Abensberger Judoka im Fadenkreuz eines Regimes – Sicherheitskräfte bedrohten Familie

Von Martin Rutrecht · 16. November 2025 um 18:25

Saeid Mollaei wird im Iran geächtet, weil er gegen Israelis kämpft. Bei einer WM erfährt der Judoka des TSV Abensberg (Landkreis Kelheim) unverhohlen Drohungen, seine Familie wird unter Druck gesetzt. Am Ende flüchtet er nach Deutschland – und trotzt der Staatslinie. Auch heute darf er sich nicht sicher fühlen.

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Weltmeister Saeid Mollaei wollte sich wieder mit den besten Judoka messen. Doch sein Heimatland Iran war dagegen – weil der Abensberger Athlet auch auf einen Israeli treffen sollte. Sicherheitskräfte standen vor Mollaeis Elternhaus, Offizielle sprachen Drohungen aus. Mollaei verlor absichtlich und flüchtete nach Deutschland.

Für den Iran ist Saeid Mollaei ein „Verräter“, eine „ungeheure Schande“, so tat es der Judoverband des Staates kund. Der 33-Jährige sagt: „Ich will gegen jeden kämpfen, egal aus welchem Land er stammt.“ Aus Sicht des Regimes im Iran existiert Israel aber nicht, der Staat gilt als Besatzungsmacht. Die krude Logik aus der Ablehnung: Ein Land, das es nicht gibt, hat auch keine Sportler. Iraner dürfen nicht gegen Israelis antreten, was aber offiziell niemand sagt.

Genau dieses Szenario zeichnete sich bei der Judo-WM 2019 in Tokio ab. Mollaei war bis dahin ein Volksheld im Iran, im Jahr zuvor hatte er Gold für sein Land bei der Weltmeisterschaft erkämpft. Nun trat die damalige Nummer eins der Welt zur Titelverteidigung an. Alle Prognosen deuteten auf den Israeli Sagi Muki, der früher auch für den TSV Abensberg kämpfte, als Finalgegner hin. „Schon vor der Abreise gab es Probleme“, deutet Mollaei an. Am Tag des Wettkampfs nahmen Offizielle über seinen Chefcoach unverhohlen Einfluss auf ihn.

Die Angst packte ihn

Die beiden Favoriten fegten durch das Feld der 81-kg-Athleten. Auf Mollaei wartete im Halbfinale ein Belgier, auf Muki ein Ägypter – das Finalduell rückte näher. Über die genauen Ereignisse im Hintergrund möchte Mollaei heute nicht mehr sprechen. „Er will seine Ruhe haben“, weiß auch TSV-Judo-Abteilungsleiter Martin Oberndorfer. Berichtet wurde damals: Es gab Anrufe mit Drohungen. Und vor Mollaeis Haus im Iran bedrängten Sicherheitskräfte seine Eltern.

Der Iraner war verzweifelt. „Mich packte die Angst.“ Sollte er sich ins Finale gegen Muki kämpfen, „werden ich und meine Familie hundertprozentig Probleme bekommen“. Mollaeis Ausweg: „Ich habe gegen den Belgier absichtlich verloren.“ Auch den Kampf um Bronze gab er ohne Gegenwehr ab – um bei einem Sieg nicht mit einem Israeli auf dem Podest zu stehen.

Nach den Ereignissen war Mollaei bei Medien oft gefragt. - Foto: Roland Weihrauch/dpa/picture alliance

Sagi Muki wurde Weltmeister. Und Mollaei gratulierte. „Diesen Charakter muss man erst haben. Einen Israeli bei diesem Druck aus dem Heimatland auch noch zu beglückwünschen“, sagt Oberndorfer. Damit war der Verrat aus Sicht des Iran perfekt. Mollaei wurde nahe gelegt, nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Er flüchtete nach Deutschland, schon damals war er mit einer Deutschen liiert. Es falle ihm sehr schwer, dass er seine Eltern und Freunde nicht mehr sehen könne, sagte Mollaei damals. Ob sie seinerzeit oder heute Repressalien ausgesetzt sind, lässt sich nicht sagen.

Auch wenn er im Iran nun geächtet war, ging der Weltklasse-Judoka seinen Weg. Er trat 2021 bei einem Grand Slam in Israel an. Bei den Olympischen Spielen im selben Jahr gewann Mollaei für die Mongolei Silber. „Ich danke Israel. Die Medaille ist für euch“, sagte er und setzte hinzu: „Es gab viele schlimme Dinge, die ich von mir entfernt halten musste.“

Mit Israeli Arm in Arm

Ein Jahr später kam es auch zu einem Aufeinandertreffen mit seinem Freund Muki beim Grand Slam in Budapest. Mollaei siegte, die beiden posteten Fotos Arm in Arm in Sozialen Medien. Von der internationalen Bühne ist der Iraner, der zuletzt unter der Flagge Aserbaidschans kämpfte, inzwischen abgetreten.

Heute hat er die deutsche Staatsbürgerschaft und zeigte seine Klasse heuer eindrucksvoll als neuer Meister bei den nationalen Titelkämpfen. Beim Bundesliga-Finale konnte er Rekordmeister Abensberg nicht helfen, da er verletzt war. „Ich komme aber wieder“, sagt Mollaei.

Er ist ein absoluter Charaktertyp mit viel positiver Energie.Martin Oberndorfer, Judo-Abteilungsleiter TSV Abensberg

Der TSV hatte schon länger Kontakt zu Mollaei. Zwischenzeitlich trat er für den KSV Esslingen an. Nun steht er bei den Babonen auf der Liste. Bei Heidelberg arbeitet er zudem als Stützpunktcoach. „Saeid ist nach wie vor ein Judoka mit Weltklasseformat“, erklärt Abteilungschef Oberndorfer. Und er sei ein „absoluter Charaktertyp mit viel positiver Energie“.

Über die Vergangenheit redet Saeid Mollaei auch in Abensberg wenig. „Er möchte all das hinter sich lassen und einfach Sportler sein“, ist Oberndorfers Eindruck. In Deutschland fühle er sich sicher, bekundet der Athlet. In seine Heimat wird er unter dem derzeitigen Regime nicht mehr zurückkehren können.