Schock in Nittenau: Seniorenzentrum Passauer Wolf schließt das Betreute Wohnen

Für die Bewohner und ihre Angehörigen war die Nachricht ein Schlag ins Gesicht: Im Seniorenzentrum Passauer Wolf in Nittenau soll das Betreute Wohnen geschlossen werden. In den frei werdenden Räumen plant das Unternehmen die Erweiterung des Rehazentrums. Die Senioren müssen ihre Wohnungen deshalb aufgeben – eine Entscheidung, die für Ängste und Empörung sorgt.
Rund 80 Bewohner nehmen im Senioren-Zentrum des Passauer Wolfs in Nittenau die vollstationäre Pflege in Anspruch. Doch wer alltägliche Dinge noch selbst regeln kann und will, aber im Notfall auf Hilfe zurückgreifen möchte, konnte bislang im Bereich des Betreuten Wohnens ein Zuhause finden. Acht Wohnungen gibt es hier. Drei stehen bereits leer – und nun sollen die verbliebenen fünf ebenfalls nicht mehr für Senioren zur Verfügung stehen.
Eine Angehörige, die sich große Sorgen macht, ist Manuela Götzer aus Nittenau. Ihre Eltern sind 79 und 84 Jahre alt und im Herbst 2022 von Maxhütte nach Nittenau ins Betreute Wohnen im Seniorenzentrum Passauer Wolf gezogen. Die beiden wollten im Alter näher bei ihrer Tochter leben – und gleichzeitig weiterhin möglichst selbstständig bleiben. Das Konzept des Betreuten Wohnens erschien ihnen ideal. „Sie haben sich hier komplett neu eingerichtet“, sagt Götzer.
Aus Gerüchten wurde Ernst
Vor ein paar Wochen, so erzählt sie im Gespräch mit der Mittelbayerischen, seien im Seniorenzentrum plötzlich Gerüchte kursiert, die sich nun bewahrheitet hätten: Das Mietverhältnis sei ihren Eltern bereits mündlich gekündigt worden – verbunden mit dem Hinweis, dass man die Räume künftig für das Rehazentrum nutzen wolle. „Meine Eltern stehen damit quasi auf der Straße“, sagt Götzer.
Zwar habe man ihnen angeboten, in ein anderes Stockwerk des Seniorenzentrums zu ziehen. Das wäre die Pflegestation – eine Option, die für die Familie nicht in Frage kommt. Dort könnten die beiden Rentner nicht mehr selbst kochen oder Wäsche waschen – Dinge, die sie noch gut alleine bewerkstelligten. „Damit wird ihnen das letzte Stück Selbstständigkeit genommen“, sagt Götzer.
Abgesehen davon: Die Zimmer in der Pflegestation des Seniorenzentrums wären für das betagte Ehepaar, das derzeit noch keine Pflegestufe hat, schwer bezahlbar. Im Moment betrage die monatliche Miete noch 800 Euro, in der Pflegestation würde diese Summe um ein Vielfaches steigen, sagt Götzer. Deshalb bleibe ihren Eltern keine andere Wahl als der Auszug aus dem Seniorenzentrum in Nittenau – bis spätestens 30. Juni 2026.
Für Manuela Götzer ist das eine schlimme Nachricht. In Nittenau oder der näheren Umgebung eine barrierefreie Wohnung zu finden, sei sehr schwierig – und für ihre Eltern sei der Gedanke an einen erneuten Umzug sehr belastend. „Meine Mutter schläft keine Nacht mehr. Sie macht sich Sorgen, wie es weitergehen soll. Alte Menschen kann man doch nicht einfach so verpflanzen.“
Pflegestation ist keine Option
Ähnliches berichtet eine weitere Nittenauerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ihre Mutter solle sich bis Mitte Dezember entscheiden, ob sie vom Betreuten Wohnen in die Pflegestation umziehen wolle oder nicht. Das komme für die rüstige 84-Jährige aber nicht in Frage. „Sie möchte selbstständig sein und nicht ins Pflegeheim“, sagt ihre Tochter. Auch aus finanzieller Sicht sei das derzeit keine Option.
Doch am schwersten wiegt für die Nittenauerin der soziale Aspekt. Die Senioren im Betreuten Wohnen seien zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Zusammen am Balkon zu sitzen, abends eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen, am Gang miteinander zu plaudern – das werde ihrer Mutter künftig sehr fehlen. Ebenso wie die Tatsache, dass sie Arztpraxen oder Apotheke allein mit dem Rollator erreichen konnte. „Die Leute waren hier glücklich. Jetzt wird ihnen ihre Eigenständigkeit genommen. Sie sind fix und fertig“, sagt die Nittenauerin.
Auf Nachfrage der Mittelbayerischen bestätigt Georg Detter, Geschäftsführer des Passauer Wolfs in Nittenau, die geplante Umnutzung der Räume. Es sei angedacht, die Wohneinheiten im Sommer 2026 „anderen Zwecken zuzuführen“, sagt er. Von einem klassischen Betreuten Wohnen könne man ohnehin nicht sprechen: Es handle sich in allen Fällen um normale Mietverträge. „Weitere Dienst- oder Versorgungsleistungen sind – obwohl ursprünglich angeboten – in keinem Fall vereinbart“, so Detter.
Niemand müsse auf die Straße
Man habe den Senioren nun Alternativen vorgeschlagen – niemand müsse auf die Straße, betont er. Da für den Passauer Wolf „die menschliche und soziale Komponente bei den zum Teil langjährigen Mieterinnen und Mietern von hoher Bedeutung sei“, habe man „allen vorrangig einen exklusiven Heimplatz im Senioren-Zentrum angeboten bzw. sogar verbindlich zugesichert“, erklärt der Geschäftsführer weiter. Bei Bedarf werde man den Betroffenen aber auch bei der „Wohnraumbeschaffung in Nittenau“ behilflich sein.
Doch warum verabschiedet man sich beim Passauer Wolf nun vom Betreuten Wohnen für Senioren? Detter verweist auf die „deutlich steigende Nachfrage im Bereich der Rehabilitation“. Gemäß seines „klinischen und gesellschaftlichen Auftrags“ sei die Erweiterung des Rehazentrums dringend notwendig.
Derzeit verfügt es über rund 180 Betten für Patienten, die nach einem Krankenhausaufenthalt, einer OP oder bei chronischen Beschwerden in Fachgebieten wie Neurologie, Geriatrie oder Uroonkologie Rehabilitationsmaßnahmen brauchen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt am Standort Nittenau traditionell auf Schlaganfallpatienten.
Wie genau eine Erweiterung des Rehazentrums aussehen wird, darüber könne man derzeit noch keine konkreten Angaben machen, sagt der Geschäftsführer. Man werde das Thema im Sommer Zug um Zug angehen und im Vorfeld noch viele Gespräche führen.
Sind Reha-Patienten die bessere Einnahmequelle?
Bei den Senioren, die ihre Wohnungen verlassen sollen, hat sich derweil ein unangenehmer Verdacht eingeschlichen. Sie fragen sich, ob es finanzielle Gründe sind, die den Passauer Wolf dazu bewegen, sich von den Mietwohnungen für Senioren zu verabschieden – und stattdessen lieber auf Reha-Patienten als deutlich bessere Einnahmequelle zu setzen.
Detter bestreitet diesen Vorwurf. „Das ist keine finanzielle Entscheidung“, sagt er. Im Rehabereich habe man einen „Riesenbedarf“ und in Nittenau sehr lange Wartelisten für Patienten. Die Nachfrage nach Betreutem Wohnen sei dagegen im Vergleich zu früher „sehr stark abgeflaut“.
Investor hat Pläne
In den sozialen Medien führt die Nachricht aus dem Seniorenzentrum zu teils wütenden Kommentaren. Auch Bürgermeister Benjamin Boml (FW) hat kein Verständnis dafür, dass die Senioren aus ihren Wohnungen ausziehen sollen. „Aus menschlicher Sicht kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen“, sagt er.
Im Rathaus wundert man sich auch über die Aussage Detters, dass das Interesse an Plätzen im Betreuten Wohnen in Nittenau rückläufig sei. Boml schätzt die Lage ganz anders ein. „Die Nachfrage ist da und sie steigt“, sagt er. Derzeit führe die Stadt Gespräche mit einem Investor, der in der Nittenauer Innenstadt den Bau einer Einrichtung für Betreutes Wohnen plane. Rund 25 Wohnungen sollen dort nach aktuellem Stand entstehen.