Ganztagsschule in Regensburg: Keiner weiß, wie viele Plätze fehlen

Von Juliana Ried · 10. Dezember 2025 um 15:50

Der Stadt Regensburg mangelt es ein Jahr vor Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler an Überblick über den Bedarf. Das führt dazu, dass Familien um Plätze kämpfen müssen.

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Lilly Gaza erinnert sich noch gut, wie es war, als sie von der Stadt eine Absage bekam auf ihre Bewerbung um einen Platz in der Mittagsbetreuung für ihre Tochter, damals eine angehende Erstklässlerin an der Grundschule am Napoleonstein. Es war um Pfingsten herum, und die Ferien waren dann ebenso überschattet wie die Sommerferien: Statt von Vorfreude war das Familienleben geprägt vom Kampf um einen Betreuungsplatz – dabei müsste die Stadt eigentlich ein Jahr, bevor der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler in Kraft tritt, gut aufgestellt sein.

Tatsächlich aber weiß sie nicht, wie viele Plätze fehlen. Bildungsreferentin Sabine Kellner-Mayrhofer teilt mit: „Eine belastbare, stadtweit konsolidierte Zahl hierzu liegt der Stadt derzeit nicht vor, da Eltern ihre Kinder bei unterschiedlichen Trägern und Angeboten parallel anmelden und keine gemeinsame Warteliste rechtssicher geführt werden darf.“ Deshalb setze sich die Stadt – auch über den Städtetag – seit Längerem „für ein einheitliches, rechtssicheres Verfahren zur Bedarfsmeldung und Platzvergabe ein“. Bisher seien die Belegungszahlen der vorhandenen Angebote Basis für die Planung. Die Stadt erfahre nur in Fällen, in denen Familien oder Schulen Kontakt mit ihr aufnähmen, dass die Vermittlung eines Platzes gescheitert sei.

Betroffene Mutter arbeitet in der Pflege

Was das im Einzelfall bedeutet, kann Lilly Gaza erzählen. Die 44-Jährige ist als Pflegefachkraft bei einem ambulanten Dienst tätig. 20 Stunden in der Woche wolle sie arbeiten, gab sie in der Bewerbung um einen Betreuungsplatz an – und erfuhr danach: Das reicht erst einmal nicht, damit ihre Tochter bis 14 Uhr in die „Mitti“ gehen kann, denn wer mehr arbeitet, hat bessere Chancen.

Gaza erzählt: „Dann war mir klar, dass ich meinen Job so nicht weitermachen kann, wenn ich keine Betreuung habe.“ Schließlich endet die Schule für Erstklässler zum Teil um 11.15 Uhr. „Da hat man schon Angst und ist gestresst“, erzählt die Mutter. „Du hängst total in der Luft, du weißt nicht, wie es finanziell weitergeht, ob dein Arbeitgeber das mitmacht.“ Mit vier weiteren Familien bat sie Bildungsreferentin Kellner-Mayrhofer in einem Brief, „dringlichst, etwas zu unternehmen“, konkret eine weitere Mittagsbetreuungsgruppe an der Schule zu eröffnen.

Circa einen Monat später bekamen sie die Absage. Leider sei es „aufgrund von Raum- und Personalknappheit nicht möglich, eine zusätzliche Gruppe in der kurzen Mittagsbetreuung an der Schule einzurichten“, schrieb die Bildungsreferentin. „Unser Handlungsrahmen ist hier sehr begrenzt – insbesondere, weil wir uns parallel auf den notwendigen Ausbau der ganztägigen Betreuungsplätze bis 16 Uhr konzentrieren müssen.“ Gegebenenfalls könne die Stadt einen Platz bei einer Tagesmutter vermitteln, außerdem gebe es an der Schule das Angebot des gebundenen Ganztags – hier gilt allerdings von Montag bis Donnerstag Schulpflicht bis 16 Uhr.

Das wäre für ihre Tochter zu viel gewesen, sagt Gaza. Und die verfügbare Tagesmutter wohnte zu weit weg. Sie nahm also Elternzeit von September bis März, das halbe Jahr hatte sie noch übrig. Einen Lichtblick gab es: Bis Schuljahresbeginn – und auch in den ersten Schulwochen – ergäben sich regelmäßig noch Veränderungen, zum Beispiel durch Umbuchen oder Rücktritte von Betreuungsplätzen, hatte die Bildungsreferentin geschrieben.

Am Freitag der ersten Schulwoche bekam Gaza dann einen Anruf mit der Frage, ob sie noch Betreuung benötige – und wie die anderen Unterzeichner des Schreibens an die Bildungsreferentin einen Platz. Noch im Herbst fing sie wieder an zu arbeiten. Wie viele Kinder leer ausgingen, weiß sie nicht: Eine Mutter, die sich mit einem Deutschkurs aufs Berufsleben vorbereiten wollte, das aber mangels Betreuung nicht kann, kennt sie aber.

Ist der Mangel an Betreuungsplätzen am Napoleonstein ein Einzelfall?

Die Stadt nennt die Situation am Napoleonstein einen „Einzelfall“. Das Bildungsreferat versichert, die Stadt arbeite daran, das Angebot bedarfsgerecht weiterzuentwickeln – hier im Kasernenviertel und generell. In der vergangenen Woche beschlossen der Jugendhilfeausschuss und der Bildungsausschuss des Stadtrats beispielsweise einstimmig, dass die Stadt offene Ganztagsangebote und Horte freier Träger freiwillig finanziell unterstützt.

Ein weiterer Beschluss dürfte Eltern allerdings beunruhigen: Kinder mit Rechtsanspruch, also solche, die ab 2026 eingeschult werden, werden dann bevorzugt in städtische Betreuungsangebote aufgenommen. Eltern von Kindern, die schon in die Schule gehen, fragen sich deshalb, ob sie um ihren Platz fürchten müssen. Aus dem Bildungsreferat heißt es dazu, automatisch entfalle dieser nicht, solange der Bedarf fortbesteht. Um das zu prüfen, würden „insbesondere in städtischen Angeboten individuelle Gespräche mit Eltern geführt“.

Ganztagsbetreuung für Grundschüler

Schülerzahlen: In Regensburg besuchen aktuell 5161 Schüler Grundschulen. Davon gehen 4327 Kinder auf öffentliche Grundschulen und 834 Kinder auf private.

Betreuung: Insgesamt nutzen derzeit 4015 Kinder ein Betreuungsangebot: von der mittäglichen Hausaufgabenbetreuung bis zum Hort, der bis circa 17 Uhr offen hat. Die Betreuungsquote beträgt damit 77,8 Prozent. An den öffentlichen Grundschulen liegt sie bei rund 74 Prozent, an den privaten bei rund 97 Prozent.

Rechtsanspruch: Aktuell erfüllt nach Angaben der Stadt allerdings noch kein Angebot die gesetzlichen Anforderungen des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung, wie er ab dem Schuljahr 2026/2027 zunächst für die erste Jahrgangsstufe vorgesehen ist. Das liege insbesondere daran, dass dieser eine verlässliche Betreuung bis 16 Uhr auch am Freitag und eine Begrenzung der jährlichen Schließzeiten auf maximal 20 Werktage fordert. Letzteres erfüllen mit bis zu 30 Schließtagen derzeit nicht einmal die Horte.