Schee wars und schad is: Der Dialekt-Papst sagt im Turmtheater Pfiadi

Von Marianne Sperb · 20. Januar 2026 um 18:22

Ludwig Zehetner, wissenschaftlischer Vater und tragende Figur der Erfolgsproduktion, zieht sich nach bald 15 Jahren zurück. An seiner Stelle steht künftig eine andere RegensburgerTheater-Legende auf der Bühne.

Die „Mei Fähr Lady“ ist Regensburgs Theater-Queen. Seit bald 15 Jahren und bald 400 Vorstellungen läuft das Stück in Dauerschleife, füllt das Turmtheater, aber auch große Säle wie im Maybach-Museum mit 450 Plätzen und noch größere wie die Aula des Gymnasiums Freising mit 700.

Joseph Berlinger, Autor und Regisseur, überschlägt: An die 40 000 Menschen dürften die Chinesin Mei Ding, die an der Donau Fährfrau werden und deshalb dringend Bairisch lernen will, bei ihren Dialekt-Übungen erlebt haben. Fast immer begeistert, aber nicht ausnahmslos freilich: Berlinger erinnert sich an einen Herrn, der sich auf das Musical „My Fair Lady“ gefreut hatte, auf Professor Higgings, der Eliza Doolittle ihren Cockney austreiben will, und der nach der Aufführung erbost feststellte: „Und jetzt so a Schmarrn.“

Das Stück grünt so grün wie der Evergreen im Musical und die Beschwerde blieb ein Einzelfall in der Rezeptionsgeschichte einer Produktion, die sich in ihrer Unverwüstlich- und Langlebigkeit anschickt, in ähnlich titanische Sphären vorzudringen wie Agatha Christies „Mousetrap“ in London oder Konstantin Stanislawskis „Möwe“ in Moskau.

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Bei allen Rekorden, allem Zuspruch: Der Pressetermin am Montag im Turm widmet sich einer traurigen Sache. Ludwig Zehetner, wissenschaftlicher Vater des Stücks und vom ersten Abend an, also: gefühlt ewig, ein tragender Protagonist auf der Bühne, sagt Pfiadi. Er kommt an Krücken, die auch für den Grund seines Abschieds stehen: Der Dialektpapst, bald 87, hat seit Monaten Probleme am linken Knie, nun auch eine Lähmung am rechten Fuß. Kurz: Es geht nicht mehr. „Leider“, meint der Mundartforscher. „Mit tränenden Augen“ hört er auf. „Es ist schon schwer, dass ich nicht mehr mitspiele“, sagt er noch und ansonsten nicht viel.

Mundart schafft Nähe und lässt Wahrheit zu

Dafür findet Markus Bartl, der Intendant des Turmtheaters, viele schöne Worte: Die „Fähr Lady“ erzählt mit Leidenschaft, kluger Beobachtung und Respekt vor den Menschen von Herkunft und sozialer Zugehörigkeit, sagt er. „Ludwig Zehetner hinterfragt Sprache als Wissenschaftler und macht sie als Theatermensch auf der Bühne lebendig“, betont er. „Theorie und Praxis, denken und spielen, Forschung und Kunst werden eins.“ Und weiter: „Das Stück behandelt Dialekt nicht als Folklore oder gar als Gag. Der Professor zeigt vielmehr, dass Mundart kein Relikt ist, sondern ein kultureller Schatz, der voller Humor, Widerständigkeit und Würde steckt, eine Sprache, die Nähe schafft, Wahrheit zulässt und sichtbar, hörbar macht.“ Sprachvielfalt wird nicht geglättet, sondern zum Klingen gebracht, macht Bartl klar. „Vergelt’s Gott“, sagt der Intendant noch zum Professor an seiner Seite, und: „Du bist jederzeit willkommen.“ Der nächste Besuch von Ludwig Zehetner ist in der Tat schon fest geplant: Am 4. Februar, bei der zweiten Aufführung mit Neubesetzung, wird er im Saal sitzen, vielmehr: an einem Hocker an der Theke, weil das Haus, wie meistens bei „Mei Fähr Lady“, ausverkauft ist. An seiner Stelle wird dann eine andere Regensburger Theater-Legende auf der Bühne stehen: Michael Heuberger.

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Als Joseph Berlinger bei dem Schauspieler vom Theater Regensburg anklopfte, um ihn für die Rolle als Dialekt-Professor zu gewinnen, meinte der: „Es ist mir eine Ehre und eine Freude.“ Schließlich pflegt Heuberger seit 40 Jahren eine Art Fernbeziehung zu Ludwig Zehetner: Als der Münchner 1986 nach Regensburg zog, vom Stadttheater explizit auch für die Position als native speaker für Bairisch ausgesucht, holte er sich im Buchladen theoretisches Unterfutter: „Das kleine Dialektbuch“, eins der vielen Bücher des Professors. Persönlich begegnet sind sich die beiden dann erst jetzt, bei Joseph Berlinger, vor einem Teller Weihnachtsgebäck. Denn, wie Heuberger bekennt: Keine einzige der 389 Vorstellungen hat er gesehen. „Das Theater ist eine Maschine, die einen binde“, sagt er zur Erklärung. „Und wenn ich mal frei hatte, wurde das Stück nicht gespielt.“

Und wie, um die schwierigste Frage zu stellen, wie wird Michael Heuberger seine Rolle nun angehen? „Ich kann Professor Zehetner nicht ersetzen“, so viel macht Heuberger klar. Eine erste Probe zeigte ihm: „Die Rolle fällt mir leicht, aber ich mache noch Fehler.“ Eine Imitation des Dialekt-Papsts werden künftige Zuschauer jedenfalls nicht erleben, sagt der Schauspieler: „Es wir immer ein Zitieren des Professors bleiben.“

Viele Stiefelpaare und Perücken verschlissen

Das Stück hatte am 28. Oktober 2011 im Turmtheater Uraufführung und erlebte am 6. Januar 2026 seine 389. Vorstellung. Die Produktion ist dauerausverkauft (manche Gäste kamen auch zehn Mal), sie ging viel auf Tour und gab zum Beispiel 27 Gastspiele in der Pasinger Fabrik. Joseph Berlinger schrieb das Stück in nur drei Wochen, für die Reihe „Fröhliche Wissenschaften“, in der auch der Schlafforscher Jürgen Zulley und der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard auftraten. Die Fähr Lady hat einige Umbesetzungen erlebt, mehrere Stiefelpaare und Perücken verschlissen. Aktuell auf der Bühne: Eva Sixt als Mei Ding, Michael Heuberger als Professor, Georg Lorenz etwa als Manager und Rapper und Alba Falchi unter anderem als Anna Albertini. Alle Details: regensburgerturmtheater.de