Wenn Gott wählen dürfte - würde er die Katholische Kirche wählen?

Einmal im Jahr lädt die Medienabteilung des Regensburger Bischofs zum Jahresempfang. Bisher fanden diese entweder im Priesterseminar am Bismarckplatz oder im Diözesanzentrum statt. Diesmal lud Dr. Dr. Stefan Groß, Sprecher des Bischofs, in den Andreasstadel, der seit vergangenem Jahr von der Katholischen Jugendfürsorge betrieben wird. Kirche ist, vor allem in einem so großen und ländlich geprägten Bistum wie dem Regensburger, ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor.
Groß hatte einen der bekanntesten Soziologen Deutschlands eingeladen: Hartmut Rosa, bekannt geworden durch seine Soziologie der Zeit, die den modernen Menschen häufig als Geisel nimmt. Dass die Wahl auf Rosa fiel, verwundert nicht – landete der Soziologe mit dem Buch „Demokratie braucht Religion“ durchaus einen Verkaufshit, dessen Essenz dem Bischof und seinen engsten Mitarbeitern in der ersten Reihe durchaus gefallen haben dürfte.
„Wir wissen, dass die Demokratie, ja dass Politik in der Krise ist“, sagte Rosa. Er lehre in Thüringen, da frage man ihn öfter mal: „Was stimmt denn mit den Ossis nicht?“ Seine Antwort sei dann stets: Die seien ganz normal, denn die hohen Wahlergebnisse für die AfD spiegelten nur wieder, was in anderen europäischen Ländern oder in den USA längst der Fall sei. Der Rechtsruck sei aber auch Folge daraus, „dass wir uns Politik als Kampffeld vorstellen“.

Statt Lösungen zu präsentieren, würden sich Regierende und Opposition in der Demokratie wie in einem Krieg bekämpfen. Kürzlich habe ein Bundestagsabgeordneter vor ihm beklagt, dass die Menschen nicht mehr erreichbar seien. „Dabei ist die Demokratie ein Versprechen der Moderne. Die Ordnung ist nicht vorgegeben von einem König, aber auch nicht von Religion, das will ich schon sagen“, so Referent Rosa. Jeder dürfe mit seiner Stimme mitbestimmen.
Doch das käme in der Demokratie ins Rutschen. Rosa zitierte Trump in seinem ersten Präsidentenrennen die Abgehängten im Rustbelt von Detroit adressierte und sagte: „I am your voice“. Er machte sich nicht zu deren Stimme, konstatierte Rosa. Sondern: „Er sagte, es gibt nur noch eine Stimme.“
Regensburgs Bischof Vorderholzer bleibt bei seinem „Nein“
Der Soziologe skizzierte seine Idee von Resonanzräumen und einer von ihm beschriebenen Krise der Anrufbarkeit. Das machte er durchaus anekdotisch deutlich.
„Wer zum Flughafen fährt, der darf sich nicht ablenken lassen von einer Katze oder auch einem Bedürftigen am Wegesrand.“ So ginge es uns in den modernen Gesellschaften permanent: Wir seien „ständig auf dem Weg zum Flughafen“, also abgelenkt. Im Kapitalismus sei der Nützlichkeitsgedanke zudem allgegenwärtig. Der moderne Mensch, er frage sich sogar in Partnerschaften, wie nützlich der Partner sei. Und wechsle ihn im Zweifel.
An die Priester und den Bischof gerichtet, sagte Rosa: „Ich behaupte, dass Sie die Spezialisten für Anrufbarkeit und Resonanz sind.“ Religion mache dies erlebbar: „Etwas berührt mich. Ich antworte darauf. Es verändert sich. Aber ich kann es nicht verändern.“
Wackelig wurde es, als Rosa dann kurz mal die Eucharistie erwähnte und dann schnell zum protestantischen Abendmahl wechselte, da war ihm offenbar wohler. Rosa, dessen Buch jetzt auch in Autokratien wie der Türkei erscheint, machte aber auch klar: „Wir brauchen keine evangelikalen Christen und keine Taliban.“