Werden jetzt mehr Wohnungen in Neumarkt gebaut? Der Bau-Turbo einfach erklärt

Seit Ende Oktober 2025 gilt der Bau-Turbo. Kann er halten, was er verspricht? Nämlich mehr Wohnraum. Helga Huber vom Bauamt am Landratsamt erklärt, was im Landkreis Neumarkt nun neu und schneller gebaut werden kann.
Was steckt hinter dem Begriff Bau-Turbo?
Was sich im Baugesetzbuch geändert hat, kann man auf drei Säulen eingrenzen. Erstens gibt es bis Ende 2030 befristet die Möglichkeit, weitreichend von den Vorschriften des Baugesetzbuches abzuweichen.
Unbefristet ist eine zweite Änderung. Durch sie können Gemeinden von Bebauungsplänen abweichen. Diese regeln beispielsweise, welche Art von Gebäuden in einem Bereich gebaut werden darf.

Ebenfalls unbefristet ist die dritte Neuerung. Sie betrifft die Bereiche innerhalb von Orten, für die keine Bebauungspläne bestehen. Bauvorhaben müssen sich dort nicht mehr wie bisher zwingend in die umgebende Bebauung einfügen.
Was sind die größten Vorteile des Bau-Turbos?
Der Bau-Turbo soll die Genehmigung von Wohnbauvorhaben schneller machen. Beispiel: Kleinere Wohnbauprojekte am Ortsrand scheiterten bislang oft daran, dass dafür zeitaufwendige Satzungen oder Bebauungspläne nötig waren. Ein weiterer Vorteil: Nun können Flächen genutzt werden, bei denen das bisher nicht möglich war. Zudem kann man bestehende und neue Bauten anders gestalten.
Kann jetzt überall alles gebaut werden?
Nein. Der Bau-Turbo ist auf Wohnbau beschränkt. Es geht um den Neubau, den Anbau und das Aufstocken von Wohnhäusern sowie die Umnutzung von beispielsweise Gewerbeflächen in Wohnraum. Der Bau-Turbo ermöglicht zudem, dass im Zusammenhang mit einem genehmigten Wohnbau auch weitere Bauten erlaubt werden, die den Bewohnern zugute kommen. Beispielsweise Läden für den täglichen Bedarf, Arztpraxen und andere gesundheitliche, soziale sowie kulturelle Einrichtungen.
Gibt es einen Rechtsanspruch auf den Bau-Turbo?
Nein. Es gibt keinen Automatismus, dass für einen Bauantrag die neuen Freiheiten angewandt werden müssen. Die Gemeinden entscheiden, ob und in welchem Maß sie die Möglichkeiten des Bau-Turbos zulassen. Um zuzustimmen oder abzulehnen haben die Gemeinden in der Regel drei Monate Zeit. Tun sie nichts, gilt das als Zustimmung.
Was ist mit dem Schutz von Anwohnern und Umwelt?
Der Bau-Turbo macht zwar mehr möglich, er ersetzt aber nicht grundlegende Grenzen des Baurechts. Das bedeutet, dass öffentliche Belange (beispielsweise Emissionen), Nachbarschaft (Abstandsflächen) und die Umwelt nicht erheblich beeinträchtigt werden dürfen. Die Gemeinden können zudem die Öffentlichkeit beteiligen, damit Anregungen und Einwände gehört werden.
Droht durch den Bau-Turbo ein baulicher Wildwuchs?
Mit den neuen Freiheiten geht auch Verantwortung einher. Gemeinden werden mehr entscheiden müssen und „Entscheidungen können polarisieren“, wie Helga Huber aus eigener Erfahrung weiß. Sie rät den Gemeinden dringend, sich Leitlinien zu geben, um auf einer einheitlichen und nachvollziehbaren Grundlage zu entscheiden. Neumarkt hat dies mit eigenen Leitlinien für den Bau-Turbo getan.
Die Gemeinden sollten entscheiden, was sie auf ihrem Gebiet haben wollen und was nicht. Soll es möglich sein, hinter ein Einfamilienhaus ein weiteres Haus zu bauen, obwohl das der Bebauungsplan nicht vorsieht? Wie viel mehr Geschosse passen zum Ortsbild? Ist Wohnen im Gewerbegebiet okay? Wie schützt man die Interessen der Eigentümer, die sich auf die Vorgaben von Bebauungsplänen verlassen?
Sich Gedanken zu machen, lohnt sich zusätzlich: Die Gemeinden können ihre Zustimmung für ein Vorhaben an Bedingungen knüpfen. Neumarkt fordert bei Vorhaben mit mehr als zwei Wohnungen ein Anteil geförderter Wohnungen.
Was wird im Landkreis Neumarkt durch den Bau-Turbo gebaut?
„Der ganze Bau-Turbo wird bei uns schon bespielt“, sagt Huber. Insbesondere geht es um Bauanträge für Häuser am Ortsrand. Viele dieser Anträge seien früher abgelehnt worden, jetzt seien sie möglich. In der Ortsrandbebauung sieht Huber eine der Chancen, die der Bau-Turbo für den Landkreis mit seinen kleinen Orten bietet.
Auch die Verdichtung auf bestehenden Hausgrundstücken sei ein Thema, das der Bau-Turbo ermögliche. Er habe es im Landkreis zudem bereits möglich gemacht, Seniorenwohnanlagen im Innenbereich zu genehmigen, wo dies zuvor nur mit einem aufwendigen Bebauungsplan möglich gewesen wäre.
Eine weitere neue Möglichkeit, die Huber im Landkreis beobachtet, sind Gewerbegebiete, deren gewerbliche Nutzung schwach ausgeprägt ist und in denen Wohnen ein größeres Thema spielen könnte.
Bricht jetzt ein Bauboom im Landkreis Neumarkt aus?
Bis Ende vergangener Woche hat das Landratsamt zwölf Fälle zur Entscheidung an die Gemeinden weitergeleitet, in denen der Bau-Turbo angewendet werden kann. Weitere Anträge sind hinzugekommen. Ob sich die Entwicklung durchhält, müsse man abwarten, sagt Huber. Das hänge davon ab, wie die Gemeinden die neuen Möglichkeiten nutzen.
Wird das Bauen jetzt günstiger?
Aus Sicht der Bundesregierung ermöglicht der Bau-Turbo schnelleres Bauen, macht mehr Bauland zugänglich und macht dadurch das Bauen generell günstiger. Es gibt allerdings kritische Stimmen, die beim Bau-Turbo zu wenig den Fokus auf bezahlbaren Wohnraum gelegt sehen. Ein weiterer Kritikpunkt: Der Bau-Turbo ändere wenig an den hohen Baukosten, die nach Ansicht der Bauindustrie der eigentliche Hebel für günstiges Bauen sind. Naturschützer bezeichnen den Bau-Turbo zudem als einen Irrweg auf Kosten von Natur und Klima. Er werde zu noch mehr Flächenverbrauch führen.
Für die Bundesregierung ist der Bau-Turbo nur ein Element ihrer Wohnraumstrategie. So soll die Mietpreisbremse bis Ende 2029 verlängert werden. Der Koalitionsvertrag sieht zudem vor, den Bau günstiger Wohnungen anzukurbeln, etwa durch Garantien für die Wohnungswirtschaft, um die Finanzierungskosten senken.