20 Jahre Weltkulturerbe Altstadt und Stadtamhof: Was bringt der Titel für Regensburg?

Von Heike Haala · 20. November 2025 um 17:00

Über die Steinerne Brücke schlendern, einen Kurs oder ein Konzert im Haus der Musik besuchen, seinen Gästen von außerhalb stolz die Porta Praetoria, die Römermauer, den Salzstadel oder die Synagoge präsentieren: Wer diese Dinge gerne tut, kann sie auch deswegen machen, weil Regensburg Unesco-Weltkulturerbe ist – bald seit 20 Jahren.

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Denn in die Maßnahmen an diesen Bauwerken flossen auch Fördergelder, die Regensburg dank des Titels für die Altstadt und Stadtamhof absahnte: 15 Millionen Euro kamen inzwischen zusammen, wie Juliane von Roenne-Styra, Pressesprecherin der Stadt, Auskunft gibt. Auch der Tourismus sei durch das Unesco-Prädikat spürbar gestärkt worden, wovon ihren Angaben zufolge Wirtschaft, Gastronomie und Kultur profitieren. Aktuell verzeichne Regensburg einen Rekordwert von über 750.000 Gästen pro Jahr und mehr als 1,3 Millionen Übernachtungen.

Zwei Seiten einer Medaille

Außerdem hat die Aufnahme in die Welterbe-Liste laut der Pressesprecherin dazu beigetragen, dass Erhalt und Pflege der historischen Bausubstanz für die Stadt einen noch höheren Stellenwert bekommen haben. „Die Altstadt von Regensburg ist heute eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Deutschlands“, sagt sie.

Das heißt aber auch: Neue Bauten müssen sich ins Welterbe einfügen und dürfen diesen Wert nicht beeinträchtigen. Während von Roenne-Styra sagt, dass der Titel nie in Gefahr gewesen sei, sieht das Prof. Achim Hubel anders. Er hat eine Stellungnahme für die 1000 Seiten starke Bewerbung Regensburgs um die Aufnahme in die Unesco-Liste abgegeben, weil er damals Mitglied in der deutschen Nationalkommission von Icomos war. Die internationale Denkmalsschutzbehörde berät die Unesco. Die ehemals geplante Westtrasse für den ÖPNV als Alternative für die Steinerne Brücke hätte Regensburg den Titel kosten können, sagt er. Letzten Endes verzichtete Regensburg auf diese Brücke.

Auch Alexander Ruscheinsky hat die Macht des Unesco-Schutzes schon zu spüren bekommen. Er wollte vor 15 Jahren im Bereich des heutigen Business-Parks den so genannten Ostenturm mit einer Höhe von 108 Metern errichten. Um herauszufinden, ob diese Skyline zu viel der Konkurrenz für den Dom sein könnte, ließ Regensburg sich ein Stadtbildverträglichkeitsgutachten verpassen – als eine der ersten Städte in ganz Deutschland. Das kam zu dem Schluss: Der Turm würde den für den Unesco-Titel relevanten außergewöhnlichen universellen Wert des Weltkulturerbes eliminieren. Auch eine Höhe, die über 65 Meter liegt, wäre in Bezug auf das Erscheinungsbild der Stadt als unverträglich einzustufen, heißt es in der Studie. Die drei niedrigeren Kompromiss-Türme errichtete Ruscheinsky nie. Er habe den Grund verkauft. Heute steht an der Stelle ein Parkhaus.

„Diese Menschenmassen, das Herumhüpfen um die Kotzlachen, die Schmierereien – das gab es vor 20 Jahren noch nicht“Dr. Bernhard Lübbers, Chef in der Staatlichen Bibliothek und Autor der neuen Stadtgeschichte über Regensburg

Ruscheinsky hat seinen Frieden mit diesen Entwicklungen gemacht. „Das Weltkulturerbe ist eine Riesengeschichte für Regensburg“, sagt der Mann, der gerade drei Monate in seiner Wohnung in Rio de Janeiro zubringt. Die „graue Maus nahe der tschechischen Grenze“ habe es zu Selbstbewusstsein sowie zu internationaler und nationaler Bekanntheit gebracht. „Regensburg hat seine Chance genutzt. Das sieht man an der Qualität der Hotels und der Restaurants oder den vielen Übernachtungen“, sagt er und betont: der Romantische Weihnachtsmarkt sowie die Schlossfestspiele gehören für ihn da fest dazu.

Windräder auf der Walhalla?

Als positiv habe Ruscheinsky es auch empfunden, dass der Titel einen Beitrag dazu leistete, dass zwischen Walhalla und Keilberg keine über 265 Meter hohen Windräder gebaut wurden. „Ich bin nicht gegen Windräder, aber an der Steinernen Brücke würde ja auch niemand ein Wasserkraftwerk errichteten“, sagt er.

Einer, der sich noch gut daran erinnern kann, wie das damals war, als Regensburg in die Liste aufgenommen wurde, ist Dr. Bernhard Lübbers, Chef in der Staatlichen Bibliothek und Autor der neuen Stadtgeschichte über Regensburg. Lübbers nennt 2006 ein „Annus mirabilis“ für Regensburg: das WM-Fieber, der Papstbesuch, schließlich der Welterbetitel. Und das für ein Städtchen, in dem die Ostengasse und die Lederergasse im Jahr 1986, als Lübbers zu den Domspatzen kam, noch als Glasscherbenviertel gegolten hatten. Allerdings: Mit der Beschaulichkeit ist es in seinen Augen seither vorbei. „Diese Menschenmassen, das Herumhüpfen um die Kotzlachen, die Schmierereien – das gab es vor 20 Jahren noch nicht“, sagt Lübbers.

Sie haben den Titel ja bekommen, weil sie über Jahrhunderte viel richtig gemacht haben. Da müssen sie jetzt auch nicht alles fressenAlexander Ruscheinsky, der Geschäftsmann wollte lange Zeit den Ostenturm errichten

Wie geht Regensburg also in dieses Jubiläumsjahr? Die Stadt feilt gerade am Progamm für die Feierlichkeiten, gibt von Roenne-Styra Auskunft. Hubel sagt, dass die Stadt mit dem neuen Amt für kulturelles Erbe gut gewappnet sei, aber auch, dass mit der Anpassung an den Klimawandel eine riesige Aufgabe auf die Altstadt zukomme. Weniger Verkehr, mehr Grün und mehr Wasser könnten die Hitze in seinen Augen mildern. Als Vorbild könne das Obermünsterviertel dienen. „Aber das sollte schneller gehen“, fordert er.

Ruscheinsky wünscht sich, dass die Weltkulturerben aus der Domstadt selbstbewusst agieren: „Sie haben den Titel ja bekommen, weil sie über Jahrhunderte viel richtig gemacht haben. Da müssen sie jetzt auch nicht alles fressen.“