Oberpfälzer Konzern Cherry rechnet mit Umsatzeinbußen in Millionenhöhe

Eine politische Entscheidung in Berlin macht dem Oberpfälzer Konzern Cherry einen Strich durch die Rechnung. Der Vorstandsvorsitzende spricht von einem „schwerwiegenden Eingriff in die Planungssicherheit für mittelständische Akteure“.
Die Regierungsparteien haben sich in der vergangenen Woche im Bundestag darauf geeinigt, dass Physiotherapeuten, Logopäden und andere „Heil- und Hilfsmittelerbringer“später als geplant an die zentrale digitale Infrastruktur des Gesundheitswesens angeschlossen werden müssen. Das hat offenbar konkrete Folgen für Cherry: Das Unternehmen aus Auerbach im Kreis Amberg-Sulzbach rechnet einer Mitteilung zufolge im kommenden Jahr mit „Umsatzeinbußen in Millionenhöhe“.
Eigentlich hätte die Pflicht zur Anbindung an die sogenannte Telematikinfrastruktur (TI) bereits ab 1. Januar 2026 gelten sollen. Nun wurde diese auf Antrag von Union und SPD um ein Jahr auf Anfang 2027 verschoben. Cherry – das Unternehmen produziert entsprechende Hard- und Software – spricht in seiner Mitteilung vom Donnerstag von „rund 90 000 Heil- und Hilfsmittelerbringern“, die davon betroffen sind. Dazu zählen unter anderem Physio- oder Ergotherapeuten, aber auch Sanitätshäuser.
Ein schwerwiegender Eingriff in die Planungssicherheit
Man habe die Beibehaltung der ursprünglichen Frist „als verbindliche Geschäftsgrundlage zwischen Politik und Wirtschaft betrachtet“, teilt Cherry mit. Das Unternehmen sieht laut Mitteilung „einen schwerwiegenden Eingriff in die Planungssicherheit für mittelständische Akteure, die auf klare politische Vorgaben angewiesen sind“.
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Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Oliver Kaltner, spricht von einem „Rückschritt für die Versorgung“ und „einem enttäuschenden Signal“. Ihm zufolge ignoriert die Verschiebung den Mehrwert der Telematikinfrastruktur in der Patientenversorgung. Zum Beispiel könne damit schnell auf wichtige Daten in der elektronischen Patientenakte zugegriffen werden. Gleichzeitig schade man den an der Anbindung der Praxen beteiligten Unternehmen, die „erhebliche Vorleistungen“ erbracht hätten. „Zudem werden die Digitalisierungs- und Entbürokratisierungsziele der deutschen Bundesregierung massiv eingebremst“, so Kaltner.
Viele Praxen hätten investiert
Ähnlich äußert sich Manuela Pintarelli-Rauschenbach, Bundesvorsitzende des Verbands für Physiotherapie (VPT): „Wer es mit der Digitalisierung ernst meint, darf sie nicht ständig vertagen.“ Viele Praxen hätten „investiert, geschult und vorbereitet“. „Sie dafür nun erneut warten zu lassen, ist nicht nur unfair, sondern auch wirtschaftlich und organisatorisch kontraproduktiv“, so Pintarelli-Rauschenbach.
Cherry erwartet bereits für das aktuell laufende vierte Quartal einen „unmittelbar entgangenen Umsatzbeitrag“ von mehreren Millionen Euro. Auch im kommenden Jahr rechne man mit Einbußen in Millionenhöhe, heißt es von dem Unternehmen. Man habe „unverzüglich Maßnahmen zur Umsatzkompensation und zur weiteren Stärkung der Marktposition im Bereich Digital Health eingeleitet“. Mit der Sparte - übersetzt „Digitale Gesundheit“ – ist der Konzern unter anderem Marktführer in Deutschland bei Lesegeräten für die Gesundheitskarte.
Bereits angebunden an die Telematikinfrastruktur sind Arztpraxen und Apotheken. Hier setzt Cherry nun darauf, dass bestehende Geräte und Systeme ersetzt werden. Außerdem wolle man seine eigenen Softwarelösungen in dem Bereich stärker vermarkten.
Gesundheitswesen bleibt dennoch sehr wichtig
Der Mitteilung zufolge sieht das Unternehmen in der Digitalisierung im Gesundheitswesen weiterhin Potenzial. 2024 hat die Sparte „Digital Health“ ein Umsatzwachstum von über 50 Prozent im Vergleich zu 2023 verzeichnet. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres ging der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum allerdings um knapp 27 Prozent zurück. Allerdings hatte das Unternehmen in der ersten Hälfte von 2025 einen Teil des Geschäfts verkauft. Berücksichtigt man das, lag das Minus beim Umsatz bei lediglich etwa fünf Prozent.
Insgesamt sank der Neun-Monats-Umsatz des Konzerns um 16 Prozent auf 70,7 Millionen. Unterm Strich stand für Cherry ein Verlust von minus 20,4 Millionen Euro – nach minus 13,8 Millionen Euro im Vorjahr.
Wirtschaftsprüfer lehnt Mandat ab
• Mitteilung: Eine Ad-hoc-Meldung des Oberpfälzer Konzerns Cherry lässt aufhorchen: Demnach hat die von der Hauptversammlung gewählte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RSM Ebner Stolz dem Unternehmen mitgeteilt, nicht als Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2025 zur Verfügung zu stehen. Man führe nun Gespräche mit zwei „namhaften Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zur Übernahme des Mandats“, heißt es von Cherry.
• Hintergründe: Wieso RSM Ebner Stolz dem Konzern abgesagt hat, ist unklar. Dahinterstecken könnte die aktuelle Lage des Oberpfälzer Unternehmens: Cherry selbst schreibt im aktuellen Quartalsbericht von „erheblichen Unsicherheiten hinsichtlich der Fortführungsfähigkeit“ des Unternehmens. Solche Hinweise machen Prüfungen komplexer und erhöhen das Haftungsrisiko für Prüfer.
• Folgen: Die Ablehnung des Mandats ist auch Thema im Quartalsbericht: „Die möglichen Auswirkungen auf den Ablauf und den Zeitplan der Jahres- und Konzernabschlusserstellung 2025 werden derzeit analysiert.“