Erwin Hetzenecker suchte Schwammerl – und fand bei Haugenried ein Weltkriegs-Dokument

Erwin Hetzenecker, ein betagter, aber mit über 90 Jahren noch rüstiger Haugenrieder (Nittendorf im Landkreis Regensburg), teilt geht leidenschaftlich gerne in den ausgedehnten Wäldern „in d’ Schwammerl“, wie man dort sagt. Steinpilze, Pfifferlinge, Rotkappen brachte er in dieser Saison mit nach Hause. Einen wirklich außergewöhnlichen Fund machte er aber im vergangenen Herbst.
Wie Hetzenecker schildert, hatte er damals ein besonders schönes Steinpilzerl in der Nadelstreu einer Fichten entdeckt. Er habe die Streu weggeräumt, um besser an den Stiel des Pilzes zu gelangen. Dabei sei auch ein Stück vergilbtes Papier zum Vorschein gekommen. Bei näherem Hinsehen hat sich der postkartengroße Zettel als Feldpostbrief, in Regensburg abgestempelt am 2. September 1942, entpuppt.
Brief ist noch gut zu lesen
Das historische Stück ist erstaunlich gut erhalten. Bis auf einige Löcher und einen ausgefransten Rand ist das Papier fast unbeschädigt. Auch der in Sütterlinschrift, auch deutsche Schrift genannt, verfasste Text ist noch einigermaßen gut zu lesen. Wie der Brief an die Fundstelle gelangt ist und warum dieser nach so vielen Jahren noch nicht verrottet ist, kann sich Hetzenecker überhaupt nicht erklären.

Auch Joseph Karl aus Eichhofen, der sich selbst schon lange mit alten Geschichten und Texten befasst, und den Hetzenecker vom Fund informiert hatte, steht vor einem Rätsel. Der leidenschaftliche Sammler von alten Zeitungsausschnitten hat schon versucht, Verwandte oder Nachkommen der Absenderin des Briefes, Zenta Gigl aus Regensburg, ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg. „Vielleicht meldet sich jemand aufgrund des MZ-Artikels“, hofft er.
Gezeichnet: „Dein Weiberl“
Die damals in Regensburg in der Argonnenstraße lebende Gigl hat in dem Brief an ihren Ehemann und Unteroffizier Michl Gigl, der offenbar in Bad Tölz stationiert war, geschrieben. Aus dem liebevoll gehaltenen Text lässt sich entnehmen, dass sie sich Sorgen um ihren Michl machte. Sie fragt: „Michl, warum lässt Du schon seit drei Tagen nichts hören von Dir? Was ist los? Michl, Du weißt doch, dass ich mich um Dich kümmere, ich hab Dir doch nichts zu Leid getan.“ Weiter schildert die Absenderin, dass sie „ein zweites Hemd“ für ihn schon abgeschickt hat. Die wohl auch heiß ersehnten zwei Schachteln Zigaretten hatte sie schon vorher gesandt. Zum Schluss freut sich Zenta, wenn ihr Angetrauter demnächst mit dem Zug wieder einmal heimkommt und beendet die Post mit „Dein Weiberl“.
Papier verrottet im Wald schnell
Warum der Feldpostbrief noch so gut erhalten ist, kann sich auch ein Fachmann nicht erklären. Dr. Franz von Klimstein, stellvertretender Leiter des bischöflichen Zentralarchives in Regensburg, erklärt, dass so ein Papier, welches ungeschützt im Wald liegt, etwa in zwei Jahren verrottet. Der Brief muss daher wohl erst vor relativ kurzer Zeit auf ungeklärte Weise an den Fundort gelangt sein.
Hetzenecker hat selbst Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg, an den Absturz eines Militärflugzeugs Ende Januar 1942 im Kelheimer Forst unweit der jetzigen Fundstelle des Feldpostbriefes. Mehrere Dorfbewohner, darunter der heute 90-Jährige, hatten die Absturzstelle aufgesucht und beobachtet, wie Militärkräfte den toten Piloten und das Flugzeugwrack geborgen und abtransportiert hatten.
Mysteriöser Besuch wegen Flugzeugabsturz
Das Ereignis rückte im Jahr 2012 wieder in seinen Fokus. Damals, so Hetzenecker habe ihn ein Herr S. aus München aufgesucht. Dieser hatte detaillierte Kenntnisse über den Vorfall, wie den Namen des verunglückten Piloten und den Flugzeugtypen, Focke Wulf Fw 190-A6. Der Besucher wollte nach Wrackteilen graben, was ihm vom Grundeigentümer aber verwehrt wurde.
Die MZ konnte vor wenigen Tagen noch mit der Witwe des zwischenzeitlich verstorbenen Flugzeugforschers am Telefon sprechen. Diese betonte, dass die Aufklärung des Flugzeugabsturzes für ihren Ehemann eine große Leidenschaft gewesen sei. „Er hätte sich bestimmt auch über das Interesse an der Sache sehr gefreut“, so Frau S.