„Da dada ma a stinga, da dada da a stinga“: Regensburger Kultstück feiert Bühnenjubiläum

Von Heike Haala · 10. Januar 2024 um 05:00

Joseph Berlinger ist der Schöpfer der Stücks Mei Fähr Lady, das längst nicht mehr nur im Turmtheater Erfolge feiert. Der Regensburger Regisseur und Autor erzählt, wie es dazu kam und wie er es geschafft hat, Dadaismus und Dialekt zusammenzubringen.

Herr Berlinger, in den vergangenen zwölf Jahren haben etwa 30 000 Menschen eine Aufführung von Mei Fähr Lady besucht. Etwa jeder sechste Regensburger könnte also deswegen im Turmtheater gewesen sein. Worum geht es in dem Stück, das inzwischen Kultstatus genießt?

Joseph Berlinger: Ich habe eine Geschichte erfunden, in der Sprachprofessor Ludwig Zehetner einen Sprachprofessor spielt. Dazu gibt es drei Figuren, die aus verschiedenen Motiven Dialekt lernen wollen. Die Hauptfigur Mei Ding (Eva Sixt), eine Chinesin, die im Asia-Shop ihres Bruders in Regensburg jobbt, aber frustriert davon ist. Sie hat die Seilfähre in Matting entdeckt und ist verliebt in den Gedanken, Fährfrau zu werden. Bei der Bewerbung kriegt sie zu hören, dass das nur geht, wenn sie perfekt Bairisch kann. Georg Lorenz spielt einen Manager aus Norddeutschland, der in Bayern einen Bauernhof gekauft hat und sich bei den Einheimischen anbiedern will, und einen französischen Rapper, der sich in einem Wirtshaus, in eine Kellnerin verliebt hat, an die er rankommen will. Diese beiden Figuren sind sehr unbegabt, während Mei Ding eine perfekte Imitatorin ist, die alles sofort aufnimmt.

Das Stück ist entstanden, weil Sie an einer Reihe mitgewirkt haben, in der ein fröhlicher Zugang zur Wissenschaft gelegt werden sollte. Wie kamen Sie ausgerechnet auf die Dialektforschung?

Berlinger: Ich wollte interessante Aspekte des Bairischen zeigen, zum Beispiel dieses Sprachspielerische, das mir immer besonders sympathisch war. Und das habe ich im Stück stark herausgearbeitet, diese dadaistische Komponente des Bairischen, was aber viele Dialekte haben.

Dadaistischer Dialekt: Wie haben Sie dieses Motiv in einem Theaterstück untergebracht?

Berlinger: Etwa im dritten Monat des Dialektkurses: Mei Ding ist fortgeschritten und bekommt eine knifflige Aufgabe vom Professor. Sie muss Verben konjugieren.

Das müssen Sie jetzt aber schon einmal vormachen.

Berlinger: Da dada ma a stinga, da dada da a stinga. Wenn man das in einem hohen Tempo spricht, ist das ein dadaistisches Gedicht, konkrete Poesie, experimentelle Sprache.

Es gibt aber nicht viele Menschen, die des Dialekts derart mächtig sind, dass sie, wie Mei Ding, aus dem Stand Verben konjugieren können: Muss jemand, der keinen Dialekt spricht, Sorge haben, dass er in dem Stück nicht mitkommt?

Berlinger: Der Professor ist eine pädagogische Autorität und redet, mit Ausnahme der Beispiele, die er bringt, Hochdeutsch. So haben Dialektunkundige trotzdem etwas von dem Stück. Die Feinheiten verstehen diese Zuschauer natürlich nicht mehr. Das ist für sie dann eben purer Dadaismus ohne die Bedeutungsebene. Aber das Lachen der anderen Zuschauer steckt ja auch an. Das sind übrigens – würde ich sagen – zu 90 Prozent einheimische Regensburger, und zwar Dialekt sprechende Regensburger.

Können Sie sich erklären, was die Besucher des Turmtheaters an diesem Stück fasziniert?

Berlinger: Diese Mischung aus Miniatur-Kurzvorträgen über Facetten des Dialektes kombiniert mit diesem Sprachverrückten. Ich denke, dass sich viele Menschen über ihren eigenen Dialekt amüsieren und nebenbei etwas lernen wollen, das sie noch nicht gewusst haben.

Viele Menschen kennen Sie vor allem wegen Ihrer Hörspiele. Zuletzt erschienen beispielsweise Musiker-Anekdoten unter dem Titel Karajan steigt ins Taxi. Wie kamen Sie denn zum Schreiben von Theaterstücken?

Berlinger: Ich habe ein Buch über Emerenz Meier geschrieben. Sie war Schriftstellerin aus dem Bayerischen Wald, ist 1906 nach Amerika ausgewandert und war eine totale Powerfrau. Im zweiten Teil dieses Buchs habe ich einen szenischen Versuch gewagt. Das wurde in Ingolstadt aufgeführt. Und dann haben die Regensburger ein großes Interesse gehabt, auch ein Stück von mir zu machen. Das wurde ein Stück von Doktor Eisenbarth. Eine kritische Komödie über das Engagement von Ärzten für und gegen Atombewaffnung, was mir, würde ich sagen, eher misslungen ist.

Aber dieser Rückschlag hat Sie und Ihren Erfolg ja offensichtlich nicht aufhalten können. Wie ging es weiter?

Berlinger: Das hat mich animiert, Regie zu führen. Und so habe ich seit 1986 fast jedes Jahr eine Theaterproduktion gemacht. Meistens im Freien, da ich ja nie fest in einem Ensemble oder an einem Haus war. Da habe ich als Anführer einer freien Gruppe gerne abgelegene Plätze gesucht, an denen noch nie Theater war.

Wie ist denn das, wenn so ein Stück so lange läuft wie Mei Fähr Lady: Muss man das nicht manchmal aktualisieren?

Berlinger: Der Striede, also der Manager, trifft in einer Szene auf Mei Ding. Er kriegt er mit, dass sie Jobs sucht und will sie als Kindermädchen engagieren. Dazu preist er ihr an, wie sie sich bei ihm zu Hause fortbilden könnte: in einer Bibliothek oder mit DVDs. Seit zwei Jahren ist hier von Streamingdiensten die Rede.

Welche Reaktionen von Zuschauern auf Mei Fähr Lady sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Berlinger: Vor kurzem hat einer ins Gästebuch geschrieben: Bloß a Leberkaassemmel is besser. Es gab aber auch einen Zuschauer in der Pasinger Fabrik der gedacht hat, in eine Musical-Aufführung von My Fair Lady zu gehen. Der hat sich furchtbar aufgeregt. Die Theaterleitung hat ihm einen Rotwein geschenkt. Das haben wir in Regensburg auch schon einmal gemacht.

Das Interview führte Heike Haala

Joseph Berlinger: Aus seiner Feder stammt das Stück Mei Fähr Lady. Foto: Juliane Zitzlsperger