Streitbare Politikerin im Landkreis Neumarkt: Sigrid Schindler hört auf

Dass der ein oder andere sagen wird „Gott sei dank, dass sie endlich aufhört“, dessen ist Sigrid Schindler sich völlig bewusst. Zu viel hat die 75-Jährige schon gehört, als dass sie das überraschen könnte – sie war 1978 die erste Frau im Mühlhausener Gemeinderat, streitbare SPD-Politikerin, Gründerin der „Frauen für Frieden“ und wurde 1982 vom Spiegel zu einer Reportage übers tiefschwarze Bayern befragt. Jetzt hängt sie die Kommunalpolitik an den Nagel.
„Irgendwann muss Schluss sein“, sagt die 75-Jährige. Schindler wuchs in Prönsdorf bei Velburg und Holzheim auf, machte 1970 Abi am WGG, studierte Mathe und Erziehungswissenschaften. 1976 kam sie als Lehrerin nach Mühlhausen und schloss sich einer Schafkopfrunde an. Dabei wurde natürlich politisiert und es dauerte nicht lange, bis Hans-Jürgen Madeisky, damals bei der Neumarkter SPD aktiv, vor ihrer Tür stand und eher rhetorisch fragte: „Darf ich die neue Ortsgruppen-Vorsitzende von Mühlhausen begrüßen?“
1978 als erste Frau im Gemeinderat Mühlhausen
Schindler sagte ja und wenig später stand 1978 die erste Kommunalwahl für die junge Gruppierung an. Gegen den amtierenden Bürgermeister Florian Weber wollte niemand antreten – außer Sigrid Schindler. Weil die damals starke FDP („unter Hans Herzog gab es 20 Prozent FDP-Wähler in Mühlhausen“) sie unterstützte, holte Schindler mit ihren 28 Jahren 28 Prozent der Stimmen, erinnert sie sich.
Schnell hatte Schindler in der Gemeinde den Ruf der roten Zora weg, wurde mehr oder weniger belächelt oder veräppelt. Bösartige Beleidigungen oder Beschimpfungen auf der Straße erlebte sie nicht. Nur einmal wurde sie mit den Worten „Wir wissen, wo du wohnst“ bedroht. Da war ihr zwar etwas mulmig zumute, sie ließ sich aber nicht beirren. Gefürchtet hat sie sich nie. Auch wenn sie an Orte ging, über die ihr gesagt wurden „da hetzen sie dir die Hunde nach“. Auch wenn sie mit ihrem Sohn immer alleinerziehend war. „Aber ich hatte immer einen großen Hund.“

Und auch allein fühlte sie sich nie. Unterstützung fand sie bei anderen Frauen in der SPD, aber auch bei männlichen Politikern. Zu diesen zählt Schindler den früheren Mühlhausener Bürgermeister Anton Galler, der von 1990 bis 2008 im Amt war. Sie kommt ein bisschen ins Schwärmen, wenn sie an diese Zeit denkt.
„Das war die beste Zeit, der hat uns mitgenommen, jeder durfte seine Ideen einbringen.“ Der erste Kinderspielplatz der Gemeinde, Ferienprogramm, Jugendtreff, all das entstand in dieser Zeit, irgendwann verlieh Galler Schindler die Bürgermedaille. Die trägt sie jetzt manchmal im Gemeinderat, um den amtierenden Bürgermeister Martin Hundsdorfer zu ärgern. Denn die zwei, die werden keine Freunde fürs Leben mehr.
Krach mit der SPD im Landkreis Neumarkt
Aber auch mit anderen Kommunalpolitikern krachte es. Mit Armin Nentwig oder Helmut Himmler. Den größten Knatsch gab es 1996, als Schindler als SPD-Landratskandidatin nominiert war, kurzfristig aber in Mühlhausen eine eigene Liste „Mehr Frauen für den Gemeinderat“ gründete, weil die örtliche SPD sie nicht auf der SPD-Liste aufstellte, obwohl sie dem Gemeinderat seit 1978 angehörte und seit 1984 auch Kreisrätin war. Schindler vermutet Einfluss von anderer Stelle. Wie erwartet wurde sie nicht Landrätin, dafür aber in den Gemeinderat gewählt. Gleichzeitig flog sie aus der SPD.
2002 ließ sich Schindler auf ihrer Liste auf den letzten Platz setzen und wurde nicht in den Gemeinderat gewählt, 2008 kandidierte sie nicht, „eigentlich war das Thema für mich abgeschlossen“. 2014 aber sei eine Gemeinderätin der Freien Wähler auf sie zugekommen und so trat sie bei diesen an. Schindler wurde wieder gewählt, ebenso auch 2020. Vor zwei Jahren trat sie bei den Freien Wählern aus, weil sie mit Aiwanger, freundlich gesagt, nichts anfangen kann.

In all den Jahrzehnten war Schindler nicht nur für kommunale Themen engagiert, sondern brachte sich auch bei gesellschaftspolitischen Debatten ein. Nach dem Nato-Doppelbeschluss 1979 initiierte sie 1980 die Gruppe „Frauen für Frieden“ mit, in der sie sich für Abrüstung einsetze. Ebenfalls in dieser Zeit hatte sie die Idee zu „Literatur von Laien“, Gedichtbänden „von Frauen nicht nur für Frauen“. Denn dass Frauen gehört werden, sich solidarisieren und gegenseitig stärken, das war und ist eines ihrer großen Themen.
Damit und mit ihrer Art kam sie nicht überall an. Im Gemeinderat musste sich Schindler einiges anhören. Zumeist wusste sie sich zu verteidigen. Schließlich jobbte sie in ihrer Studienzeit als Bedienung, da lernte sie, wie man auf dumme Sprüche reagiert und welche Antworten man gibt. Nur einmal, sagt Schindler, habe sie eine nicht-öffentliche Sitzung heulend verlassen. Von der SPD, der sie damals noch angehörte, habe sie Rückendeckung erhalten, „früher gab es in der SPD schon Solidarität“. Danach setzte sich Schindler für Selbstsicherheitskurse für Frauen ein.
Der Abschied von der Kommunalpolitik fällt der 75-Jährigen nicht schwer, denn engagieren wird sie sich auch weiterhin: als Kreisvorsitzende beim Bund Naturschutz.