Neue Ausstellungskonzepte: Beim Regensburg-Museum reden die Stadtbewohner mit

Von Marion Koller · 15. Januar 2026 um 09:00

Heuer entscheidet sich Zukunft des Hauses am Dachauplatz in der Altstadt – Neue Ausstellungskonzepte werden erprobt. Regensburger wünschen sich multimediale Inszenierungen, Mitmach-Stationen und persönliche Stadtgeschichten. Das alles soll mehr junge Leute anziehen.

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Am Dienstagmittag tummeln sich vier Besucher in der Römerschau des Historischen Museums. Ein 23-Jähriger aus Berchtesgaden nimmt sich viel Zeit für das Legionslager Castra Regina. „Ich bin sehr römerinteressiert“, sagt der angehende Landschaftsgärtner. „Es ist hier alles perfekt gemacht und erklärt.“ Ein Frauenschädel in einer Vitrine, der schwere Hiebverletzungen aufweist, fesselt die anderen Gäste. Sie debattieren über den schrecklichen Tod der Römerin.

Das Historische Museum fasziniert die Menschen. Doch viel zu wenige finden den Weg in das Haus am Dachauplatz, das bedeutende Ausstellungsstücke zeigt, von der steinernen „Gründungsurkunde“ Castra Reginas bis zu Altdorfer-Gemälden. Das reicht aber nicht aus. Viele junge Leute wollen das Museum interaktiv erleben, multimedial eintauchen.

Den Entdeckergeist fördern

Ohne eine Überarbeitung verschwindet das städtische Flaggschiff im Schatten des benachbarten Bayernmuseums, das im Vorjahr rund 313 900 Besucher anzog. Dr. Bernhard Lübbers von der Staatlichen Bibliothek sagt, was viele Regensburger denken: „Ich finde, dass sich unser Historisches Museum derzeit leider unter Wert verkauft.“ Das habe weniger mit den dort tätigen Menschen, sondern eher mit dem Investitionsstau zu tun. Und Jakob Reitinger, Geschäftsführer der Regensburg Tourismus GmbH (RTG), findet, ein Regensburg-Museum solle die einmalige Historie der Stadt mit einem frischen, zeitgemäßen Erlebnis verbinden, sie emotional erlebbar machen. „Besonders junge Besucher lassen sich durch multimediale Inszenierungen, Virtual-Reality-Formate, Mitmach-Installationen und persönliche Stadtgeschichten begeistern – also durch Erlebnisse, die Entdeckergeist und Selbsterfahrung fördern.“ Dass solche Konzepte funktionieren, zeigt das Haus der Bayerischen Geschichte.

Einiges hat sich aber getan: Seit April lenkt der Kunsthistoriker Sebastian Karnatz (44) die städtischen Museen. 2023 sind 90 000 Objekte digitalisiert und in das Burgweintinger Zentraldepot gebracht worden. Damit sind Flächen für Ausstellungen frei geworden. Bernhard Lübbers wünscht sich eine moderne Präsentation in einem zeitgemäßen baulichen Ambiente. Die Regensburger Geschichte müsse bis zur Schwelle der Gegenwart präsentiert werden, nicht nur bis zum Ende des Mittelalters. Er vermisst ein attraktives Begleitprogramm und argumentiert für eine digitale Aufbereitung der Exponate sowie Onlinewerbung. „Das Historische Museum ist fast nicht mehr präsent, obwohl es am Dachauplatz liegt, einem der belebtesten Plätze“, bedauert Joachim Buck vom Arbeitskreis Kultur Regensburger Bürger.

Thomas Lilge, Leiter des Gamelab Berlin an der Humboldt-Universität - Foto: Johannes Berger

Stadtsprecherin Katrin Butz kündigt an, die Neukonzeption werde 2026 in eine entscheidende Phase münden. „Auf Basis der grundsätzlichen Klärungen, die das Team gemeinsam mit der Agentur Kulturexperten aufgestellt hat, soll vom Museum in Zusammenarbeit mit Stadtkollegen und externen Beratern ein Plan zur Sanierung und Nutzung des Klosterkomplexes erarbeitet werden.“ In erster Linie geht es um die Flächenbelegung. Das Team von Sebastian Karnatz ist überzeugt, dass das Minoritenkloster mitten im Welterbe auch ohne große, bestandsverändernde Umbauten – aber mit einer Sanierung der Infrastruktur – ideal für ein zeitgemäßes Museum für Regensburg ist. Künftig sollen neben drei Hauptabteilungen – Das römische Regensburg, die Stadt im Mittelalter und in der Neuzeit – einzelne Themenkabinette die Zeiten verbinden und die starre Chronologie aufbrechen. Die Ausstellung werde durch immer wieder neu bestückbare Abschnitte dynamisch bleiben. „Sonderausstellungsflächen garantieren, dass sich ein Besuch immer wieder lohnen wird.“

Heuer werden neue Ideen, Ausstellungs- und Vermittlungskonzepte erprobt. Kleine und größere Ausstellungen sind geplant, die laut Katrin Butz alle „einen Laborcharakter für die künftige Neukonzeption besitzen sollen“. Bis März wird der Einführungsraum im Kreuzgang in eine Sonderausstellungsfläche mit Lounge für Besucherbefragungen umgestaltet. Die Prozesse werden von Museumsmitarbeitern gesteuert, sind aber auf das Engagement der Regensburger und externe Impulsgeber angewiesen.

Öffentliche Debatte erwünscht

Dazu zählt der Wissenschaftliche Beirat, in dem etwa Thomas Lilge von der Berliner Humboldt-Universität mitredet. Er sensibilisiert dafür, was Besucher heute erwarten, zum Beispiel einen Multimedia-Guide. Oder eine App, die Museum und Stadt verbindet. So etwas hat der 49-Jährige mit Sciencely für die Wissenschaftsausstellung der Humboldt-Uni zum Thema Wasser entwickelt. „Die App ist extrem erfolgreich, weil wir die Inhalte der Ausstellung auch in der Stadt aufgreifen“, sagt Lilge, der sich so etwas auch für Regensburg vorstellen kann. „Wir bringen Denkmäler und Wissensorte zum Sprechen.“ Unter den Linden erhebt sich eine Statue Wilhelm von Humboldts. Die App lässt den Universalgelehrten aus seinem Leben erzählen. Lise Meitner, Radioaktivitätsforscherin mit Berliner Denkmal, kommt zu Wort. Ein Rettungsring an der Spree plaudert in der App über den Fluss als Grenzort.

Jakob Reitinger, Geschäftsführer der Regensburg Tourismus GmbH - Foto: altrofoto.de/Archiv

Der AK Kultur kooperiert eng mit der Stadt. „Wir möchten, dass eine öffentliche Diskussion über das Museum entsteht“, sagt Joachim Buck. Er ist überzeugt, dass so große Projekte mit den Bürgern verfolgt werden müssen. Beim gescheiterten Kultur- und Kongresszentrum und bei der Tram sei das nicht ausreichend geschehen.

Sonderschau über 50er-Jahre und Nazi-Erbe

Besucherzahlen: Etwas erholt haben sich die Besucherzahlen des Historischen Museums. 2024 haben sich 22 264 Menschen im Haus am Dachauplatz umgesehen und damit rund 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 2025 stieg die Zahl auf 28 168. Der erkennbare Aufschwung liege nicht zuletzt an Sonderveranstaltungen wie dem Römerfest, der Langen Nacht der Museen, dem Klang.Raum.Museum und den Sonderausstellungen, sagt Stadtsprecherin Katrin Butz. „Die positive Entwicklung soll 2026 verstetigt und gesteigert werden.“ Doch im Jahr 2010 hatten sich noch 35 968 Besucher für das Flaggschiff der städtischen Museen interessiert und im Rekordjahr 2015 sogar 38 558.

Ausstellungen: Im Oktober wird sich eine große Sonderausstellung mit Regensburg in den 1950er-Jahren und damit auch mit dem Erbe des Nationalsozialismus in der direkten Nachkriegszeit auseinandersetzen. Bisher erläutert das Historische Museum die Regensburger Kunst- und Kulturgeschichte von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert. Das soll sich auch langfristig ändern.