Kelheimer Vitalij seit fast zwei Monaten vermisst: Für Familie „kaum auszuhalten“

Von Martin Rutrecht · 22. Januar 2026 um 17:00

Seit fast zwei Monaten fehlt vom 39-jährigen Vitalij Holstein jede Spur. Der Kelheimer mit geistiger Behinderung verschwand bei einem Spaziergang in der Kreisstadt. „Es ist alles unfassbar belastend“, sagt seine Schwester Marina Witte. Sie sucht weiterhin mit Freiwilligen nach ihm.

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„Wie kann ein Mensch einfach vom Erdboden verschwinden?“ Solche Fragen gehen der 35-jährigen Witte, die in Eilsbrunn (Landkreis Regensburg) lebt, durch den Kopf. Seit dem 29. November 2025 wird ihr Bruder vermisst. Er war mit einem Elternteil auf einem Spaziergang in Kelheim unterwegs und ist seither abgängig. Zuletzt gesehen wurde er an diesem Tag an der Kreuzung Hallstatt-/Kelheimwinzerstraße.

Suchaktionen von Polizei mit Hundestaffeln und Hubschrauber, von Feuerwehrkräften, Wasserschutzpolizei und vielen Freiwilligen verliefen ergebnislos. Witte und ihre Eltern geben dennoch nicht auf. „Wir suchen weiterhin mit Freiwilligen in Kelheim und Umgebung. Aber zuletzt mussten wir wegen Schnee und Eis eine Pause einlegen.“ Bis zu 25 Personen streifen durch die Straßen, der Donau entlang und durch Waldstücke. „Anfangs hatten wir bis zu 100 Helfer und sind an drei Uhrzeiten an einem Tag gegangen“, erzählt die 35-Jährige.

In diesem Text finden Sie auch ein Foto des Vermissten: Großaufgebot der Feuerwehr sucht in Kelheim nach vermisstem 39-Jährigen

Vor allem die Ungewissheit „zieht uns noch weiter runter“, sagt Witte. Viele mögliche Szenarien spielen sie und ihre Eltern gedanklich durch: „Ist er in ein Auto eingestiegen, wurde er angefahren?“ Und freilich müsse man mittlerweile von einem tragischen Unglücksfall ausgehen. „Die Belastung ist kaum auszuhalten.“

Schwierige Umstände bei seiner Gebut

Stütze gebe der familiäre Zusammenhalt. Auf Betreuungsangebote von BRK oder Polizei greife man derzeit nicht zurück. Immer wieder besucht die Eilsbrunnerin ihre Eltern in Kelheim. In Vitalijs Zimmer liegt Spielzeug wie seine geliebten Schleichtiere. „Er ist ja auf dem geistigen Stand eines Kindes.“ Seine Einschränkung werde laut Witte im Autismus-Spektrum angesiedelt. Wie sie unserer Zeitung erzählt, kam Vitalij in Kasachstan zur Welt. Bei seiner Geburt erlitt er einen extremen Sauerstoffmangel. Daher rühre seine geistige Behinderung. Er kann sich nur schwer verständigen und hält zu fremden Personen Abstand.

Vor 31 Jahren kam die Familie nach Kelheim. Vitalij lebte zuletzt in einer betreuten Wohngruppe in Reichenbach. „Jedes zweite Wochenende haben ihn unsere Eltern zu sich nach Hause geholt.“ An den übrigen Wochenenden besuchten sie ihn in Reichenbach. In Kelheim zählten Spaziergänge morgens und abends zum festen Tagesprogramm. „Es war immer dieselbe Strecke. Er hätte auch alleine wieder nach Hause finden können. Deswegen ist es auch so schwer zu verstehen, dass er verschwand“, so die Schwester.

Aufrufe von Bürgermeister und Muk Röhrl

Gingen anfangs noch viele Hinweise bei der Polizei ein, so haben sie deutlich abgenommen. „Der bislang letzte Hinweis kam vor über einer Woche“, sagt Niederbayerns Präsidiums-Sprecher Günther Tomaschko. „Wir prüfen alles, aber ohne einen konkreten Anhaltspunkt macht eine polizeiliche Suche keinen Sinn.“

Aufrufe stellten nicht nur die Familie und Kelheims Bürgermeister Christian Schweiger ins soziale Netzt. Auch Muk Röhrl, der Wirt der Gaststätte Röhrl in Eilsbrunn, beteiligte sich, „damit es alle mitkriegen“, wie er in einem Post sagt.

Marina Witte wird nicht müde, sich an Hinweise zu klammern. „So unwahrscheinlich es auch ist, vielleicht gibt es ein Lebenszeichen von ihm.“ Sie und ihre Eltern möchten in erster Linie Gewissheit.