwaltschaft zentral geführt, zusammen mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg und Bayern. Aktuell steht die LKA-Statistik für den Freistaat wieder bei 19 Fällen – selbst nach vier neuen Festnahmen Ende September. Auch die Männer werden derselben Gruppe zugerechnet.

Organisiertes Verbrechen auch in der Region

Sie sollen alle der sogenannten Mocro-Mafia angehören – einer in den Niederlanden verbreiteten Organisation, die im Kampf um Macht und Milliarden selbst vor Morden und Entführungen nicht zurückschrecken. Gesprengte Geldautomaten sind nur ein Teil ihres „Geschäftsfeldes“. In Belgien und Holland hat die Mocro-Mafia weite Teile des Kokainhandels fest in ihrer Hand, wissen Ermittler.

Ihre Mitglieder akquirierten sie größtenteils unter den marokkanische-stämmigen Einwanderern der zweiten Generation, die in den Niederlanden leben. Die Automaten-Bomber von Regensburg, Wernberg-Köblitz (Lkr. Schwandorf) oder Luhe-Wildenau in der Oberpfalz oder Lenting, Denkendorf sowie in Niederbayern sowie sind also ganz klar dem organisierten Verbrechen zuzurechnen.

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Die Ermittler haben dank der engen Kooperation mit niederländischen Behörden über die Strukturen ausgegraben: „Das sind kleine Zellen ohne starren Aufbau.“ Untereinander helfe man sich personell aus, aber es kämen ständig neue Leute dazu. Und die könnten sich hocharbeiten: Also vom einfachen Logistiker, der zum Beispiel die Handys beschafften, hin zu denen, die die Bomben basteln. Andere agierten als Fluchtwagenfahrer oder platzierten die Sprengsätze an den Automaten und räumen die Banken aus.

Täter in speziellen Trainingscamps ausgebildet

Wie das geht, werde den Tätern in speziellen Trainingslagern und Camps beigebracht. Und das ist nach Überzeugung der Ermittler einer der Gründe, warum die Gruppe „besonders professionell“ war. Bei den fast 100 Taten, die ihnen ab Jahresanfang 2021 zugeordnet werden, scheiterten sie fast nie. „Die waren extremst erfolgreich.“ Zudem hätten sich die Täter in der Häufigkeit ihrer Coups deutlich gesteigert.

Wie die Bamberger Staatsanwaltschaft am Montag mitteilte, sollen die Banken im Vorfeld ausgespäht worden sein. Für die Flucht seien hochmotorisierte Fahrzeuge eingesetzt worden, die mit gestohlenen Kennzeichen unterwegs waren. Als „Stützpunkt“ hätten der Bande verschiedene Garagen in Roermond in den Niederlanden gedient. Von hier starteten die Geldautomaten-Bomber wohl ihre Touren.

Sogar das Bundeskriminalamt sieht „eine neue Qualität der Gewalt“. Angeklagt wurde im aktuellen Fall nur ein Viertel der Taten: Das sind Fälle von Ende 2021 bis zur Razzia vor gut zehn Monaten. Betroffen waren hierbei verschiedenste Banken quer durch das gesamte Bundesgebiet. Schwerpunkt aber war in Bayern und Baden-Württemberg. Zur Last gelegt wird den Männern im Alter von 23 bis 42 Jahren schwerer gewerbsmäßiger Bandendiebstahl, Herbeiführen eine Sprengstoffexplosion und Zerstörung von Bauwerken.

Sie erbeuteten bei ihren Coups laut Staatsanwaltschaft mehr als drei Millionen Euro und hinterließen über 5,5 Millionen Euro Sachschäden. Wie Oberstaatsanwältin Ursula Redler der Mediengruppe Bayern bestätigte, sind alle vier Oberpfälzer Fälle sowie weitere in Nieder- und Oberbayern Teil der Anklage. Drahtzieher sind unter den Beschuldigten keine, denn „die wahren Köpfe dahinter kennt niemand“, sagen Ermittler.

Mietet Landgericht für Prozess eine Halle an?

Dass im Prozess mehr zu Hintermännern herauskommt, gilt als ausgeschlossen. „In den Kreisen ist Schweigen Gold“, so Ermittler. Im Bamberg, wo sich die Geldautomaten-Bomber verantworten sollen, bereitet sich die Justiz auf ein so bislang noch nie dagewesenes Mammut-Verfahren vor: Von weit über 50 Prozesstagen ist hinter vorgehaltener Hand die Rede. Start könnte bereits im April sein. Noch läuft die Suche nach einem Platz für zwölf Beschuldigte und deren Anwälte – im Landgericht selbst gibt es einen solchen Raum jedoch nicht.