Podcasterin Nathalie Stüben über ihre Alkoholsucht: „Ich trank, als gäbe es kein Morgen“

Nathalie Stüben war alkoholabhängig. Heute widmet sich die Journalistin, Podcasterin und Autorin der Aufklärung über Alkohol. Im Interview erzählt die 40-Jährige von ihrer Sucht, wie sie aus dieser herausfand und warum ihr Leben ohne Alkohol viel schöner ist.
Fau Stüben, in Ihrem Buch schreiben Sie über Ihre Alkoholabhängigkeit. Ab wann ist jemand ein Alkoholiker oder Alkoholikerin?
Nathalie Stüben: Fachleute diagnostizieren Alkoholabhängigkeit anhand sogenannter ICD-Kriterien. Das führt manchmal etwas in die Irre. Denn Menschen werden nicht von heute auf morgen abhängig, das entwickelt sich. Wie jede andere psychische Krankheit bewegen sich Alkoholprobleme auf einem Spektrum, können schwächer und stärker ausgeprägt sein.

Gibt es konkrete Anzeichen, an denen man erkennen kann, dass man ein Problem hat?
Nathalie Stüben: Es gibt ein paar Alarmsignale, die darauf hindeuten, dass es kritisch wird. Dazu zählt zum Beispiel der gezielte Einsatz von Drinks, um zu verändern, wie man sich fühlt. Also zum Beispiel trinken, um abzuschalten, um zu entspannen, um tanzen oder feiern zu können. Dazu zählen Google- oder KI-Suchen, in denen Menschen fragen, ob ihr Konsum noch „okay“ ist oder ab wann man ein Problem hat. Dazu zählen Trinkregeln und die Tatsache, dass sie sich auf Dauer nicht einhalten lassen. Dazu zählt die Sorge, ein Leben ohne Alkohol sei weniger aufregend, interessant oder erträglich.
Viele stellen sich Alkoholiker als Männer vor – nicht als junge Frauen wie Sie. Sehen Sie sich selbst als Ausnahme?
Nathalie Stüben: Noch sind Männer in der Überzahl, was Alkoholprobleme angeht. Aber Frauen holen auf, das zeigt die Entwicklung der vergangenen 30 Jahre. In der Altersgruppe der 18 bis 20-Jährigen haben Frauen die Männer beim riskanten Konsum schon überholt. Zudem hat sich eine Gruppe an Problemtrinkerinnen formiert, der ich damals auch angehörte: Frauen mit hohem Bildungsabschluss. Sie trinken im Schnitt mehr als jene mit niedrigem Bildungsabschluss. Der Alkoholkonsum steigt mit zunehmender Qualifikation und beruflicher Teilhabe. Von daher weiß ich, dass ich damals keine Ausnahme war.
Wie sah Ihr Alltag damals aus, welche Rolle spielte der Alkohol, und wie sind Sie in die Abhängigkeit geraten?
Nathalie Stüben: Ich habe im Job noch gut funktioniert, aber meine Blackouts häuften sich. Ich versuchte noch lange, meinen Alkoholkonsum durch Trinkregeln auf ein Level zu drosseln, das ich damals für normal hielt. Aber irgendwann trank ich dann doch wieder, als gäbe es kein Morgen. Das war mein Muster. Ich konnte gut Pausen machen, aber wenn ich einmal anfing zu trinken, dann konnte ich nicht mehr aufhören.
Ab wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie ein Problem mit Alkohol haben?
Nathalie Stüben: Ich habe mit allen Mitteln versucht, den Alkohol in mein Leben zu integrieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne ihn zu leben. Aber irgendwann erkannte ich: Egal, was du dir vornimmst, es klappt mal ein paar Tage, ein paar Wochen, aber auf Dauer gerät es immer wieder aus dem Ruder.
Dazu auch: Zahlen zum Alkoholkonsum in der Gesellschaft: Wer trinkt mehr, wer weniger?
Wie haben Sie aus der Sucht wieder herausgefunden, was oder wer hat Ihnen geholfen?
Nathalie Stüben: Ich habe damals angefangen, mir englischsprachige Podcasts zu dem Thema anzuhören. Damals gab es noch keine deutschsprachigen. Und da habe ich zum ersten Mal verstanden: Ich bin nicht allein und ich kann das schaffen.
Wie ist das Leben ohne Alkohol heute für Sie?
Nathalie Stüben: Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber mein Leben ist ohne Alkohol schöner. Ehrlicher, tiefgründiger, zufriedener, leichter. Nicht einfacher, aber so viel leichter. Ich war damals voller Sehnsucht. Ich wollte ankommen, einen Mann finden, Kinder kriegen, etwas auf die Beine stellen, etwas aus meinem Leben machen – erreicht habe ich all das ohne Alkohol. Meine Nüchternheit hat mir enorm viel Energie geschenkt und mir ermöglicht, mich wirklich kennenzulernen.
Alkohol ist in unserer Kultur auch Genussmittel. Spürt man da auch einen sozialen Druck, wenn man komplett damit aufhört?
Nathalie Stüben: Es wird leichter. Durch Gesundheitstrends und Challenges wie den Dry January wird es normaler, ohne Alkohol zu leben. Das ist eine schöne Entwicklung. Wer mit sozialem Druck zu kämpfen hat, dem rate ich, sich vorzubereiten. In meinem Onlineprogramm „Die ersten 30 Tage ohne Alkohol“ teile ich Strategien, wie man das machen kann. Was hilft, ist, sich zu überlegen, was man sagt, wenn andere einen dazu auffordern zu trinken.
Was könnten da beispielsweise gute Antworten sein?
Nathalie Stüben: Je nach Kontext lassen sich Antworten finden, die akzeptiert werden. Zum Beispiel: Ich muss fahren. Ich möchte morgen fit sein. Ich muss morgen früh raus. Ich nehme Medikamente, die sich nicht mit Alkohol vertragen. Oder eben wirklich auch: Ich mache dieses Jahr mal den Dry January mit. Möchte einfach mal sehen, wie es mir damit geht.
Studien zeigen, dass vor allem jüngere Generationen weniger Alkohol konsumieren. Haben Sie auch den Eindruck, dass sich ein neues Bewusstsein entwickelt?
Nathalie Stüben: Ja. Und gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn es ist nicht so, dass „die jüngere Generation“ weniger trinkt, sondern dass sich das Trinkverhalten ausdifferenziert. Eine große Gruppe zieht es Richtung Vernunft, Fitness, Leistung und Gesundheit. Dadurch leben heute mehr Jugendliche abstinent als früher, woraus das Narrativ entsteht, junge Menschen würden insgesamt weniger trinken. Doch die, die trinken, trinken umso exzessiver – und das sind nicht wenige. Auch der Anteil junger Frauen nimmt dabei zu. Es ist vorerst nicht zu erwarten, dass die Zahl alkoholabhängiger Frauen sinkt.

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