„Hass nicht siegen lassen“: Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden besucht Regensburg

Von Christian Eckl · 18. November 2025 um 05:00

Zufälle gibt es nicht. Und so schrecklich der Krieg im Nahen Osten war, den ein labiler Waffenstillstand vorerst beendet hat, er hat einen Menschen in seinen Geburtsort Regensburg geführt: Barbara Greenspan Shaiman ist Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden. Geboren wurde sie 1948 und sie erlebte die ersten drei Jahre ihres Lebens in der Prüfeninger Straße 51, einem der wenigen Bauhaus-Gebäude der Stadt. Bauhaus ist die Architektur, die zumeist von deutschstämmigem, jüdischen Architekten nach Tel Aviv getragen wurde.

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„Das Haus sieht aus wie die Häuser in Tel Aviv“, sagte Greenspan Shaiman dann auch am Freitag auf die Frage hin, ob sie sich an die israelische Stadt erinnert fühle. Tel Aviv war die Stadt, in der die Regensburger Bildungswissenschaftlerin Heidrun Stöger während des Krieges gestrandet war. Als ihre Gastgeberin mit Barbara Greenspan Shaiman aus den USA videotelefonierte, berichtete die ihr von dem Gast aus Deutschland. Als klar war, dass Stöger aus Regensburg kam, der Stadt, in der Greenspan Shaiman vor 77 Jahren geboren wurde, ging alles schnell: Ein Besuch in ihrer Geburtsstadt Regensburg war ihr ein Herzenswunsch.

Auf Einladung der Universität gastierte Greenspan Shaiman vergangene Woche in der Domstadt. Zusammen mit Uni-Präsident Udo Hebel besuchte sie auch das Haus in der Prüfeninger Straße. Erinnerungen wurden wach – auch solche, die andere Menschen wohl verzweifeln lassen.

Hohe Sicherheitsvorkehrung

Doch Greenspan Shaiman ist ein Mensch, der aus leidvollen Erfahrungen Hoffnung macht. Das spürten auch die Besucher, die – unter hohen Sicherheitsvorkehrungen, wie sie in diesen Zeiten für jüdische Menschen leider wieder notwendig sind – am Freitag von Hebel eingeladen wurden in den Senatssaal der Uni. Dort hielt die Tochter von Holocaust-Überlebenden nicht nur eine Rede.

Auch ein Film über ihr Lebenswerk wurde vorgestellt: Die Non-Profit-Organisation „Champions of Caring“, in der die 77-Jährige nicht nur vom Schicksal ihrer Eltern und von ihrer im Holocaust getöteten Verwandtschaft schildert. Sondern in der sie jungen Menschen in den Problemvierteln der amerikanischen Ghettos Hoffnung macht auf ein Leben ohne Hass und Gewalt.

In diesem Haus in der Prüfeninger Straße 51 lebte die Familie von Barbara Greenspan Shaiman von 1948 bis 1951. Es ist eines der wenigen Gebäude neben der RT-Halle, die im Architekturstil des Bauhauses errichtet wurden – wie Tel Aviv in Israel. - Foto: Christian Eckl

Ihre Eltern Carola and Henry Greenspan waren sogenannte Displaced Persons. Wie Oskar und Emilie Schindler kamen sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Regensburg. Sie hatten für Schindler gearbeitet, aber auf der berühmten Liste, deren Geschichte der Hollywood-Riese Steven Spielberg später verfilmen sollte, standen sie nicht. Dennoch überlebten sie den Massenmord, ebenso wie Großmutter Golda Greenspan.

„Meine Mutter hat sich zu allen Tages- und Nachtzeiten die Zähne geputzt“, erzählte Greenspan Shaiman am Freitag. „Sie hat uns damit genervt, etwa wenn wir zu einer Veranstaltung mussten und alle auf sie warteten.“ Erst, als Barbara mit ihrer Mutter nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 Auschwitz besuchte, erzählte sie der Tochter, was es damit auf sich hatte. Sie hatte bei ihrer Deportation ihre Zahnbürste in das Todeslager geschmuggelt. „Es gab kein sauberes Wasser, keine Zahnpasta – aber sie sagte mir, ,das Gefühl der Borsten auf meinen Zähnen hat mir einen Rest von Menschlichkeit gelassen.“

Auch ihre Großmutter Golda hatte inmitten des Wahnsinns der Vernichtung ihre Menschlichkeit bewahren können. Aus den Ritzen der Planken der Barackenböden in Auschwitz wuchsen Sträucher mit roten Beeren. „Sie merkte, dass sie mit dem Saft der Beeren die Wangen wie mit Rouge färben konnte. Jeden Morgen hat meine Großmutter das mit den Alten und Kranken gemacht, damit sie beim Morgenappell nicht zu krank aussahen.“ Denn das wäre ihr Todesurteil gewesen.

Barbara Greenspan Shaiman bei ihrem Besuch - Foto: Hebel

„Hass entmenschlicht nur“

„Jede Form des Hasses entmenschlicht Menschen“, sagte Greenspan Shaiman. Ihre Familie habe es nicht zugelassen, dass der Hass auf die Täter, die ihn so sehr verdient hätten, ihre Herzen vergiftet hat. „Warte nicht, bis Hass an deine Tür klopft. Bemerke den Hass, benenne ihn – und stoppe ihn“, sagte die 77-Jährige. Jede Nacht höre sie die Stimme ihrer Mutter, die sie nicht Barbara, sondern Bella nannte, der Name, den sie in den USA nicht verwenden sollte, weil er nicht amerikanisch genug geklungen habe. Die Frage laute immer gleich: „Was hast du heute getan, um ein Mensch zu sein, Bella?“

Waren ergriffen von Barbara Greenspan Shaimans Erzählungen (vorne von links): Dorina Kuzenko und Ilse Danziger von der Jüdischen Gemeinde mit Peter Küspert, hintere Reihe der Leiter des Stadtarchivs Lorenz Baibl und Kulturreferent Wolfgang Dersch. - Foto: Eckl

Der Film heißt auf Deutsch „Das Erbe des Korallenrings“. Der Titel erinnert an ihre Großmutter Golda, die einst mit Korallenschmuck gehandelt habe. Auf wundersame Weise bekam sie ihn nach dem Ende des Nazi-Regimes wieder. Heute trägt Barbara das Erbe des Korallenrings weiter, etwa mit diesem Film, der auch auf Amazon Prime zu sehen sein wird.