Stalins Dolmetscher auf Schloss Wörth: Eine Spurensuche durch das Leben von Zvi Man

Wer heute durch die Flure des „Pro Seniore“ auf Schloss Wörth (Landkreis Regensburg) streift, kann sich kaum vorstellen, dass das hier einmal das exklusive Reich eines kleinen jüdischen Jungen war. Der israelische Schriftsteller und Lehrer Zvi Man erzählt uns in „A Boy, a Castle and a Dog“ eine der unglaublichen Geschichten, die das Leben im Zweiten Weltkrieg schrieb. Sie ist wahr.
Als er hier mit fünf Jahren aus der Sowjetunion aufs Schloss Wörth kam, hieß er noch Grisha. Hier blieb er zwei, drei Jahre und wanderte dann aus ins gelobte Land und nannte sich Zvi. Fast 70 Jahre später kehrte er für ein paar Tage zurück. Auch um die Frage zu klären, die ihn ein Leben lang beschäftigt hatte. Wo genau war ich eigentlich ab meinem fünften Lebensjahr gewesen? Er wusste nur, da war ein Fluss, ein Schloss und eine kleine Eisenbahn.
Zvi Man ist der Sohn des berühmten jüdischen Journalisten, Schriftstellers und Dichters Mendel Man (1916 bis 1975). Beinahe hätte Mendel Man für seinen Roman „Der Fall Berlins“ den Nobelpreis für Literatur erhalten, heißt es. Der Wörther Heimatpfleger Fritz Jörgl spürt den Mantel der Geschichte. „Wann siehst du schon Menschen, die Josef Stalin und Marschall Shukow kennen?“
Mendel Man war Dolmetscher an der Seite des berühmten Marschalls der Roten Armee, der Moskau verteidigte und Berlin eroberte. Nach seiner Flucht aus dem Osten versteckten die US-Amerikaner den wichtigen Geheimnisträger und dessen Ehefrau und Sohn im Schloss Wörth. Sie waren eine Zeitlang die einzigen Bewohner.
Ein Panzer vor dem Tore
Vor der Schlosseinfahrt wachte ein Sherman-Panzer. Wenn ein Jeep der US-Army Mendl Man abholte und nach Regensburg fuhr, war der kleine Junge allein zu Haus. Bei der Mittelbayerischen Zeitung wurde eine jiddische Zeitung gedruckt, die der Vater herausgab. „Der nayer Moment“. Selten genug durfte sein Sohn ihn begleiten. Zvi Man erinnert sich an die hebräischen Bleiziffern, die in der Hosentasche des Vaters klimperten, als er brav an seiner Hand über die Steinerne Brücke lief.

Diese Zeit wurde für Zvi Man wieder lebendig, als er als Zeitzeuge nach Deutschland kam. Die Organisatoren der Ausstellung „Leben im Wartesaal“, Dr. Walter Koschmal und Dr. Sabine Koller, hatten den Sohn Mendel Mans eingeladen. Sie brachten ihn im „Hotel Kaiserhof“ unter und erfüllten ihm seinen Herzenswunsch. Dr. Koschmal: „Wir fuhren mit ihm durch die halbe Oberpfalz, um das Schloss zu finden, in dem er, wie er sagte, die schönste und die traurigste Zeit seines Lebens verbracht hatte.“
Der Slawist saß bei der Irrfahrt am Steuer. „In Sulzbach-Rosenberg sagte er: Nein, das ist es nicht. Auch die Burg Falkenstein schied aus. Wir waren bereits wieder auf der Rückfahrt, da sagte Zvi Man nach einer Kurve: Das kommt mir bekannt vor. Bald hatte er Gewissheit. Er erinnerte sich an die kleine Eisenbahn, die in Wörth endete.“ Sie ist bekannt als das Walhalla Bockerl.
Sabine Koller konnte Heimatpfleger Fritz Jörgl zu einer Schlossführung gewinnen. „Wie ich Zvi Man in das Rondellzimmer führte, kamen ihm die Tränen“. Der Ort mit Aussicht, in dem am 26. Juli 1806 Erzkanzler Dalberg die Rheinbund-Akte unterzeichnete, war sein Spielzimmer gewesen.
Das alles beschreibt der Lehrer und Schriftsteller Zvi Man, inzwischen 84 Jahre alt, in seinen Erinnerungen. Sie sind beim kanadischen Verlag Inglewood Press erschienen. Das Titelbild von „A Boy, a Castle and a Dog“ irritiert. Es zeigt ein anderes Schloss. Der Grund: Das Buch war schon fertig, bevor der Autor im Jahr 2013 den Traumort seiner Kindheit wiederentdeckt hatte.
Seine Geschichte beginnt in einem Dorf in Mordwinien, als Zvi noch der kleine Grisha war. Dort hatte ihn seine Mutter Sonia 1941 zur Welt gebracht. Seinem Vater war es gelungen, in die Sowjetunion zu fliehen. Der in Polen geborene Intellektuelle sprach perfekt Deutsch. So gelang ihm bei der Roten Armee eine beispiellose Karriere als Dolmetscher von Marschall Shukow und Josef Stalin. Nach dem Krieg verlangten die Sowjets, dass die Familie Man wieder in ihr Dorf zurückkehren sollte. Der Vater zog es vor, „zu den Amis“ zu fliehen.
Der Rucksack des Vaters
Was sollte er mit Grisha machen? Vater steckte ihn wie Proviant in seinen alten, schmutzigen Armee-Rucksack und trottete los. Zvi konnte weder Fuß noch Hand bewegen. „Es stank fürchterlich.“ Vater hatte ihm eingeschärft, nicht zu niesen und auch sonst keinen Mucks zu machen, sonst, so Zvi Man wörtlich, „bringe ich dich für immer zum Schweigen“. Die Flüchtlinge kamen in eine Kontrolle. Der Junge hörte auf Russisch brüllen: „Was, ihr wollt vor Mütterchen Russland fliehen?“ Da musste Zvi niesen. Er erinnert sich an die starken Arme des Offiziers, die ihn aus dem Rucksack-Gefängnis befreiten. Die Familie stand mit erhobenen Händen, die Soldaten waren schussbereit. Da hat Kindermund die Situation gerettet. Der Bub sagte zum Offizier: „Kann ich bitte mit deinem Gewehr spielen?“

Schlagartig änderte sich die Stimmung. „Der Offizier kniete nieder, setzte mich auf sein Knie, nahm alle Patronen raus und gab mir das Gewehr in die Hand.“ In der absoluten Stille, die nun eintrat, sagte der Offizier mit zärtlicher Stimme: „Ich habe auch so einen Jungen wie dich. Ich habe ihn drei Jahre nicht mehr gesehen.“ Er ließ die Familie laufen.
Das Ende ihrer Flucht war die unendliche Weite eines Schlosses mit 100 Zimmern. In dieser Fülle spürte der Bub seine innere Not. „Ich war sehr einsam,“ schreibt er. Von den Eltern kam emotional nichts. Die Mutter nahm ihn nie in die Arme, auch der Vater nicht. „Ich fühlte mich so fern von ihm. Er ging früh und kam spät.“ Erst viel später habe er erkannt, wie hart das Leben für die empfindsame Seele seines Vaters gewesen sein musste. „Meine Eltern waren eingeschlossen in ihrem Schmerz.“
Wolfie blieb zurück
Der deutsche Hausmeister war der einzige Mensch, der ihm mit Liebe begegnete. Im Buch heißt er Karpie. Da war auch noch ein älteres trauriges Mädchen, das er Inga nennt. Nach Informationen von Fritz Jörgl handelt es sich beim Hausmeister um Peter Prasch, Schindelmacher aus Wörth. Das Mädchen hieß Fini und war seine Nichte. Was aber für den Buben das Wichtigste wurde: Karpie hatte einen Hund, der hieß Wolfie und sah auch so aus. Mit ihm durchstreifte er das Gelände. „Nachts schlief Wolfie in meinem Bett. Ich teilte auch mein Essen mit ihm. Von nun an wurde das Leben zum Paradies.“ Er hatte einen Freund.
Als die Eltern nach einer Zeit ins „Gelobte Land“ weiterzogen, durfte Wolfie nicht mit. Der Bub war todunglücklich, seinen Freund zurücklassen zu müssen. In seinem Buch löst Zvi Man den Schmerz in einem Happy End auf, das es im wahren Leben nicht gegeben hat. Grisha kehrt zurück. Inga erwartet ihn. Zwar ist Wolfie tot, aber Inga hat inzwischen Hunde gezüchtet. Einer aus der Welpenschar springt auf ihn zu. Er sieht aus wie Wolfie. „Nun lebt Wolfie bei mir. Ich streichle ihn und verspreche ihm, dass ich ihn nie wieder verlassen werde.“
Die Kindheitserinnerungen von Zvi Mann sind für Fritz Jörgl, den Stadtarchivar von Wörth, eine schillernde Randnotiz in der langen Geschichte des Schlosses.