Bildungsstätte St. Gunther in Cham ist frisch saniert für 95 Schüler – Doch nun sind 160 da

Von Christoph Klöckner · 11. November 2025 um 17:00

Die Bildungsstätte St. Gunther ist etwas Besonderes. Hier kann es einem passieren, dass einen der kleine Josef einfach mal an die Hand nimmt und selig anlächelt. Reden mag er oder kann er nicht – aber breit lachen. Er geht hier mit seinen acht oder neun Jahren in eine Klasse, in der zwei Drittel seiner Mitschüler Windeln und viel Betreuung brauchen. So ist das in St. Gunther, das gerade darauf hofft, größer zu werden.

Die Einrichtung für Kinder mit besonderem Förderbedarf, die etwa geistig und/oder körperlich behindert sind, ist gerade saniert worden – für 95 Kinder. Dieser zahlenmäßige Bedarf sei der Schule von der Regierung genehmigt worden – entsprechend flossen die Fördergelder, sagt der Geschäftsführer der KJF, der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg, zu der St. Gunther gehört, Michael Eibl, der am Dienstag dort zu Gast war. Der Haken an der Sache: Die Schule hat aktuell 160 Schüler.

Es kamen mehr als errechnet

Entgegen der Prognosen steigen die Zahlen der Kinder, die eine besondere Förderung brauchen. Und diese Entwicklung sei kein Chamer Phänomen, sondern ein bayernweites, sagt Eibl. Seit dem Start ins Jahr ist das offensichtlich geworden: 300 Kinder mit Handicaps, die eine solche Einrichtung wie St. Gunther brauchen, standen vor der Türe, ohne dass sie erwartet wurden. Im Kreis Cham waren es 20 Kinder mit geistiger Behinderung, die in Gefahr standen, unversorgt zu bleiben, wenn nicht Platz für sie geschaffen wird.

Für die beiden Frauen, die bei St. Gunther seit kurzem neu in der Verantwortung sind, sei das gleich eine unerwartete Herausforderung gewesen, erläuterte Eibl. Erstmals ist die Leitung der Einrichtung gesplittet worden – die Gesamtleitung hat Katrin Kraus, Schulleiterin ist Doris Heckel. Im Team suchten sie nach kurzfristigen Lösungen. Sie entschieden sich für zwei den besonderen Anforderungen entsprechenden Klassencontainer, die neben St. Gunther Platz finden sollen. Eine Baugenehmigung dafür sei kein Problem gewesen, so Eibl. Doch an der Finanzierung hake es. Im aktuellen Haushalt der Regierung seien 72 000 Euro für solche Baumaßnahmen vorgesehen – der finanzielle Bedarf für den Container-Ausbau in Cham, der eigentlich ab September 2025 gebraucht wurden, liege bei einer Million Euro.

Und auf die Zusage, dass diese Mittel im Staatshaushalt 2026/27 bereitgestellt werden, warten nun Michael Eibl, Katrin Kraus und Doris Heckel. „Es gibt keinen Plan B“, sagt der KJF-Geschäftsführer. Wobei es bis heute leider noch keine Zusage der Regierung gebe, dass die Mitteln fließen.

Vorfinanzierung geht nicht

Die 100-prozentige Förderung müsse fließen, denn die KJF habe nicht die Möglichkeit, hier mit Krediten vorzufinanzieren. Der Verein habe insgesamt 103 Schulen, von denen noch einige saniert werden müssten, da sie alle vor etwa 50 Jahren gebaut worden seien.

Im September habe es hier 22 Einschulungen gegeben – „so viele wie noch nie“, sagt Doris Heckel. In St. Gunther liegt die Klassenstärke bei elf Kindern – mehr sei nicht möglich, da der Betreuungs- und Pflegeaufwand extrem hoch sei. Um den Eltern und Kindern zumindest kurzfristig etwas anbieten zu können, habe man verschiedene Zimmer im Schulgebäude notdürftig zu Klassen- und Therapieräumen umgestaltet. Die würden natürlich im Angebot für die anderen Schüler abgehen. Es gebe keine Rückzugsräume mehr, Fachräume würden nun fehlen, so Katrin Kraus. Denn mehr Schüler bedeute auch immer mehr Therapeuten, die auch Behandlungszimmer brauchen würden. So sei die Tagesstättenküche nun ein Behandlungsraum.

Bleibt die Frage, wie diese Kinder praktisch aus dem Nichts auftauchen können, wo doch sonst im statistikverliebten Bayern alles erfasst wird. Zum einen, sagt Michael Eibl, sei das ein Ergebnis medizinischen Fortschritts – immer mehr zu früh geborene Kinder mit wenigen hundert Gramm Geburtsgewicht, die vor Jahren keine Chance hatten, überleben. Davon wächst ein Teil mit Behinderungen auf.

Die zweite Quelle für Kinder mit Beeinträchtigung geht auf den Arbeitsmarkt zurück. Angelockt durch den hiesigen Bedarf an Arbeitskräften seien viele Menschen aus Osteuropa zugewandert, die auch solche Kinder mitbringen würden. „Die Kinder sind da und müssen versorgt werden“, sagte Michael Eibl. Ohne die Möglichkeit in St. Gunther müssten diese Kinder den Sprengelschulen zugewiesen werden.

Die Bildungseinrichtung St. Gunther

Seit 1976 gibt es die Bildungseinrichtung St. Gunther für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Hier wird den Kindern vermittelt, wie sie ihr Leben so gut wie möglich selbstbestimmt und selbstständig bewältigen können. Träger ist die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg. Die Bildungsstätte St. Gunther besteht aus der Interdisziplinären Frühförderstelle (IFS), dem Vorschulbereich mit Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und der Heilpädagogischen Tagesstätte – betreut aktuell insgesamt 183 Kinder. Die Schule selbst hat sechs Grundschul- und sechs Mittelschulklassen und ist mit 34 Lehrern gut versorgt. Insgesamt hat die Einrichtung St. Gunther in Cham aktuell 195 Beschäftigte – die meisten davon in Teilzeit.