Nach Messerangriff in Parsberg: Familie des Angeklagten lebt wegen Blutrache in Angst

Von einer brutalen Spirale der Gewalt sprach Vorsitzender Richter Markus Bader am zweiten Verhandlungstag im Mordprozess gegen einen 43-Jährigen, der beim kurdischen Neujahrsfest in Parsberg seinen Cousin erstochen haben soll. Was das bedeutet, schilderten am Freitag nicht nur Zeugen und Ersthelfer am Landgericht Nürnberg-Fürth, sondern auch die Familie des Angeklagten.
Wie schnell aus einem friedlichen Fest im März 2025 Panik und Chaos wurden, beschrieb ein junger Mann aus Passau, der unmittelbar nach der Tat eingegriffen hatte. Nachdem er hinter sich Schreie gehört hatte, kippte die sonst so fröhliche Stimmung an diesem Nachmittag schlagartig: „Ich dachte, es ist ein Terroranschlag. An einen Familienstreit habe ich nicht gedacht.“ Statt wegzulaufen, wie viele andere Gäste, stürmte er auf den Bewaffneten zu. „Ich dachte, da passiert noch etwas“, erklärte er vor Gericht. Weil auch viele Frauen und Kinder in der Nähe waren, wollte er das verhindern. Wie auch eine bis heute nicht identifizierte Frau versuchte er, den Mann abzudrängen.
Von besonderem Interesse für das Gericht war das, was der 43-Jährige kurz nach der Tat sagte, noch ehe die Polizei eintraf. Immer wieder habe er von Rache für den Tod seiner Schwester gesprochen und behauptet, dass er den Cousin zufällig auf dem Fest in Parsberg getroffen habe. Das aber nahm ihm der junge Passauer nicht ab, denn der Getötete habe tags zuvor öffentlich bei TikTok angekündigt, dass er auf dem Fest sein werde.
Junger Azubi nahm Angreifer das Messer ab
Der Angeklagte schweigt bisher zu diesen Umständen. Die Tötung selbst hatte sein Verteidiger Maximilian Bär am ersten Verhandlungstag für ihn eingeräumt, aber Zweifel an der Mordthese der Staatsanwaltschaft geäußert.
Ein junger Auszubildender aus Ansbach bewies am Nachmittag der Tat großen Mut, was ihm den Respekt von Vorsitzendem Richter Markus Bader einbrachte. Der Ansbacher ging frontal auf den 43-Jährigen mit dem blutigen Messer zu, während ihn andere Gäste von hinten festhielten. Die Waffe gab er dem Azubi dann freiwillig mit den Worten „Wir sind Feinde“. Damit habe er sich und das Opfer gemeint.
Mehr aus dem Verfahren: Stich ins Herz: Mann (43) soll Cousin bei kurdischem Neujahrsfest in Parsberg aus Rache getötet haben
Mehr habe er vom Angeklagten selbst nicht zu einem möglichen Motiv gehört, doch die Gerüchte über eine Racheaktion seien unter den Festgästen schnell aufgekommen. So etwas wie Blutrache gebe es in der Region, aus der der Angeklagte stammt, tatsächlich oft, sagte der Ansbacher aus.
Bereits am ersten Verhandlungstag war zur Sprache gekommen, wo das Motiv für die Tat liegen könnte. Vor 20 Jahren soll das jetzige Opfer seine erste Ehefrau in Syrien getötet haben – die Schwester des Angeklagten. Dafür soll er in Syrien auch zunächst im Gefängnis gelandet sein, sich aber nach kurzer Zeit freigekauft haben. Wegen dieser potenziell brisanten Konstellation schützt das Unterstützungskommando Mittelfranken das Verfahren mit besonderen Sicherheitskontrollen und sechs zusätzlichen Beamten im Saal.
Tochter des Angeklagten fürchtet um eigenes Leben
Weitere Details dazu nannte die Ehefrau des Angeklagten in einer zeitweise sehr schwierigen Vernehmung. Die getötete Schwester sei erst 15 Jahre alt und schwanger gewesen. Sie sei schlafend mit zahlreichen Messerstichen getötet worden. „So etwas kann nur ein Monster machen“, sagte die Ehefrau über die damalige Tat, beteuerte jedoch, ihr Mann habe keine Rache geschworen.
Zumindest die Familie des Getöteten scheint das anders zu sehen. Jedenfalls fühlt sich die Familie des Angeklagten seit der Tat in Parsberg bedroht. Die älteste Tochter des Angeklagten sagte, sie fürchte um ihr Leben und das ihrer Geschwister. Drohungen von Seiten der Familie des Opfers seien allgegenwärtig, schilderte auch die Ehefrau. Miriam Schmitt-Wüstenhagen sicherte der Familie zu, den Drohungen erneut nachzugehen zu lassen. Schon nach der Tat hatte die Polizei der Familie Schutzmaßnahmen angeboten, diese hatte die Frau aber abgelehnt, hatte ein Kripobeamter am ersten Verhandlungstag gesagt.
Ersthelfer half bei Reanimation und braucht nun selbst Hilfe
Immer noch traumatisiert ist einer der Ersthelfer, der dem Opfer zu Hilfe eilte. Vor seiner Vernehmung im Landgericht seien ihm die Tränen gekommen, so sehr stehe er noch immer unter dem Eindruck der Erlebnisse, sagte der Busfahrer aus Pfaffenhofen. Über Stunden habe er – im ersten Moment alleine, später mit Hilfe einer Rettungsassistentin, die zufällig vor Ort war, danach an der Seite von Polizei und Notarzt-Team – geholfen, Erste Hilfe geleistet und den Mann reanimiert. Am Ende blieb aller Einsatz erfolglos. Den Zeugen bewegt das bis heute sehr. Demnächst werde er eine Therapie antreten, um mit dem Erlebten klar zu kommen. Bis dahin lenke er sich mit seiner Arbeit ab.
„Ich war voller Blut, als ich nach Hause gekommen bin, – bis auf die Socken“, beschreibt er. Klar habe auch er die Gerüchte über das Opfer gehört, aber egal, was das für ein Mensch gewesen sein soll, er sei in seinen Händen gestorben. Besonders habe ihn die Begegnung mit einem der Kinder des eben Verstorbenen getroffen.
Der Prozess wird fortgesetzt.