Verständnis statt Verbote: Pädagogin klärt Jugendliche über Drogen und Sucht auf

„Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, dass wir hier in Neumarkt ein Problem mit Drogen bei Jugendlichen haben“, erzählt Susanne Schmid. Die 32-jährige Pädagogin hat im Zuge ihrer Arbeit bei der Caritas immer wieder mit jungen Menschen zu tun, die illegale Substanzen konsumieren. Jetzt hat sie sich zur Fred-Trainerin ausbilden lassen und bietet spezielle Kurse an.
„Fred“ steht für Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumierenden. Das Projekt ist eine Initiative des Landschaftsverbands-Westfalen-Lippe. Im Zentrum stehen Kurse für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, die zum ersten Mal im Zusammenhang mit Drogen auffällig geworden sind. Sie nehmen entweder über eine Auflage des Gerichts, freiwillig oder auf Anregung von Angehörigen an dem Programm teil.
Initiative Fred: Wirksame Prävention
Deutschlandweit gibt es 235 Standorte für das Angebot – und es hat sich bewährt: Die Fred-Kurse stehen auf der grünen Liste der Prävention vom Landespräventionsrats Niedersachsen und der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort wird nur aufgenommen, was sich als wirksam erwiesen hat.
Das Programm gibt es in Neumarkt nicht zum ersten Mal: Eine von Schmids Kolleginnen hatte es schon einmal angeboten. Doch laut der Pädagogin mussten die Treffen wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Und da sie später in Mutterschutz ging, verzögerte sich die Wiederaufnahme weiter. Das es jetzt weitergeht sei „höchste Zeit“, sagt Schmid, die seit August 2024 für die Caritas in Neumarkt arbeitet.
Ab sofort finden die Kurse vierteljährlich statt. Sie bestehen jeweils aus Vier-Augen-Gesprächen, bei denen die Teilnehmer über ihren Konsum und ihre familiäre Situation sprechen können. Zudem gibt es zwei vierstündige Gruppensitzungen, bei denen die Jugendlichen über rechtliche Hintergründe sowie einen sicheren Konsum aufgeklärt werden. Auch der eigene Umgang mit Drogen wird reflektiert.
Zum Beispiel mit der sogenannten Suchtstraße, einem Weg, symbolisiert durch einen roten Faden auf dem Boden. Er reicht vom Genuss bis zur kompletten Abhängigkeit. Mit seiner Hilfe können die Jugendlichen selbst einschätzen, wo sie gerade stehen. „So kommen sie untereinander ins Gespräch: Warum stehe ich hier und du dort? Und wie kann sich das vielleicht verändern?“, erzählt Schmid.
Viele Leute vergessen immer wieder, dass Alkohol ein Rauschmittel ist.Susanne Schmid, Fred-Trainerin
In den vergangenen Wochen betreute die Pädagogin ihren ersten Kurs. Die meisten der sechs Teilnehmer hatten mit Cannabis und Alkohol zu tun. Dies liege unter anderem am kulturellen Stellenwert von Getränken wie Bier oder Schnaps: „Viele Leute vergessen immer wieder, dass Alkohol ein Rauschmittel ist“, sagt Schmid. Auch Amphetamine und Medikamente wie Benzodiazepin würden unter den Jugendlichen teilweise konsumiert.
„Ich bin wirklich begeistert, wie interessiert die Teilnehmer waren und wie gut sie mitgemacht haben“, erzählt Schmid, „insbesondere, wie sie sich gegenseitig motiviert haben, ihr Verhalten zu überdenken.“
Auch die Jugendlichen selbst ziehen eine positive Bilanz: Eine 19-Jährige erzählt zum Beispiel, dass sie zunächst skeptisch gewesen sei, dann aber positiv überrascht wurde: „Ich hatte eine komplett andere Vorstellung vom Kurs. Aber die Atmosphäre war total entspannt und jeder hatte Verständnis.“ Jetzt habe sich ihre Sicht auf ihren Konsum etwas verändert.
In früheren Kursen ist laut Schmid und ihrer Kollegin die Atmosphäre nicht immer so offen gewesen. Wie die Pädagogin vermutet, eine Folge der Teillegalisierung von Cannabis: Früher seien die meisten Kursteilnehmer im Zuge einer Auflage des Gerichts gekommen, weil sie mit einer geringen Menge Cannabis erwischt wurden. Jetzt sei die Teilnahme vermehrt freiwillig. Der Nachteil: Der Zugang zu den Jugendlichen wird schwieriger.
Schmid ist deswegen dabei, ein Netzwerk aufzubauen. Sie hat sich bereits bei Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht, Psychotherapeuten, Ärzten und Wohngruppen vorgestellt. Auch sitzt sie in Arbeitskreisen zum Thema Sucht. Darüber hinaus sind schon erste Fred-Kurse an Schulen geplant.
In Neumarkt Bewusstsein schaffen: Drogenproblem unter Jugendlichen
Künftig wolle sie zudem an große Arbeitgeber herantreten, denn: „Es braucht jeden einzelnen, der mit Jugendlichen in Kontakt ist – ob Onkel, Lehrerin, Freund oder Kollege. Deswegen möchte ich ein Bewusstsein für das Thema schaffen und auch die Fred-Kurse bekannter machen“, sagt Schmid.
Hört man sich in der Neumarkter Innenstadt um, ist dieses Bewusstsein, bislang nur teilweise vorhanden. Viele erzählen, sie könnten es sich gut vorstellen, dass es in Neumarkt bei Jugendlichen Probleme mit Drogen gebe. Genaueres können die wenigsten berichten. „Man hört ja so einiges“, deutet zum Beispiel eine Rentnerin an. „Cannabis ist bestimmt eine Problem, genau so wie Alkohol“, sagt ein älterer Herr.
Man sollte den Jugendlichen den Konsum nicht verbieten. Das wäre zwar verständlich, aber es funktioniert nicht. Denn dann hören sie erfahrungsgemäß ganz auf, sich zu öffnen und machen es im Verborgenen weiterSusanne Schmid, Fred-Trainerin
Doch wie sollten Angehörige mit Menschen umgehen, die einen kritischen Umgang mit Rauschmitteln pflegen? Schmid empfiehlt: „Man sollte den Jugendlichen den Konsum nicht verbieten. Das wäre zwar verständlich, aber es funktioniert nicht. Denn dann hören sie erfahrungsgemäß ganz auf, sich zu öffnen und machen es im Verborgenen weiter.“ Wichtig sei es stattdessen, ihnen Selbstverantwortung zuzutrauen und miteinander auf Augenhöhe zu sprechen. „Auch bei Fred lautet deswegen das Ziel nicht Abstinenz, sondern Kompetenz.“
Jugendliche und Angehörige mit Drogenproblemen können sich unter (0 91 81) 2 97 40 melden oder sie gehen zur Psychologischen Beratungsstelle in der Ringstraße 59.