25 Jahre nach dem BSE-Wahnsinn: Ein Rückblick auf die Rinderkrankheit im Landkreis Cham

Von Nils Mayer · 5. Dezember 2025 um 05:00

Ziemlich genau 25 Jahre ist es her, dass der erste BSE-Fall im Landkreis Cham – und einer der ersten bayernweit – auf einem Hof bei Stamsried bekannt wurde. Nachdem die Krankheit, die auch Rinderwahnsinn genannt wird, erst nur in England auftrat, erreichte sie damals kurz vor Weihnachten den Landkreis.

Video ansehen

Was folgte, waren Tage der Ungewissheit für die betroffenen Landwirte und schlaflose Nächte der politischen Entscheidungsträger. Wir haben nachgefragt bei denjenigen, die diese Zeit hautnah miterlebt haben.

Wenn Theo Zellner, ehemaliger Landrat des Landkreises Cham, das Wort BSE hört, dann denkt er direkt an „viele emotionale Momente“. Vor allem denkt er aber an die Familie, auf deren Hof in einem Ortsteil von Stamsried der BSE-Fall nachgewiesen wurde und die laut Zellner viele harte Tage erleben musste. – Die Familie selbst wollte sich gegenüber unserer Zeitung nicht mehr zu dem BSE-Fall äußern.

Am 17. Dezember 2000 erhielt der damalige Landrat die Schreckensnachricht vom BSE-Fall in seinem Landkreis. „Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen Tag“, sagt Zellner. „Keiner konnte glauben, dass der Rinderwahnsinn, den wir alle nur von Fernsehbildern aus England kannten, in unseren Landkreis gekommen war.“ Lange hatte man sich in Bayern sicher gefühlt. „Ein Irrglaube“, so der Landrat.

Sofort sei der betroffene Hof in einem Ortsteil von Stamsried von Veterinäramt und Polizei abgeriegelt worden. Noch bevor die genauen Ausmaße vor Ort geklärt waren, folgten bereits die ersten Anschuldigungen: „Die Familie war von Anfang an im Fadenkreuz, dabei waren das immer vorbildliche Landwirte, die sich an alle Vorschriften hielten.“

Suche nach dem Sündenbock

Für kurze Zeit schien es laut Zellner aber so, als würden Bauern, Pressevertreter und auch die Politik einen Sündenbock suchen. „Später musste ja dann Gesundheitsministerin Barbara Stamm ihren Kopf dafür hinhalten“, sagt der ehemalige Landrat.

Wiederentdeckt: Im Chamer Stadtarchiv finden sich noch viele alte Zeitungen zu dem Thema. - Foto: Simone Auerbeck

An diese Zeit des Misstrauens und der gegenseitigen Anfeindungen erinnert sich auch die ehemalige Kreisbäuerin Johanna Fischer: „Es war sehr schlimm. Heutzutage hätte das wohl Mord und Totschlag gegeben.“ Sowohl unter den Bauern als auch von Seiten der Bürger sei das Misstrauen groß gewesen. Dabei blieben die vielen Proteste nicht immer friedlich, sagt die Kreisbäuerin: „Einmal hatten wir bei einer Veranstaltung sogar extra Polizeischutz.“

Keulung aller Rinder angeordnet

Der Druck der Öffentlichkeit wurde so groß, dass die Politik eine Keulung aller Rinder auf dem Stamsrieder Hof anordnete. „Der Verbraucher wünscht das so, wurde mir damals aus Berlin gesagt“, erzählt Ex-Landrat Zellner. Dabei hatte er sich zusammen mit den Landwirten eigentlich für eine sogenannte Kohortenkeulung stark gemacht. „Die Frage war, ob man wirklich alle Rinder schlachten muss oder ob es reicht, nur ein paar Tiere zu keulen“, erklärt Zellner den Vorschlag.

Ein Vorschlag, den auch der damals amtierende BBV-Geschäftsführer Rudi Reisinger für sinnvoll hielt: „Ich hatte meine Bedenken, das über viele Jahre aufgebaute Zuchtmaterial so radikal zu vernichten.“

Spendensammlung

Außerdem sammelte Reisinger laut eigener Aussage Spenden für die betroffene Familie. Er selbst kannte den Hof und auch die Familie gut: „Deshalb war das Mitgefühl in dieser schwierigen Zeit nochmal größer.“ Der Vorschlag der Teil-Keulung, den sowohl Zellner als auch Reisinger zur Sprache brachten, fand aber erst im Nachhinein Beachtung, „leider zu spät für die Rinder und den Hof“, meint Zellner. Der Bund setzte sich nämlich durch.

Zwischen dem Bekanntwerden des BSE-Falls Ende Dezember und der Schlachtung der Rinder Anfang Januar lagen aber noch einige Wochen. „Das war wohl die schwerste Zeit für die betroffene Familie“, erzählt Zellner. Fast täglich habe er den Hof besucht und versucht, der Familie Kraft zu geben.

Reporter aus der ganzen Welt

Gleichzeitig verwandelte sich das Chamer Landratsamt in einen Krisenstab. Auch um den unzähligen Pressevertretern aus ganz Europa Auskünfte zu geben. „Von Portugal bis Dänemark, von überall her kamen die Reporter“, erinnert sich Zellner. Trotz der medialen Aufmerksamkeit sei es ihm ein Anliegen gewesen, das Scheinwerferlicht nicht auf den Hof der Familie zu werfen. „Wir haben es anfangs geschafft, dass der Ort vorerst geheim blieb“, so Zellner.

Dabei hätten die lokalen Zeitungsredaktionen vor Ort Bescheid gewusst, „aber auch die haben sich dankenswerterweise an die Diskretion zum Schutz der Familie gehalten“. Weil die mediale Aufmerksamkeit aber nicht aufzuhören schien, fasste Zellner zusammen mit der Familie einen Entschluss: „Mit einer öffentlichen Pressekonferenz wollten wir vor die Welle kommen und klarmachen, dass der BSE-Fall nicht Schuld der Landwirte war.“ Der Plan ging laut Zellner auf, die öffentliche Debatte entschärfte sich ein wenig.

Abtransport in den Morgenstunden

Um Protesten bei der angeordneten Schlachtung zuvorzukommen, fand der Abtransport aller Rinder des Hofs in den frühen Morgenstunden gegen 5 Uhr statt. „Und trotzdem waren viele Leute mit Fackeln und Plakaten vor Ort und protestierten dagegen“, so Zellner. Mehr als 200 Rinder wurden nach und nach abgeholt und weggefahren, bis der Hof dann leer war. „Es war wirklich gespenstisch.“

Als sich der Spuk dann nach einigen Tagen wieder gelegt hätte, sei vor allem die Entschädigung der Landwirtfamilie eine Priorität gewesen. „Trotzdem kann man diesen Verlust nicht nur durch Geld wieder wettmachen.“

Landwirte bekamen Angst

Auch andere Landwirte hätten es angesichts des stark einbrechenden Fleischverzehrs mit der Angst zu tun bekommen. „Der Landkreis Cham hat damals auch von den Rindern gelebt, deshalb brachte die BSE-Krise natürlich auch enormen wirtschaftlichen Schaden“, sagt Zellner.

Im Nachhinein ist der Ex-Landrat nach eigenen Worten froh, „dass diese dunkle Zeit vorbei ist“. Die Zeit rund um den Rinderwahnsinn im Landkreis Cham sei ohne Zweifel eine der größten Herausforderungen in seiner Zeit als Landrat gewesen.

„Sehr dunkles Kapitel“

Dass ähnliche Krankheiten auch in Zukunft auftreten können, dessen ist sich auch Franz Kerscher, Geschäftsführer der Chamer BBV-Geschäftsstelle, bewusst: „Es wird leider immer mal wieder solche Herausforderungen geben.“

Aktuell seien bereits alle Alarmsirenen mit Blick auf die Vogelgrippe im Landkreis Cham an. „Wir beobachten die Lage sehr genau, weil wir ja auch ein paar Gebiete haben, wo Zugvögel vorbeikommen.“

Trotzdem will Kerscher die Vogelgrippe nicht mit dem Rinderwahnsinn vergleichen: „Das war schon ein sehr dunkles Kapitel für Landwirte damals und wir hoffen, dass so etwas in der Form nicht mehr passiert.“