Annette Scholz, die erste Hüterin der Wälder im Landkreis Cham

„Gehen wir da durch“, sagt Annette Scholz. „Da durch“ ist nicht nur im übertragenen Sinne über Stock und Stein und mitten durch den Wald. Alles begehbar, nur nicht ganz so schnell, wie es Forstamtschefin im Landkreis Cham tut.
Denn während der Reporter noch darauf achtet, über keine Wurzel zu stolpern, ist Scholz schon zehn Meter weiter am Zaun einer kleinen Anpflanzung bei Almosmühle. Die Sommerstürme der letzten Jahre hatten hier für kleinere Windwürfe gesorgt, die jetzt aufgeforstet wurden. Mit hörbaren Stolz erzählt Scholz, dass es ihrer Kollegin, Jule Huml, bei Beratungen gelungen sei, die Waldbesitzer von einer klimagerechten Neuanpflanzung zu überzeugen. Offensichtlich so gut, dass sich immer mehr beteiligten.
Nach einer größeren Fläche mit bekannten Arten wie Tannen, Douglasien, Eichen und Vogelkirschen stehen wir gerade vor einer umzäunten Neupflanzung mit etwa mannshohen Bäumchen, die jetzt im Dezember immer noch einen Teil ihr großen, länglichen, hellbraunen Blätter tragen. „Was ist das?“, geht durch meinen Kopf.
Seltener Gast in Oberpfalz
Scholz hat sich gerade gebückt und hebt eines der länglichen Blätter auf. „Sie kennen das“, sagt sie herausfordernd. Natürlich kennt der Reporter den Baum nicht. „Das ist eine Edelkastanie“, erklärt Scholz. Den meisten von uns dürften nur die essbaren Früchte bekannt sein. Gerade im Winter gehören die Maronenröster auf jeden besseren Weihnachtmarkt. Nördlich der Alpen galten Esskastanien bislang als Exoten, so beschreibt es beispielsweise die aktuelle Wikipediaseite. Scholz sieht das anders. Es habe immer schon Bestände der Esskastanie am Untermain gegeben. Der Baum sei wegen der gestiegenen Jahrestemperaturen und weil er saure Standort mag, auch für die Oberpfalz interessant. Aber eben nur an bestimmten Standorten und nicht überall.
Seit Juli ist Scholz die neue Leiterin des Bereichs Forsten am AELF Cham. Sie selbstbezeichnet sich als „Wahloberpfälzerin“, aufgewachsen ist sie in Altötting. Hier hat sie auch ihre Entscheidung gefällt, den Wald zu ihrem Beruf zu machen. Das war nach den großen Stürmen Wiebke und Vivian in den 90ern. Sie half als Pflanzfrau bei der Wiederaufforstung um Altötting. „Eine sinnstiftende Tätigkeit“ beschreibt sie ihre Arbeit von damals. Weil man eine „neue Generation Wald“ gepflanzt hat, erklärt sie .
Die Försterin lebt mit ihrem Mann, der auch Förster ist, in der Nähe von Regensburg. Vor ihrer Tätigkeit in Waldmünchen war sie Stellvertreterin an der Bayerischen Waldbauernschule in Kelheim. Sie ist in Waldmünchen Nachfolgerin von Dr. Arthur Bauer und damit die erste Frau auf diesem Posten. Der Reporterfrage, ob das etwas besonderes sei, als Frau in einer Männerdomäne, weicht sie nicht aus. Vielleicht sehe man als Frau manche Dinge anders als ein Mann, sagt sie. Der „Teamgedanke“ spiele bei Frauen wahrscheinlich eine größere Rolle. „Auch wenn man am Schluss allein entscheiden muss.“
Ortswechsel: Wir sind im Stadtwald von Waldmünchen gleich hinter Perlhütte. Das Erste, was Scholz tut: Sie zeigt auf einen kleinen Nadelbaum gleich neben der Teerstraße, rupft ein paar der Nadeln ab und zerreibt sie. „Riechen Sie, riecht zitronig.“ Das sei eine kleine Douglasie, der Samen stamme vermutlich von „diesem Baum“. Scholz zeigt auf einen großen Nadelbaum etwa 50 Meter entfernt. Die Küstendouglasie, die sich hier selbst ausgesät habe, sei einer der Zukunftsbäume, weil sie mit höheren Durchschnittstemperaturen zurechtkommt.
Aber eigentlich will Scholz dem Reporter etwas ganz anderes zeigen. Nämlich eine ganze Anpflanzung von Buchen und Tannen unter der Krone einer großen Fichte. Als Schattenbäume könnte die Buchen und Tannen hier hervorragend gedeihen. Die übermanngroßen Bäumchen seien der Wald der Zukunft. Das der entstehe, darum habe sich Jürgen Köbler gekümmert, der das Forstrevier bei Waldmünchen betreut.
Weil sie erst ein halbes Jahr da sei, sei es ihr wichtig, die jeweiligen Förster zu nennen, schließlich sei dies deren Arbeit und nicht ihre, sagt Scholz. „Wir haben eine tolle Mannschaft.“
Das große Käferloch

Ein paar hundert Meter weiter zeigt Scholz, was passiert, wenn es keine solch großen Schutzbäume mit einer Unterpflanzung gibt. Hier ist im Fichtenbestand ein sogenanntes Käferloch entstanden. Was nichts anderes bedeutet, als dass mitten im Bestand mehrere Bäume im Umkreis vom Käfer befallen waren und entfernt wurden. Das Käferloch wurde neu mit Stieleichen bepflanzt und umzäunt. Aber mittlerweile drohen Brombeeren und junge Fichten, die den vermehrten Lichteinfall im Käferloch gut nutzen können, die anderen Pflanzen zu überwuchern. „Es braucht Pflege, hier fehlt der Schirm“, umschreibt Scholz das Phänomen.
Denn die Naturverjüngung der Fichten ist nicht das Ziel beim Waldumbau. Scholz zeigt auf eine bunte Tabelle. Die beschreibt, welche Überlebenschance jede Baumart an diesem Standort hat. Die Tabelle des neuen Bayerischen Standortinformationssystems gibt in Ampelfarben jede nach milden, mittleren oder hartem Klimawandel die Überlebenschancen für Bauarten an. Und die Fichte ist die Baumart, die es bei jeder der zu erwartenden Klimaveränderungen am schwersten hat.
Folglich zeigt ihre Ampelfarbe bei allen Klimaverläufen ein kräftiges Rot. Für Hainbuche und Stieleiche zeigt die Tabelle dagegen immer dunkelgrüne Felder. Im Stadtwald bei Perlhütte sollte der Waldumbau also gelingen.