Vom Hitlerjungen zum US-Cop in Regensburg: Das unglaubliche Leben des Gotthard Konczalla

Erst versuchte er dem Krieg auszuweichen, kam dann zur Hitlerjugend, erlebte die Bombardierung von Schwandorf. Als US-Cop durchstreifte Gotthard Konczalla ein von Armut gezeichnetes Regensburg, ging als einer der einzigen Weißen in einen Club schwarzer Amerikaner, bewachte in einer Geheimoperation die neue D-Mark. Er vergaß kein Ereignis, keinen Namen dieses Lebens. Nun ist er gestorben.
In Geschichten über den zweiten Weltkrieg gibt es oft die Guten, die Bösen, die Täter und die Opfer. Doch daneben gibt es auch die Menschen, die vom Strudel der Geschichte mitgerissen wurden und nur versuchten, nicht darin unterzugehen. Gotthard Konczalla war so ein Mensch. Heuer, 80 Jahre nach Kriegsende, starb er im Alter von 95 Jahren. Vor seinem Tod hat er noch seine Geschichte erzählt.
Teil 1: Der Krieg
Der Sturm lag schon in der Luft, als Gotthard Konczalla 1929 im polnischen (oberschlesischen) Neisse zur Welt kommt. Drei Wochen nach seiner Geburt brechen im fernen New York die Börsen ein, innerhalb weniger Jahre reißen sie die gesamte Weltwirtschaft mit sich. In Deutschland spült der Sturm die instabilen Fundamente der Demokratie hinfort und schwappt die ätzende Brühe des Nationalsozialismus an die Oberfläche.

Auf dem Bauernhof seiner Familie entkommt Gottfried Konczalla dem Sturm lange Zeit. Ein Einberufungsbescheid reißt ihn schließlich doch mit. Erst versucht der Bürgermeister noch, den 15-jährigen Gotthard wegen „Ernteeinsatzes“ freizustellen. Doch der Sog ist zu stark. Wenig später kommt er zur Hitlerjugend in den Osteinsatz. An einem Flugplatz wird er dazu abkommandiert, Maschinengewehr-Stände zu bauen. Der zweite Weltkrieg geht zu dieser Zeit seinem blutigen Ende entgegen. Ein Luftkampf im Himmel über dem Flugplatz macht ihm klar, wie nahe dieses Ende ist. Schon bald fliegen russische Bomben auf seine Heimat.
Teil 2: Bomben in Schwandorf
Am 17. März flieht er aus dem Bauernhof, der so lange verschont blieb von dem Sturm. „Um 1 Uhr in der Nacht mussten wir aus der Wohnung raus“, erinnert sich Konczalla. In den kommenden Wochen zieht es ihn von Prag über Furth im Wald nach Schwandorf. Doch der Sturm holt ihn ein. In einem Wald zwischen Schwandorf und Haidhof bleibt er an einem Aprilabend mit dem Zug plötzlich stehen. Stundenlang verharrt er in der Dunkelheit, geht Richtung Steinberg. „Wie wir oben waren, haben wir gesehen, wie Schwandorf gebrannt hat“, erinnert sich Konczalla mit starrem Blick, „ich sehe noch heute, wie die ’Christbäume’ runtergeregnet sind.“

Auch hier kann er also nicht bleiben. „Ich habe mir in einem Bombenkrater die Füße gewaschen“, erinnert sich Konczalla. Und so zieht es ihn weiter. Erst kommt er beim Schröttingerbräu in Falkenstein unter, dann lebt er beim Bauern Paulus in Witzenzell. Mit Alois, dem Sohn des Bauern, fährt er eines Tages mit dem Falkensteiner Bockerl zum Zahnarzt ins große Regensburg. Weit weg von seiner Heimat hatte ihn der abflauende Wind schlussendlich in die Domstadt getragen.
Teil 3: US-Cop in Regensburg
Dort ist 1947 längst die US-Armee. Und die sucht dingend Personal, bekommt Konczalla mit. So meldet er sich im ersten Stock der Rafflerkaserne beim amerikanischen Arbeitsamt. Englisch kann er gut genug, dass er eine Stelle als „Chief Watchman“ bei der IP, der Industriepolizei, bekommt. Sein Job: die Wachzäune der US-Armee patrouillieren. Zum Beispiel den Zaun eines Holzlagers in der Donaustaufer Straße. Dort lagern die Amerikaner Koks. Eines Abends, erinnert sich Konczalla, kommt ein Regensburger vorbei und klagt: „Da liegt die Kohle und wir haben nichts zum Heizen.“

Ein Wach-Kollege fasst sich ein Herz und wirft dem Regensburger einen Sack Koks über den Zaun. Es bleibt nicht das einzige Mal, dass Gotthard Konczalla die Armut von Regensburg sieht. Viele Trümmer und viel Leid hat der Sturm hier hinterlassen. Auf einer Streife mit der „Highway Patrol“ der Militärpolizei MP sieht er einmal einen gestrandeten Motorradfahrer und gibt ihm etwas Benzin. Ihm selbst geht es verhältnismäßig gut. Von den Kollegen der MP bekommt Konczalla manchmal Coca-Cola oder „gutes Bier“, erzählt er. „Bischofshof hat das gute Bier nur für die Amis gebraut.“
Doch so freundlich sie sind, für die Amerikaner ist er doch nur ein Deutscher. Und so trifft Konczalla, der im ersten Stock der Prinz-Leopold-Kaserne in der Zeißstraße wohnt, in Regensburg zum ersten Mal in seinem Leben einen schwarzen Menschen. Er arbeitet, wie viele andere Schwarze, in der Dumptruck (Kipplaster)-Kompanie. „Du bist Deutscher, ich bin Schwarzer, wir sind beide nichts für die Amis“, habe er gesagt, erinnert sich Konczalla. Es ist das Jahr 1950 und die US-Armee ist streng segregiert in Weiße und Schwarze.

Sein neuer Bekannter lädt Konczalla als einzigen Weißen in einen schwarzen Club ein. „Mit dämmrigem Licht und nackten Mädls an der Wand“, erinnert sich Konczalla. Ein anderer Schwarzen-Club in der Von-der-Tann-Straße ist zu dieser Zeit Schauplatz von Rassen-Krawallen mit Prügeleien und Tränengas-Einsätzen. Die weißen Soldaten feiern währenddessen im exklusiven Star-Club.
Teil 4: Die Liebe und das Ende
Inzwischen ist Konczalla als Corporal bei der Civillian Guard nicht mehr als Zaun-Wachtposten angestellt. In schwarzer Uniform mit Helm, Gamaschen, Hickory-Schlagstock und Karabiner 30MI sitzt er am Regensburger Güterbahnhof, als die ersten Kisten der neuen D-Mark in einer streng geheimen Operation aus der USA kommen. Meist jedoch wacht er über Schulbusse von US-Kindern.
Eines Tages stoppt er die junge Irmgard. Die Krankenschwester passt auf die Kinder von Offiziersfamilien auf und bringt sie gerade zum Impfen. Als Gotthard und Irmgard auf den Einlassbefehl warten, lädt er sie ins Kino ein. Im Olympia-Kino nahe des Doms schauen sie „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef, während draußen Demonstranten gegen den Skandal-Film protestieren.

Die beiden verlieben sich und schlagen Wurzeln in Regensburg – so tiefe, dass kein Sturm die beiden mehr wegträgt. Erst sind die Regensburger skeptisch, dass sich Irmgard einen „Flüchtling“ anlacht, doch auch das geht vorbei. 1952 verlässt Konczalla die US-Polizei und wechselt in die Regensburger Justiz. Er verbringt seine Zeit in der Bergwacht und auf Wallfahrten nach Altötting. In seiner Wohnung im Westenviertel verstaut er die Vergangenheit in Fotoalben und Pappschachteln: seine alte Polizei-Marke, seine Armee-Taschenlampe, die längst nicht mehr leuchtet, vergilbte Fotos unter sich auflösendem Pergamin-Papier.
Am 2. August 2022 stirbt seine Frau Irmgard. Am 21. August 2025 folgt er ihr.