Alkoholforscher: Warum Alkohol eine gefährliche Droge ist – und was der Dry January bringt

Von Sarah Woipich · 10. Januar 2026 um 06:00

Über die Feiertage fließt Alkohol meist in rauen Mengen. Im „Dry January“ dagegen verzichten viele Menschen einen Monat lang auf Alkohol. Was die Pause bringt, und warum schon kleine Mengen gesundheitsschädlich sein können, erklärt der Alkoholforscher Professor Helmut Seitz.

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Die Deutschen sind gerne Weltmeister – im Fußball klappt das gegen Italien selten, beim Alkoholkonsum dagegen schon. Mit 10,5 Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr liegt Deutschland vor Italien mit rund acht Litern. Das entspricht etwa einem Viertelliter Rotwein pro Tag. Alkoholforscher Prof. Dr. Helmut Seitz erklärt die gesundheitlichen Folgen und räumt mit gängigen Mythen über die „Lieblingsdroge“ der Deutschen auf.

Wann jemand vom Alkohol abhängig ist

Alkohol zu trinken gilt gesellschaftlich als normal – selbst übermäßiger Konsum wird oft verharmlost. Die Folgen sind gravierend: Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig, weitere sieben bis neun Millionen trinken zu viel. „Man muss zwischen Missbrauch und Abhängigkeit unterscheiden“, sagt Helmut Seitz. „Missbrauch liegt vor, wenn Alkohol der Gesundheit schadet. Wer abhängig ist, braucht Alkohol um sich überhaupt gut zu fühlen.“

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Um herauszufinden, ob man ein Problem mit Alkohol hat, kann man den sogenannten CAGE-Test machen – dieser kann als Instrument für eine erste Einschätzung bezüglich des Alkoholkonsumverhaltens herangezogen werden und stellt vier Fragen: Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken? (Cut Down Drinking); Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, dass Sie von anderen wegen Ihres Alkoholkonsums kritisiert wurden? (Annoyance); Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt? (Guilty); Haben Sie jemals morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren? (Eye Opener). „Kann man zwei Fragen mit Ja beantworten, ist Alkoholmissbrauch oder Alkoholabhängigkeit wahrscheinlich“, betont Alkoholforscher Helmut Seitz.

Alkohol ist nicht nur Genussmittel, sondern greift direkt in das zentrale Nervensystem ein. Er beeinflusst Botenstoffe wie Dopamin, was zu Enthemmung und Kommunikationsfreude führen kann, erklärt der Internist. Bei einer Abhängigkeit ist das Gehirn auf Alkohol angewiesen, um normal zu funktionieren. Ob sich eine Sucht entwickelt, ist zu etwa 60 Prozent genetisch bedingt – welche Gene genau beteiligt sind, ist noch nicht abschließend geklärt.

Um Alkoholkonsum ranken sich zahlreiche Mythen

Um Alkohol ranken sich zahlreiche Mythen. Besonders verbreitet sind Aussagen wie: Ein Glas Rotwein ist gut fürs Herz oder Kräuterschnaps fördert die Verdauung. Diese Annahmen sind jedoch wissenschaftlich nicht haltbar. „Alkohol ist eine gefährliche Droge und nicht gesundheitsfördernd. Die angeblich positiven Effekte von Rotwein wurden vielfach widerlegt. Kräuterschnaps kann die Magenentleerung beschleunigen, schädigt jedoch die Schleimhäute“, warnt der Gastroenterologe.

Darum bringt der Dry January großen Mehrwert

Vorerkrankungen, Übergewicht, genetische Faktoren und weitere Einflüsse bestimmen, in welchem Ausmaß Alkohol dem Körper schadet. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) 2024 ihre Empfehlungen zum Alkoholkonsum angepasst und rät nun vollständig vom Alkoholkonsum ab. Dagegen weiß man, dass Alkohol an der Entstehung von 200 Krankheiten beteiligt sein kann – darunter Herz-Kreislauf-, Stoffwechselerkrankungen und Krebs.

Um dem entgegenzuwirken, gibt es seit einigen Jahren die Gesundheitskampagne „Dry January“, die dazu aufruft, ab Neujahr für den ganzen Januar auf Alkohol zu verzichten. Doch was bringt die kurze Abstinenz? „Sehr viel. Man merkt, ob man ein Problem damit hat, den Alkohol wegzulassen. Und man wird sich schnell besser fühlen, was einen dazu ermutigt, weiterhin auf Alkohol zu verzichten“, betont Seitz. So könne man besser schlafen, die Haut verbessert sich, das Immunsystem wird gestärkt, die Leber entfettet und auf der Waage purzeln die Pfunde.

Und gibt es auch so etwas wie einen gesunden Umgang mit Alkohol? „ Man kann sagen, dass bei einem gesunden Menschen ein bis zwei Gläser Wein oder Bier in der Woche keinen Schaden anrichten dürften. Ich selbst trinke auch gerne ab und zu ein Glas Bier oder Weißwein“, sagt der Professor. Alt werde man aber nicht wegen sondern trotz des Alkohols.

Und noch einen Punkt sollte man laut Helmut Seitz niemals vergessen: Nicht immer schadet der, der den Alkohol trinkt, bloß sich selbst: „Mal von Unfällen im Straßenverkehr und von häuslicher Gewalt abgesehen: Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft trinken, – und sei es nur ein Glas – brauchen im schlimmsten Fall ihr ganzes Leben lang Unterstützung.“

Prof. Dr. Helmut K. Seitz ist Internist, Gastroenterologe und Honorarprofessor an der Universität Heidelberg. Er ist wissenschaftlich seit 50 Jahren auf dem Gebiet der Alkoholforschung tätig und gilt in diesem Fach als einer der renommiertesten Experten weltweit. - Foto: Friederike Hentschel