Alle Plätze voll: Notfälle, Problemhunde und Zukunftssorgen prägen Alltag im Chamer Tierheim

Von Theresa Baumann · 26. Dezember 2025 um 12:00

Das Chamer Tierheim ist mit 17 Hunden und 31 Katzen voll. Auf der Warteliste stehen sechs weitere Hunde, die auf die Hilfe des Tierschutzvereins hoffen. Leiterin Evi Kraus erzählt vom nervenzerreißenden Alltag, der eben nicht nur aus Katzenstreicheln und Hundekuscheln besteht. Manchmal will auch plötzlich jemand einen Gecko abgeben.

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Unwägbarkeiten bestimmen den Alltag des Tierheim-Teams. Eigentlich gibt ein Plan genau vor, was an den jeweiligen Tagen zu tun ist: Tiere füttern, die Katzenzimmer und Hundezwinger reinigen, Fellpflege und auch Trainingseinheiten. Doch oft kommt alles anders.

Beruf mit Ansteckungsrisiko

Erst kürzlich trainierte Tierheim-Leiterin Evi Kraus gerade mit einem Hund, als die Polizei anrief. „Die haben zwei Hunde abgeholt, weil die Besitzerin inhaftiert worden ist. Die Tiere sollten dann bei uns unterkommen.“ Statt Trainingseinheit stand dann ein Einsatz auf dem Programm.

Im November seien sie „nur vier Mal“ ausgerückt, um Tiere abzuholen, sagt Kraus. Manchmal hätten sie aber auch zwei Einsätze pro Tag. Manche Tiere brachten wiederum ihre Finder vorbei. Die meisten Fundtiere, die ins Tierheim kommen, seien krank, sagt Kraus.

In diesem Jahr retteten sie und ihre Mitarbeiter zum Beispiel mehrere Kätzchen und deren Mutter, die in eine Güllegrube gefallen waren. Während die Jungtiere mit viel Pflege wieder auf die Beine kamen, musste der Tierarzt die erwachsene Katze wegen eines Darmproblmes einschläfern.

Da mussten wir dann kurzzeitig dichtmachen. Das kann sich auch auf Hunde und Menschen übertragenTierheimleiterin Evi Kraus

Andere Kätzchen, die eine Frau den Mitarbeitern des Tierheims übergab, litten an Hautpilz. Hier waren strenge Quarantäne-Maßnahmen gefragt: „Da mussten wir dann kurzzeitig dichtmachen. Das kann sich auch auf Hunde und Menschen übertragen“, erklärt Kraus. Zweimal pro Tag mussten die Tiere Medizin einnehmen. Die Pfleger durften den abgesperrten Bereich nur im Schutzanzug betreten, der hinterher mit den Anziehsachen samt Unterwäsche wieder ausgezogen werden musste.

Kraus hofft, dass es nun wieder ruhiger wird. Denn auch ohne unvorhersehbare Ereignisse hätten sie alle Hände voll zu tun – und damit meint sie nicht, Katzen zu kuscheln oder Hunde zu streicheln. „Das machen wir in 99,9 Prozent der Fälle nämlich nicht“, sagt sie.

Die Mahlzeiten der Tiere bereiten die Mitarbeiterinnen hier zu. - Foto: Theresa Baumann

Hier fällt die meiste Arbeit im Tierheim an

Die meiste Zeit nehme die Reinigung der Käfige und Futternäpfe in Anspruch. In einem Abstellraum neben dem Katzen- und Hundehaus steht ein Regal mit frisch gewaschenen Decken, Körbchen und Handtüchern. Dort gibt es auch einen Boiler mit heißem Wasser für die Reinigungsarbeiten.

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Die Hunde dürfen, während die Mitarbeiter des Tierheims ihre Arbeit verrichten, auf dem Gelände frei herumlaufen – zumindest die verträglichen. Dann feilen die Pflegerinnen auch am Gehorsam der Hunde. „Die meisten kommen zu uns, weil sie ihren Besitzern über den Kopf gewachsen sind und sie irgendwann gebissen haben“, stellt Kraus klar.

Auch Kraus ist schon gebissen worden. Verletzungen kommen bei „Problemhunden“ öfter vor. Der Dauermaulkorb, den manche Hunde zu Beginn des Trainings tragen, hält sie nicht davon ab, zu stoßen oder jemanden anzuspringen, erzählt die Leiterin des Tierheims.

Da muss man viel aushalten können. Das geht an die Psyche.Tierheimleiterin Evi Kraus

Es sei schwierig, die Hunde so auszubilden, dass sie wieder ein geeignetes Zuhause finden können. „Wir haben zwei Hunde da, die wir nicht mehr vermitteln. Die bleiben bis zum Lebensende bei uns“, sagt Kraus. Mit einem richtigen Zuhause sei das nicht zu vergleichen. Wer im Tierheim arbeitet, der müsse sowohl körperlich als auch psychisch belastbar sein. „Da muss man viel aushalten können. Es ist nicht schön anzuschauen, wenn ein Hund sediert kommt, weil er den eigenen Besitzer gepackt hat. Das ist aber nur einer von vielen Fällen. Das geht an die Psyche.“

Alle Hunde haben eigene Boxen mit kleinem Außengelände. Zum Toben dürfen sie in größere Ausläufe. - Foto: Theresa Baumann

Kraus selbst hat inzwischen einen etwas anderen Blick auf Menschen, sagt sie: „Manche finden weniger schnell Zugang bei mir. Viele reden schlau, aber haben keine Ahnung von ihren Tieren. Natürlich tun mir manche Besitzer leid, aber am Ende geht es uns nicht um das Menschen-, sondern um das Tierwohl.“

Doch alle Tiere können nicht im Chamer Tierheim unterkommen, stellt Kraus klar. Wenn sie keinen Platz mehr hätten, verwiesen sie zunächst auf einen anderen Tierschutzverein. Zwar hätten diese auch alle Hände voll zu tun, aber manchmal fänden sie so zu einer Lösung.

Hunde-Boom nach Filmen wie 1001 Dalmatiner

Inzwischen hätten sie Hunde bereits nach Bremen, Hamburg oder Ostfriesland vermittelt. Auch einem Gecko konnte das Team in Zusammenarbeit mit dem LBV Cham helfen. Kraus erzählt: „Auf einmal hat ein Mann angerufen, der einen Gecko hatte.“ Schlussendlich fand der Gecko in einer Reptilien-Auffangstation in München einen Platz.

Blick ins Kinderzimmer: Hier wohnen Cowgirl und Gullivjera. - Foto: Theresa Baumann

Wie der Mann überhaupt zu dem Tier kam, versteht dieTierheimleiterin nicht. Sie ist sauer: „Die meisten Leute denken nur: ‚Ich will, ich will, ich will‘ und fragen sich nicht, ob das Tier überhaupt in ihr Leben passt.“ Gerade nach der Ausstrahlung von Hundefilmen wie „Hachiko“ oder „1001 Dalmatiner“ erlebten diese Hunderassen einen Boom. Am Ende landeten viele von ihnen im Tierheim, weil sich die Besitzer nicht ausreichend informiert hatten: „Die Rassen haben eben eine gewisse Genetik und die wurden auch jahrzehntelang so gezüchtet“, sagt Kraus.

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Sie fordert von der Bundesregierung einen Hundeführerschein, eine Kastrationspflicht für Katzen und strengere Überwachung bei illegalen Tiertransporten. Mit Blick in die Zukunft meint Kraus: „Irgendwann werden die ganzen Tierheime nicht mehr können. Wie sollen die ganzen Tiere dann untergebracht werden?“

Als der Rüde Buck ins Tierheim kam, war er stark untergewichtig. Nun sucht er neue Besitzer. - Foto: Theresa Baumann