Regensburger Wissenschaftlerin: „Wer Mädchen ignoriert, schwächt Zukunftsfähigkeit“

Von Lorenz Nix · 8. Januar 2026 um 05:00

Seit 20 Jahren hilft CyberMentor, Mädchen für den MINT-Bereich zu begeistern. Die Regensburger Professorin Heidrun Stöger hat das Programm mitgegründet. Im Interview erklärt sie, wieso es sich die Wirtschaft nicht leisten kann, auf das Potenzial junger Frauen zu verzichten.

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Frau Professorin Stöger, vor 20 Jahren haben Sie gemeinsam mit Professor Albert Ziegler von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg das Projekt CyberMentor ins Leben gerufen. Was hat Sie persönlich dazu motiviert?

Heidrun Stöger: Mein Einstieg in die Mentoring-Forschung entstand aus meinem Schwerpunkt zu Geschlechtsunterschieden in der Bildung – besonders im MINT-Bereich. Anfang der 2000er-Jahre sah ich deutlich, dass viele Mädchen trotz sehr guter schulischer Leistungen beim Übergang an die Universität oder in den Beruf vor MINT-Fächern zurückschreckten. Als Albert Ziegler und ich CyberMentor gründeten, verfolgten wir deshalb zwei Ziele: Wir wollten verstehen, welche Faktoren Mädchen wirklich für MINT begeistern – und gleichzeitig ein Programm aufbauen, das nicht nur die Forschung voranbringt, sondern Mädchen ganz konkret unterstützt.

Cyber-Mentor-Initiatorin: „Einfache Erklärungen greifen zu kurz“

Wie hat sich das Interesse von Mädchen an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik seitdem verändert?

Stöger: Der Anteil von Frauen in MINT ist in den vergangenen 20 Jahren zwar gestiegen, aber nur moderat: Studierten 2001 laut Statistischem Bundesamt rund 31 Prozent Frauen ein MINT-Fach, sind es heute etwa 36 Prozent. In der Arbeitswelt zeigt sich ein ähnliches Bild: Der Frauenanteil in sozialversicherungspflichtigen MINT-Berufen lag 2024 nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft bei lediglich 16,4 Prozent. Das alles macht deutlich: Wir müssen genauer verstehen, welche Maßnahmen tatsächlich nachhaltig wirken und welche weniger zur Chancengleichheit beitragen.

Heidrun Stöger ist Inhaberin des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Regensburg. Sie hat CyberMentor mitgegründet. - Foto: Lydia Graggo

Warum ist die Wirtschaft darauf angewiesen, dass sich mehr Mädchen und junge Frauen für MINT-Fächer und -Berufe interessieren?

Stöger: MINT-Kompetenzen sind zentral für die Bewältigung technologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen – und der Fachkräftemangel ist massiv: 2024 fehlten laut dem Institut der deutschen Wirtschaft rund 228 000 MINT-Fachkräfte. Angesichts dieser Lücke kann es sich die Wirtschaft nicht leisten, das Potenzial von Mädchen und jungen Frauen ungenutzt zu lassen. Sie bringen zusätzliche Perspektiven, Denkansätze und Erfahrungen ein – und so entwickeln diverse Teams nachweislich innovativere und tragfähigere Lösungen. Wer diese Ressource ignoriert, riskiert nicht nur Wettbewerbsnachteile einzelner Unternehmen, sondern schwächt auch die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit unserer gesamten Volkswirtschaft.

Wo sehen Sie heute die größten Hemmnisse, die Mädchen davon abhalten, technische und naturwissenschaftliche Berufswege einzuschlagen?

Stöger: Hemmnisse entstehen nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel individueller und gesellschaftlicher Einflüsse. Forschung zeigt, dass sich verschiedene Aspekte wie persönliche Überzeugungen, Erwartungen aus dem sozialen Umfeld und tief verankerte Vorstellungen darüber, „wer“ in MINT dazugehört, gegenseitig verstärken. Die Herausforderung besteht darin, dieses Geflecht aus individuellen und umweltbedingten Faktoren zu verstehen und aufzubrechen – denn einfache Erklärungen greifen zu kurz.

Über 11 700 Mentoring-Paare haben seit Projektbeginn teilgenommen. Wie viele Teilnehmerinnen haben sich tatsächlich für ein MINT-Studium oder einen entsprechenden Beruf entschieden?

Stöger: Seit 20 Jahren wird CyberMentor kontinuierlich wissenschaftlich begleitet. In einer Studie aus dem Jahr 2023 konnten wir nachweisen: Ehemalige Mentees entscheiden sich – Jahre später – zu 62 Prozent für ein MINT-Studium oder einen entsprechenden Beruf. Das sind doppelt so viele wie in der Alterskohorte und deutlich mehr als in einer weiblichen Vergleichsgruppe mit ähnlichem Ausgangsinteresse an MINT.

Mädchen sind bei CyberMentor Teil einer großen Community

Was macht CyberMentor aus Ihrer Sicht so wirksam?

Stöger: CyberMentor verbindet drei Dinge konsequent miteinander: langfristiges Eins-zu-eins-Mentoring, eine starke Community – und eine sehr solide wissenschaftliche Basis. Zum einen bekommen die Mädchen mindestens ein Jahr lang eine persönliche Mentorin aus dem MINT-Bereich an die Seite gestellt, passend zu ihren Interessen. Der kontinuierliche, vertrauensvolle Austausch auf einer geschützten Online-Plattform ist ein enorm wichtiger Stabilitäts- und Ermutigungsfaktor. Zweitens sind die Mädchen nicht allein mit „ihrer“ Mentorin, sondern Teil einer großen Community mit bis zu 1600 Mentorinnen und Mentees, in der gemeinsam an Projekten gearbeitet und über MINT im Alltag, im Studium und im Beruf diskutiert wird. Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und macht MINT sichtbar als etwas, das Bezüge zur eigenen Lebenswelt aufweist und dem sich Mädchen zugehörig fühlen – ein Aspekt, der gerade für Mädchen entscheidend ist.

Und der dritte Aspekt?

Stöger: CyberMentor ist kein „gut gemeintes“ Projekt, sondern eines der am besten beforschten Mentoring-Programme weltweit: Die kontinuierliche Evaluation und Forschung fließen direkt in die Weiterentwicklung des Programms ein; genau das ist auch ein Grund, warum CyberMentor inzwischen als Best-Practice-Modell – unter anderem von der UNESCO – hervorgehoben wird.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wird es MINT-Förderung für junge Frauen immer brauchen?

Stöger: Ich wünsche mir, dass wir langfristig ausgewogene Geschlechterverhältnisse in allen Berufsfeldern erreichen – nicht nur mehr Frauen in den MINT-Berufen, sondern auch mehr Männer in den klassischen Care-Berufen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Dafür müssten sich gesellschaftliche Rollenbilder, das Image von MINT sowie Ansätze zur Förderung von Mädchen und Frauen deutlich weiterentwickeln. Wichtig ist zudem: Geschlechterförderung ist kein Nullsummenspiel. Jungen wie Mädchen brauchen chancengerechte, passgenaue Bildungsangebote. Als Bildungsforscherin sehe ich meine Aufgabe darin, Förderbedarfe frühzeitig zu erkennen und wirksame Ansätze zu entwickeln – und wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent in die Praxis zu bringen. Entscheidend sind dabei langfristige Maßnahmen, die gleichzeitig an mehreren Einflussfaktoren ansetzen.