Regensburgerin im Altenheim: „Ich muss vom Taschengeld alles bestreiten“

Der Eigenanteil steigt drastisch, deshalb rutschen viele Senioren auch in Regensburg in die Sozialhilfe. Dann bleibt den Altenheimbewohnern nur ein Taschengeld von knapp 200 Euro. Das reicht aber nicht für Friseur, Kleidung, Kosmetik und Medikamente. Eine Regensburgerin erzählt.
Marga Hein (Name geändert) schiebt ihren Rollator Richtung Norma. Seit eineinhalb Jahren wohnt die 86-Jährige im Bürgerheim Kumpfmühl. Der Discounter liegt daneben und ist deswegen zu Fuß gut erreichbar für die Senioren. Hein will eine Taschenlampe umtauschen, die ihr nicht zusagt. Kurz nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch. „Ich muss von 180 Euro Taschengeld im Monat alles bestreiten: vom Friseur über Kleidung bis zum Obst.“
Marga Hein ist eine der vielen Altenheimbewohnerinnen, die in die Sozialhilfe gerutscht sind, weil sie den hohen Eigenanteil nicht stemmen können. „Wer hat schon 4000 Euro im Monat?“, fragt sie. Ihnen bleibt nur ein Barbetrag von mindestens 152 Euro und eine Bekleidungspauschale von rund 37 Euro. Die 86-Jährige, die viel jünger aussieht, bräuchte eine warme Winterjacke und Schuhe. „Das kann ich mir aber nicht leisten. Ich muss die alten Sachen auftragen.“
Im Schnitt sollen die Senioren fast 3200 Euro stemmen
So geht es tausenden Heimbewohnern in Bayern. Der Eigenanteil ist zum Jahresbeginn erneut drastisch gestiegen. Im ersten Jahr in Seniorenzentren sollen die Bewohner nun durchschnittlich 3196 Euro im Monat aus eigener Tasche bezahlen. Das stellt eine aktuelle Studie des Verbands der Ersatzkassen fest. Die Zuzahlungen haben seit Juli um 102 Euro pro Monat zugelegt und seit Januar 2025 um rund 249 Euro. Die wichtigsten Gründe für die Teuerung sind die Inflation und die Lohnerhöhungen für Pflegekräfte, die dringend nötig sind. Immer mehr Menschen machen sich Sorgen, wie sie ihr Alter finanzieren sollen.
Ortstermin im Bürgerheim Kumpfmühl, das 143 Pflegeplätze bietet und eine lange Warteliste führt. Bewohner sitzen im Café mit Blick auf die Kumpfmühler Straße zusammen. Franziska Lutz vom Bewohnerbeirat lebt seit acht Jahren im Sauren Gockel, wie die Einrichtung wegen einer historischen Hühnerspeise für Arme im Volksmund heißt. Die 84-Jährige stützt sich auf dem Weg zum Besprechungsraum auf den Rollator, aber ihr Händedruck ist fest und sie berichtet von der Finanzlage der Senioren, ohne lange nachdenken zu müssen. „Keiner, der mit dem Taschengeld auskommen muss, jubelt“, sagt sie. Oft bringen Familien Dinge mit, die sich die Bewohner wünschen. „Wenn du immer rechnen musst, ob du was kaufen kannst oder nicht, ist das kein schönes Gefühl“, sagt Lutz. Als Beirätin hört sie die Sorgen der alten Menschen. „Bei Kleidung müssen sie schauen, dass sie was Günstiges erwischen. Zum Essen im Gasthaus muss sie meistens jemand einladen.“ Oft begleite der Sozialdienst Bewohner zum Textildiscounter NKD gegenüber und helfe beim preiswerten Einkauf.
Zum Glück beziehe ich eine Witwenrente. Mit meiner eigenen Rente könnte ich nicht mal 14 Tage hier bleibenFranziska Lutz, Beirätin und Bewohnerin des Bürgerheims Kumpfmühl
Franziska Lutz ist Selbstzahlerin, nicht auf Sozialhilfe und Taschengeld angewiesen. Die frühere Qualitätsprüferin bei Siemens hat immer gearbeitet und viel gespart, außerdem bezieht sie zusätzlich eine Witwenrente. „Mit meiner eigenen Rente könnte ich nicht mal 14 Tage hierbleiben“, sagt sie. Mehrere Hundert Euro monatlich benötige sie für sich selbst: für Lieblingsobst, etwas zum Knabbern, Kosmetik, Essengehen sowie „ab und zu was Neues zum Anziehen“. Lutz, die gerne im Bürgerheim wohnt, fordert die Politik zum Handeln auf, damit die Kosten nicht so extrem steigen.
Ulrike Elsner, Vorstandschefin des Ersatzkassenverbands, plädiert für eine nachhaltige Pflege-Finanzierung, die Bewohner entlastet. Die AOK-Vorstandschefin Carola Reimann fordert Bundesgesundheitsministerin Nina Warken auf, das Problem der steigenden Eigenanteile mit der geplanten Pflegereform in den Griff zu bekommen. Das habe sie zugesagt. Die Bundesländer sollten die Investitionskosten für Bau und Erhalt der Heime übernehmen. Bisher würden sie oft auf die Bewohner abgewälzt. Schon die Streichung der Ausbildungskosten aus dem Eigenanteil würde Betroffene entlasten. Die Caritas Wohnen und Pflege betreibt 25 Seniorenheime in Stadt und Land. Ein Drittel der Bewohner sind Sozialhilfe-Empfänger, die Übrigen zahlen den Eigenanteil selbst.
Wohlfahrtsverbände wollen Geld aus Infrastruktur-Paket
Harry Landauer, Sprecher des Diözesan-Caritasverbands Regensburg, weist auf die hohen Kosten für Bau und Instandhaltung der Immobilien hin. „Wir teilen die Forderung, Bund und Länder an der Refinanzierung zu beteiligen, was eine Entlastung für die Bewohner bedeuten würde.“ Maßnahmen zu Substanz-, Brand- und Klimaschutz erforderten Investitionen in Millionenhöhe. Deshalb verlangen die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege Fördergelder aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität für die energetische Sanierung von Sozialimmobilien. Der Regensburger Caritasverband rechne hier in den nächsten 15 Jahren allein in der stationären Altenhilfe mit einer Belastung von mindestens 150 Millionen Euro, sagt Landauer. „Die Einrichtungen stehen vor der Herausforderung, genügend Personal zu gewinnen, was indirekt mit den Kosten zusammenhängt.“
Sarah Weber, Leiterin des Evangelischen Johannesstifts in Regensburg, hofft auf eine Entlastung der Senioren. „Die Frage, wie die Pflege nachhaltig finanziert wird, ist von der Politik zu beantworten.“ Indessen fragt sich Franziska Lutz aus dem Sauren Gockel, wie lange ihr Geld reicht. Schließlich schwinde es Monat für Monat.
Instandsetzung ist mit dabei
Kosten für Bewohner: eine Pflege und Betreuung – die Pflegeversicherung übernimmt nur einen Teil – kommen für Heimbewohner Zahlungen für Unterkunft und Verpflegung hinzu. Investitionen in die Heime und Ausbildungskosten tragen sie mit.
Aufenthaltsdauer: Je länger Senioren im Heim leben, desto höher fällt die Entlastung aus, die sie neben den regulären Leistungen der Pflegekassen erhalten. Der Eigenanteil für die reine Pflege wird im ersten Jahr um 15 Prozent reduziert, später stärker.
Gesamtkosten: Rechnet man die Zuschüsse der Pflegeversicherung heraus, liegen die monatlichen Gesamtkosten für einen Heimplatz in Deutschland laut AOK erstmals bei üb