„Oiss guade“, Ludwig Zehetner! Der Dialekt-Papst über seinen Geburtstag, Lieblingswörter und Anglizismen

Von Christine Straßer · 16. März 2024 um 05:00

Ludwig Zehetner beantwortet seit vielen Jahren Fragen der MZ-Leser zu Dialektbegriffen. Im Interview spricht er über seinen Geburtstag, das liebste Dialekt-Wort der Bayern, seine eigenen Favoriten, seine Forschung, über Anglizismen und über die Zukunft des Dialekt.

Wie gratuliert man auf Bairisch zum Geburtstag?

Ludwig Zehetner: Sicher mal nicht mit „Happy Birthday“ und auch nicht mit dem sonstigen Gesang, sondern eigentlich sagt man bloß: Ich wünsche dir oiss Guade zum 40., 50., 100., ohne das Wort Geburtstag zu erwähnen.

Dann wünschen wir Ihnen „oiss Guade“, denn wir dürfen verraten, dass Sie am 16. März Ihren 85. Geburtstag feiern.

Zehetner: Ja, ich will nicht sagen feiern, ich begehe ihn.

Bei unseren Lesern sind Sie als Dialekt-Papst bekannt und überaus beliebt.

Zehetner: Ja, die nächste Folge, die am 22. März erscheint, ist die 328.

Seit wie vielen Jahren beschäftigen Sie sich mit Dialekten?

Zehetner: Ich kann fast sagen: zeitlebens, Bereits als 15-Jähriger habe ich zusammen mit meinem Vater eine Sammlung von Dialektwörtern angelegt. Mein Vater war Schriftsetzer und an Sprache sehr interessiert. Ich habe damals sogar eine Lautschrift erfunden, weil mir klar war, dass die normale Orthografie für die Mundart nicht geeignet war. Alles, was in der Hoch- und Schriftsprache nicht vorkommt, das habe ich immer schon als besonderen Schatz empfunden.

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Wie kam es zu dieser Leidenschaft und warum hat sie nie aufgehört? Das zieht sich ja durch ihr ganzes Leben.

Zehetner: Ja, stimmt. Ich habe dann Germanistik studiert mit Schwerpunkt Sprachwissenschaft. Meine Zulassungsarbeit für das Staatsexamen verfasste ich über den Dialekt der Hallertau. Später baute ich die Arbeit zur Dissertation aus. Nachdem ich promoviert war, bin ich sofort in den Lehrbetrieb der Uni Regensburg eingeschleust worden, zuerst als Lehrbeauftragter für Dialektologie des Bairischen, ab 1999 dann als Honorarprofessor. Etwa zehn Leute haben bei mir promoviert. Eine Dissertation liegt hier noch vor mir, über die muss ich jetzt ein Gutachten schreiben. Die Arbeit analysiert die Sprachgestalt von Schnaderhüpfeln. Das wird selten behandelt.

Da geht es also um vierzeilige volkstümliche Lieder, um sogenannte Gstanzln.

Zehetner: Das war eine Anregung von mir, die er gern aufgegriffen hat. Man kann sagen, meine Leidenschaft habe ich Gott sei Dank weitergeben können an die jüngere Generation. Manche Leute, die bei mir promoviert haben, sind ja weiterhin beim Sammeln und Sichten von Dialektausdrücken. Dem Alter nach könnten das ja meine Kinder, fast schon Enkelkinder sein.

Was ist denn eigentlich Ihr liebster Dialekt- Ausdruck?

Zehetner: Ich habe schon befürchtet, dass diese Frage kommt. In erster Linie fallen mir abfällige Bezeichnungen ein. Ein positives Wort wäre „gschmooch“, das heißt liebenswert, anschmiegsam, charmant. Oder negativ, da gefallen mir Ausdrücke ein wie „hundsheitern“. A ganz a hundsheidane Sach, was ich da kauft hab, a rechts Glump. In dem Wort steckt eigentlich die Haut eines Hundes. Das erklärt sich so: Die Jäger haben früher ihren Rucksack aus Hundehaut gemacht oder wenigstens ein Hundefell hineingelegt, damit sich die Mäuse nicht drüber hermachten, wenn der Rucksack am Boden abgelegt wurde. So entstand das Eigenschaftswort „hundshäutern“.

Wer Sie etwas zur bairischen Sprache fragen will, kann an die Redaktion schreiben. Über welches Wort mussten Sie besonders lang brüten?

Zehetner: Bei manchen muss ich sogar kapitulieren.

Sogar Sie?

Zehetner: Es werden immer wieder Fragen gestellt, die ich nicht beantworten kann. Die lasse ich dann einfach weg.

Eine Arbeitskollegin amüsiert sich gerne mit mir, weil ich das Wörtchen „fei“ ganz unbewusst verwende. Was hat es damit auf sich?

Zehetner: Es ist das Adverb des Adjektivs „fein“, hat sich aber der Bedeutung nach absolut verselbständigt; es lässt sich nicht in die Hochsprache übertragen. Wenn ich sage: „Dasst fei kimmst“, dann heißt das so ungefähr: Ich erwarte es. Oder wenn ich sage: „Der is fei gscheit blöd“, dann unterstelle ich, dass der Gesprächspartner ebenfalls dieser Ansicht ist, ich schließe ihn quasi mit ein: Bist du nicht auch dieser Ansicht? „Fei“ lässt sich nicht mit anderen Worten zum Ausdruck bringen. Man kann es einfügen oder weglassen. Es gab 2004 vom Bayerischen Rundfunk und vom Landesverein für Heimatpflege eine Aktion: Mein liebstes bayerisches Wort, also auch in Franken und Schwaben, nicht nur in Altbayern. Da ist „fei“ haushoch auf den ersten Platz gekommen.

Sie haben neben Deutsch auch Englisch am Musikgymnasium der Domspatzen unterrichtet. Kommt Ihnen auch mal ein Anglizismus über die Lippen?

Zehetner: Die versuche ich weitgehend zu vermeiden. Natürlich, ich sage auch „okay“. Es gibt ja Anglizismen, also Entlehnungen aus dem Englischen, auf die man nicht mehr verzichten kann. Ein Wort, das inzwischen einfach zum deutschen Wortschatz gehört wie Okay ist zum Beispiel „Hobby“. Man kann ja heute kaum mehr sagen, das ist mein Steckenpferd. Das ist veraltet, es heißt einfach Hobby. Und das Wort ist insoweit eingebaiert worden, als es nicht mehr englisch ausgesprochen wird, nämlich mit Entstimmhaftung von „b“, denn im Bairischen sagt man „Hoppe“.

Woran arbeiten Sie gerade in Ihrer Dialektforschung?

Zehetner: Ich arbeite stets daran, dass ich Erklärungen zu den Wörtern ausfindig mache, die mir zugetragen werden. Mein erster Anlaufpunkt ist immer das unübertreffliche Bayerische Wörterbuch des Johann Andreas Schmeller, dessen zwei Bände in erster Auflage 1827 und 1837 erschienen. Der geniale Schmeller hat den mundartlichen Wortschatz Bayerns unglaublich reichhaltig dokumentiert. Es ist eine Fundgrube vom Feinsten, nur etwas schwierig zu benutzen, weil die Wörter nicht nach dem Alphabet angeordnet sind, sondern nach den Konsonanten der Stammsilben

Das liegt jetzt etwa 200 Jahre zurück. So lange versucht man schon, dem Dialekt auf die Spur zu kommen?

Zehetner: Das ist keineswegs der Anfang. Die älteste Dialekt-Wortsammlung in Deutschland ist in Regensburg entstanden. Das war Johann Ludwig Prasch, dessen „Glossarium Bavaricum“ 1689 erschien. Das sind bloß etwa zehn Seiten. Auch das ist natürlich sehr interessant, was da alles schon drin ist. Er hat in Regensburg gelebt. Es kommt kein einziger sogenannter gestürzter Diphthong vor. Also, die Kuh ist Kuah und nicht Kouh. Die engste Gasse Regensburgs heißt ja „Kuahgassl“, nicht etwa „Kouhgassl“. Das Glossarium ist ein schöner Beweis dafür, dass das Regensburgische bereits im 17. Jahrhundert sprachlich nicht konform ging mit der Oberpfalz. In Regensburg sagt man: „In da Friah duad ma da Fuaß ned weh.“ In der Oberpfalz klingt der Satz ganz anders: „In da Frejh doud ma da Fouß niad wejh.“

Was kann Dialekt, was Hochdeutsch nicht kann?

Zehetner: Gefühlsmäßig greift der Dialekt einfach kräftiger zu, seien es positive oder negative Gefühle, sei es Ablehnung oder Beschimpfung. Etwas, das man ablehnt, belegt man eher mit einem Dialektwort. Natürlich nur, wenn einem der Dialekt zu Gebote steht. Ich bedauere ja alle Menschen, die keinen Dialekt beherrschen. Ich bin überzeugt, das sind arme Menschen, sie sind sprachlich behindert.

Aber lang war es doch eher so, dass der Dialekt in der Schule wegerzogen werden sollte.

Zehetner: Das habe ich als Lehrer miterlebt. Gott sei Dank kam dann die Kehrtwendung. Der frühere Kultusminister Siegfried Schneider hat den schönen Satz von sich gegeben: „Dialekt ist kein Manko, sondern eine Bereicherung.“ Wenn das 30 Jahre früher ein Kultusminister gesagt hätte, wäre uns mancher Irrweg erspart geblieben. Das Austreiben von Dialekt oder Dialektnahem bei den Schülern wäre vermieden worden. Jetzt, wo es eigentlich schon zu spät ist, versucht man das wieder richtig zu machen.

Werden Dialekte je aussterben?

Zehetner: Sprache verändert sich. Das ist normal. Heute tauchen Anglizismen in zunehmendem Maße auf. In 100 Jahren wird man das als Selbstverständlichkeit erachten. Ich habe neulich im Fernsehen zwei Wörter gehört, von denen ich nicht wusste, dass die im Deutschen verwendet werden. Das eine war fingerpointen. Da hat einer ganz normal gesagt: Da hilft alles Fingerpointen nichts. Das andere Wort war „depicted“ anstelle von „geschildert“. Jedenfalls erstaunlich, was das Englische dauernd Neues liefert, weil heute fast jeder Mensch Englisch kann.

Was stimmt Sie positiv, dass das Bairische sich weiterhin halten kann?

Zehetner: Wenn Sie denken, was es heute in der Musikszene alles auf Bairisch gibt. Die ganzen Gstanzln und Singspiele. Im Kabarett ist das Bairische auch wieder gut drauf. Viele Humoristen wie Gerhard Polt haben den Dialekt wieder nach vorne geschoben.

Die Sprachkomödie „Mei Fähr Lady“, in dem Sie sich selbst spielen, ist ja auch so ein Beispiel. Es ist ein Dauerbrenner.

Zehetner: Diese Woche fanden die 353. und die 354. Aufführung statt. Manche Leute schauen sich das zwei- und dreimal an, weil es sowohl unterhaltsam ist als auch lehrreich. Das freut natürlich alle Beteiligten, vor allen Dingen auch den Joseph Berlinger, der das Stück ja ausgehend von meinen MZ-Kolumnen geschrieben hat. Der Dialekt hat immer noch seine Befürworter und auch die Leute, die ihn sprechen. Ich mag den Zuschauern und Beteiligten nicht ade sagen, obwohl es mir immer anstrengender wird, weil ich ein kaputtes Knie habe, das ich nicht operieren lassen kann. Wenn ich da zwei, drei Monate ausfalle, wäre das Stück gestorben. Und das will ich einfach nicht. Also hinke ich halt weiter, oder wie ich es auf Bairisch sagen würde: I haatsch halt mit meim Schnacklhax.