Schüleraustausch mit Herz und Ambitionen: Polnische Gruppe in Burglengenfeld empfangen

Von Thomas Rieke · 24. November 2025 um 05:00

Wer einen Blick auf die Homepage des Johann-Michael-Fischer-Gymnasiums wirft, stellt rasch fest: Auf dieser Schule ist so einiges geboten, was über den gewöhnlichen Unterricht hinaus geht. Neben der Kooperation mit der Universität Regensburg und Hochschulen stechen diverse Zertifikate und Austauschprogramme ins Auge – insbesondere das mit Polen.

Die Verbindung mit dem östlichen Nachbarland hat in Burglengenfeld zwar noch keine große Tradition, geht dafür aber umso mehr in die Tiefe. Verantwortlich zeichnet in erster Linie Agnieszka Hübner. Die junge Lehrerin, die Englisch und Sport unterrichtet, stammt, wie ihr Vorname verrät, selbst aus Polen. Sie war noch im Grundschulalter, als ihre Eltern aus beruflichen Gründen beschlossen, 1993 nach Deutschland zu ziehen.

Obschon Hübner hier aufgewachsen ist, studiert hat und seit rund vier Jahren in Burglengenfeld arbeitet, bezeichnet sie Polen noch immer als ihre eigentliche Heimat, als das Land, „an dem mein Herz hängt“. Ihre Geburtsstadt Tschenstochau zählt rund 220 000 Einwohner und ist unter Katholiken als Pilgerort sehr bekannt. Jährlich besuchen über vier Millionen Gläubige das dortige Kloster Jasna Góra, um das Gnadenbild der Schwarzen Madonna zu sehen.

Den Direktor überzeugt

„Das hat mich sehr geprägt“, sagt Hübner. Insgesamt schwärmt sie von der polnischen Kultur – und vor allem der Herzlichkeit der Bewohner. Wieso sollten Deutsche nicht mehr davon erfahren?

Hübner entschloss sich, bei der Schulleitung für den Aufbau eines Schüleraustauschs zu werben. Für den Erfolg musste sie allerdings kämpfen. Erst nach intensiven Verhandlungen, so berichtet sie, gab es die Zustimmung.

Vermutlich liegt das zumindest teilweise an dem anspruchsvollen Konzept. Der Austausch, der 2023 Premiere hatte, umfasst mehr als gegenseitige Besuche von Schülern beider Länder mit nettem Rahmenprogramm, das geprägt ist von Fröhlichkeit und Small Talk.

Es geht auch um eine ernste Sache: Das Verhältnis zweier Völker, das historisch schwer belastet ist. Nicht nur, aber insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust durch die Nazis. Auch heute sind die politischen Beziehungen alles andere als einfach, zum Beispiel wegen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Migration und des Klimaschutzes.

Durch persönliche Begegnung Vorurteile abbauen

Umso wichtiger ist die persönliche Begegnung, dachte Hübner. Nur so können Vorurteile abgebaut werden. Bei allen Unterschieden zwischen den Ländern und ihren Bewohnern gebe es doch auch sehr viele Ähnlichkeiten.

Der Austausch ist speziell für Jugendliche der 10. und 11. Jahrgangsstufe gedacht. Aus organisatorischen wie finanziellen Gründen musste der Teilnehmerkreis jedoch auf 25 begrenzt werden. Wer mit dabei sein wollte, hatte in einer Bewerbung seine Motivation zu beschreiben. Das Interesse war so groß, dass letztlich 20 Schüler das Nachsehen hatten.

Bereits 2024 besuchten Schüler aus Burglengenfeld das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. - Foto: Joanna Matysiak

Zu den Glücklichen, die einen Platz bekamen, zählt Magdalena. Sie konnte starkes Interesse an der polnischen Kultur und am Aufbau freundschaftlicher Kontakte nachweisen. Auch wegen eines Teils ihrer eigenen Familiengeschichte: Ihr Urgroßvater ist als Soldat in Polen gefallen. Mitschüler Linus hat einen Onkel mit polnischen Wurzeln. Er möchte das Nachbarland, das so „nahe und doch so fremd ist“, besser kennenlernen.

Das neuntägige Treffen mit polnischen Austauschschülern Mitte Oktober beschreiben die Gymnasiasten als Bereicherung. Trotz der Sprachbarriere habe man sich gut verstanden. Anfängliche Scheu sei schnell verflogen. Beim Besuch in Burglengenfeld erwartete die Gäste ein vielfältiges Programm: Nach einem Empfang im Rathaus durch 2. Bürgermeister Josef Gruber folgten eine Exkursion nach Regensburg sowie ein dreitätiger Aufenthalt in München. Dort standen eine Stadtführung mit Schwerpunkt NS-Zeit und Widerstand sowie der Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau im Zentrum der Auseinandersetzung mit Geschichte. „Diese Punkte bildeten den nachdenklichen Schwerpunkt und führten zu intensiven Gesprächen über Vergangenheit, Verantwortung und europäische Werte“, heißt es in einem Bericht der Schule.

Aufwendige Arbeit

In Burglengenfeld haben die Schüler unterdessen die Arbeit am Projekt Stolen Memory aufgenommen. Dabei nutzen sie Arolsen Archives, die größte Dokumentensammlung über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus, die es gibt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg haben die US-Amerikaner dafür den Grundstein gelegt. Ziel ist es, noch lebende Angehörige von Opfern ausfindig zu machen und ihnen persönliche Gegenstände aus den Konzentrationslagern zurückzugeben. Davon soll es in den Depots noch Tausende geben.

Die Recherche ist allerdings aufwendig und zeitraubend. Ein großer Erfolg wollte sich noch nicht einstellen. Aber die Arbeit wird beim Gegenbesuch im April kommenden Jahres fortgesetzt werden. Anders, als ursprünglich geplant, trifft man sich nicht in Warschau, sondern in Tschenstochau – der Heimatstadt von Agnieszka Hübner.

Gut zu wissen

• Förderung: Der Schüleraustausch am Johann-Michael-Fischer-Gymnasium wird unterstützt vom Deutsch-polnischen Jugendwerk und der Sanddorf-Stiftung Regensburg

• Engagement: Die Idee hatte Studienrätin Agnieszka Hübner. Tatkräftig unterstützt wird sie von Studiendirektor Martin Bauer, Studienrat Sebastian Schmidmeier und Studienrätin Kristina Weitzer.